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Geschichte der Derivate Teil 5 Weltneuheit aus Japan: Futures auf Reis

Gastautor: Dirk Heß
15.11.2019, 09:00  |  1802   |   |   

Derivate wie Optionsscheine sind keine Erfindung der Neuzeit. Ihr Einsatz reicht Tausende von Jahren zurück. Gehen Sie mit uns auf Zeitreise und erkunden Sie in einer mehrteiligen Serie die spannende Geschichte der Derivate. Heute: Wie die Japaner zu Zeiten der Shoguns und Samurais den Future-Handel erfanden.

Reis ist in Japan seit jeher ein Grundnahrungsmittel. In früheren Zeiten war er aber auch das mit Abstand wichtigste Wirtschaftsgut des Landes. So entfielen um das Jahr 1700 rund 90 Prozent der Regierungseinnahmen auf die Handelsware Reis. Die Regierung bestand zu dieser Zeit aus dem sogenannten Shogunat. Kopf dieses Konstruktes war der Shogun, darunter standen die Hatamoto. Während der Shogun das Land militärisch führte, waren die Hatamoto (deutsch: Bannerleute) privilegierte Samurai, die dem Shogun als Berater und Verwalter dienten und aufgrund ihrer Position eine besondere Stellung im Reich genossen.

 

Reis-Auktionen als Grundstein für den Terminhandel

Das wirtschaftliche Zentrum stellte im damaligen Japan die Hafenstadt Osaka dar. Reis aus dem ganzen Land wurde dorthin transportiert, gelagert und gehandelt. Im Frühstadium des Reishandels wurden die Waren in der Innenstadt auf Auktionen verkauft. Nach Abschluss des Geschäfts stellten die Verkäufer dem Käufer sogenannte Reisscheine aus, die das Eigentumsrecht verbrieften und die bei Lieferung beglichen werden mussten. Bis zum Liefertermin war es den Käufern freigestellt, die Scheine zu halten oder weiterzuverkaufen. Letzteres machte dann Sinn, wenn der Preis bis zur Lieferung stieg. Allerdings war der Zeitraum zwischen Auktion und Erfüllung vergleichsweise kurz. Im Laufe der Zeit verlängerten sich jedoch die Lieferzeiten und die Händler hatten die Möglichkeit, mit Reis auf Termin zu handeln. Mitte des 17. Jahrhunderts wurden auch sogenannte „Vorauszahlungsscheine“ oder „Leerscheine“ eingeführt. Verkäufer, meistens Samurai in Geldnöten, gaben solche Scheine an Käufer auf der Grundlage von zukünftigen Reisernten aus.

 

In Osaka wird der Future-Handel erfunden

Die eigentliche Leistung der Japaner in der Geschichte der Derivate bestand in der Standardisierung des Terminhandels. Zu diesem Zweck wurde der bislang in der Innenstadt beheimatete Reismarkt auf die zentraler gelegene Flussinsel Dojima im Nordwesten des damaligen Osakas verlagert. Auf diese Weise entstand im Jahr 1697 die Dojima-Reisbörse. Sie gilt als erster Future-Markt der Welt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Terminkontrakten, den Forwards, sind Futures hinsichtlich Liefermenge, Liefergegenstand, Lieferpreis und Lieferzeitpunkt vereinheitlicht. Erst eine solche Standardisierung machte einen regulierten und liquiden Börsenhandel möglich. Die Regeln für den Handel an der Dojima ähnelten bereits denen von modernen Terminbörsen: so gab es z.B. feste Handelszeiten. Außerdem mussten die Teilnehmer als Börsenmitglieder registriert sein. Am letzten Tag des Handelszeitraums – also dem Erfüllungszeitpunkt – mussten alle Positionen in bar oder durch physische Lieferung über eine Clearingstelle ausgeglichen werden. Weiterhin musste jeder Teilnehmer eine Kreditlinie bei einer Clearingstelle eingeräumt haben. Fiel ein Händler aus, übernahm die Clearingstelle dessen Vertragspflichten.

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