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Börsenweisheiten Von Kanonendonner und zittrigen Händen

29.11.2019, 14:52  |  13499   |   |   

Welche Weisheit weist wahre Wege? Ralph Malisch, Redakteur der wallstreet:online-Partnerredaktion Smart Investor (SI) und Stefan Preuß, SI-Gastautor, haben Börsensprüche u.a. von Kurt Tucholsky, Sir Isaac Newton und sogar von Karl Marx auf den Prüfstand gestellt.

Börsianer sind ein durchaus kommunikatives Völkchen. Da wird nicht nur gerne über vergangene Börsenabenteuer schwadroniert, sondern mit nicht weniger Eifer auch die aktuelle Situation analysiert oder über die weitere Entwicklung spekuliert – Irrtum eingeschlossen. Schon der Bankier Carl Fürstenberg formulierte treffend: „Im Unterschied zur Straßenbahn wird an der Börse zum Ein- und Aussteigen nicht geklingelt.“

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Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich im Laufe der Zeit viele kleine Spruchweisheiten rund um die Börse herausgebildet haben, die ganz unterschiedliche Aspekte des Marktgeschehens beschreiben. Vom Grundsatz her geht es meist um die Dos and Don’ts der Aktienanlage, oft genug mit einem starken Bezug zu Timingfragen. Häufig ist die ursprüngliche Quelle dieser Daumenregeln unbekannt, mitunter werden sie aber auch historischen Persönlichkeiten zugeschrieben; sei es, weil es sich um Kenner der Materie handelte, deren Ratschläge und explizite Warnungen auch für künftige Anlegergenerationen relevant sind, oder weil es sich um Gelehrte oder andere Größen ihrer Zeit handelte, die sich als Fachfremde an den Märkten ordentlich die Finger verbrannt hatten und nun ihrem Frust freien Lauf ließen. Welche dieser Evergreens auch heute noch gültig sind und welche man besser mit Vorsicht genießen sollte, klären wir im folgenden Beitrag.

In bester Gesellschaft

Insbesondere an Sprüchen, die ganz grundsätzlich vor der Börse warnen, herrscht kein Mangel: „Es gibt zwei Zeiten im menschlichen Leben, in denen man nicht spekulieren sollte: wenn man es sich nicht leisten kann, und wenn man es kann“, meinte etwa der amerikanische Schriftsteller Mark Twain, der auch mit weiteren Bonmots auf die Gefahren des Börsengeschäfts aufmerksam machte: „Oktober. Dies ist einer der besonders gefährlichen Monate, um am Aktienmarkt zu spekulieren. Die anderen sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Dezember, August, und Februar.“ Auch Schriftstellerkollege und Literatur-Nobelpreisträger John Steinbeck machte aus seiner Abneigung gegenüber den Märkten keinen Hehl: „Der sicherste Weg, an der Börse zu einem kleinen Vermögen zu kommen, ist, mit einem großen zu beginnen.“

Sir Isaac Newton, immerhin einer der größten Naturwissenschaftler aller Zeiten, war genau so einer, der mit einem großen Vermögen begann, dann aber mit einem kleinen endete. Sein resigniertes Fazit nach dem Platzen der sogenannten South Sea Bubble: „Ich kann zwar die Bewegung der Himmelskörper berechnen, aber nicht, wohin eine verrückte Masse von Menschen einen Börsenkurs treiben kann.“ Diese Art von Sprüchen erfüllt unter Börsianern vor allem eine wichtige psychohygienische Funktion: Wenn selbst weithin anerkannte Geistesgrößen an den Märkten Schiffbruch erleiden, wird das eigene Scheitern erträglicher.

Weltanschauung und Ideologie

Doch lange nicht jeder, der an der Börse kein gutes Haar lässt, hat deshalb auch eigene schlechte Erfahrungen mit dieser Einrichtung gemacht. Oft steht dahinter eine grundsätzliche Abneigung gegen die Institution, gegen den Kapitalismus oder den Menschenschlag, der für diese Einrichtung als prägend wahrgenommen wird: „Die Börse erfüllt eine wirtschaftliche Funktion. Ohne sie verbreiten sich neue Witze wesentlich langsamer“, ätzte beispielsweise Kurt Tucholsky. Das klingt zwar lustig, geht aber an der Sache vorbei. Und das wiederum wusste sogar einer, den man heute wohl als eingefleischten Marxisten bezeichnen würde: Karl Marx höchstselbst. Der nämlich räumte in seiner Kritik der politischen Ökonomie ein, dass erst die Akkumulation von Kapital an einer Sammelstelle, der Börse, beispielsweise den Bau der Eisenbahnen in Nordamerika und damit den immensen wirtschaftlichen Aufschwung überhaupt ermöglicht habe.

Kaufen, wenn die Kanonen donnern

Kommen wir vom Grundsätzlichen zum Praktischen. Einer der markantesten Timing-Rratschläge lautet: „Kaufen, wenn die Kanonen donnern und das Blut in den Straßen fließt!“ Ursprünglich war das sogar ganz wörtlich gemeint; der Ratschlag fußte auf der Erfahrung, dass die Kurse während bewaffneter Konflikte stark einbrachen. Es bedurfte schon echter Visionäre, optimistisch in die Zukunft zu blicken, während man gleichzeitig um Leib und Leben fürchtete. Allerdings zeigte die Erfahrung auch immer wieder, dass nach einem Krieg oft goldene Zeiten anbrachen – zumindest für die Überlebenden –, wobei es vor allem der Wiederaufbau war, der die Wirtschaft entsprechend begünstigte. Heute würde man einen solchen Rat wohl als zynisch und menschenverachtend bezeichnen, obwohl die dahinterstehende Logik den Praxistest ein ums andere Mal bestanden hat. In einem hoffentlich künftig nur noch übertragenen Sinn gelten die Zusammenhänge auch weiterhin: Egal ob Finanz-, Banken- oder Regierungskrisen, Rezessionen oder Umstürze – es lohnt sich, gierig zu sein, wenn andere ängstlich sind (Warren Buffett), oder das Material aufzunehmen, das die „zittrigen Hände“ (André Kostolany) abgeben. Sir John Templeton, der „Vater aller Fonds“, brachte es so auf den Punkt: „Die Zeit des größten Pessimismus ist die beste Zeit des Kaufens, die Zeit des größten Optimismus ist die beste Zeit, zu verkaufen!“

Die Deutschen und die Börse

Schon vor mehr als 100 Jahren hat der Großindustrielle Augustinus Heinrich Graf Henckel von Donnersmarck festgestellt: „Die Deutschen können mit der Börse nicht umgehen. Das Denken, dass Börse nur gut ist, wenn sie moralisch ist, ist falsch. Die Börse ist herzlos.“ Schon der Versuch, die Börse in moralischen Kategorien zu bewerten, muss scheitern. Es ist schlicht nicht ihre Aufgabe, Werturteile über einzelne Transaktionen abzugeben. Die einzige Kategorie, die für einen Markt relevant ist, ist dessen Effizienz bei der Koordinierung von Angebot und Nachfrage. Solange die Deutschen ein moralisierendes, ja verklärt romantisches Verhältnis zur Börse – wie auch allgemein zum Geld – pflegen, so lange wird sich deren Verhältnis zur Aktienanlage auch nicht nennenswert verbessern. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Aktienquote deutscher Haushalte im internationalen Vergleich weiter höchst unterdurchschnittlich bleibt – und das in einer der führenden Industrienationen der Welt mit reichlich Top-Unternehmen auf dem Kurszettel. Vielleicht wirkt hierzulande auch der Fürstenberg’sche Spruch, wonach der „Kleinanleger das Kanonenfutter der Börse“ sei, besonders intensiv nach, obwohl das Spielfeld längst durch elektronische Echtzeitinformation, Handelsplattformen und Insider-Gesetzgebungen weitestgehend eingeebnet worden ist.

Dreifaltigkeit des Handelns

„Never catch a falling knife“, „Sell in May and go away” und “The trend is your friend“ bilden gewissermaßen die Dreifaltigkeit der praktischen Handlungsanweisungen. Natürlich gilt in einem stochastischen Umfeld wie der Börse keine dieser Daumenregeln absolut und ausnahmslos. Dennoch ist man gut beraten, allenfalls dann gegen diese Empfehlungen zu verstoßen, wenn man wirklich ganz genau weiß, was man tut. Doch wann kann man dies an der Börse schon wissen?

Vergnügliches Potpourri

Eine vergnügliche Sammlung von Börsenweisheiten, die die vielen Facetten der Börse beleuchten, hat Dr. Herbert Müller vorgelegt – darunter z.B. diese: „Wall Street ist der Ort, an dem Menschen im Rolls Royce vorfahren, um sich von Menschen beraten zu lassen, die mit der U-Bahn zur Arbeit kommen“, hatte schon Warren Buffett über diesen merkwürdigen Ort und die Menschen beobachtet, die ihn bevölkern. Besonders gefährlich wird er, wenn dort die Jagd nach dem schnellen Geld beginnt, wie André Kostolany warnte: „Ich kann Ihnen nicht sagen, wie man schnell reich wird; ich kann Ihnen aber sagen, wie man schnell arm wird: indem man nämlich versucht, schnell reich zu werden.“ Börse ist eben zu einem großen Teil Psychologie, wie Müller feststellt: Von der Tulpenhausse über den Neuer-Markt-Wahnsinn bis zur Bitcoin-Manie gebe es eine lange Historie „irrationalen Überschwangs“.

Fazit

Die einzig wahre, allgemeingültige Börsenweisheit werden wir wohl weiter vergeblich suchen. Denn würden sich alle an dieser Richtschnur orientieren, käme der Handel zum Erliegen, weil sich schlicht keine Gegenpartei mehr fände. Dennoch enthalten viele der hier vorgestellten kleinen Weisheiten einen wahren Kern – ob der dem Anleger aber in einer konkreten Situation weiterhilft, kommt auf den Kontext an, und der erschließt sich dann doch meist erst in der Rückschau vollständig.

Autoren: Ralph Malisch, Stefan Preuß / Smart Investor

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