DAX+1,41 % EUR/USD-0,28 % Gold+0,57 % Öl (Brent)-2,05 %

Einzelhandel Auch Ikonen brauchen den Kunden – Kein Weihnachten mehr bei Barney

Gastautor: Manuel Jahn
29.11.2019, 12:04  |  116   |   |   

Der Fall der Stilikone Barney, NY, ist ein herber Verlust für den stationären Einzelhandel. Trotz Instagramability und berühmter Kundschaft wie Andy Warhol oder als Kulisse für „Sex in the City“ schaffte es eine der berühmtesten Fashion-Adressen nicht, profitabel zu sein.

Ein Trauerspiel für jene, die an die Unzerstörbarkeit von Ikonen glauben, eine Überfälligkeit für solche, die nur an die Mathematik im Handel glauben. Trotz der Instagramability preisgekrönter Schaufensterdekorationen oder kreativer Weihnachtsdekorationen, trotz berühmter Kundschaft wie Andy Warhol oder als Kulisse für „Sex in the City“ schaffte es eine der berühmtesten Fashion-Adressen nicht, profitabel zu sein. Nun, noch vor Weihnachten, schließt auch das Flaggschiff an der Madison Avenue, das Inventar wird verramscht.

Nicht alles super in der Super City.

Der Fall Barney lässt tief blicken in den Abgrund des Textileinzelhandels. Waren die letzten Jahre gekennzeichnet vom Verlust der Mitte mit den Verschiebungen an die Ränder – Discount und Luxus – trifft es nun den Luxus selbst. Dabei stellt sich heraus, dass selbst eine Stilikone sich niemals sicher fühlen kann im immer schnelleren Fashion-Zirkus. Weder die Luxusmarken, die lieber in eigene Stores investieren, noch die junge Avantgarde, die direkt vertreibt, haben zuletzt zu Barney gehalten. Den Rest habe die Immobilienwirtschaft erledigt: Angeblich erhöhte der Vermieter die Miete Anfang des Jahres noch um 72 Prozent, von 16,9 Millionen auf 27,9 Millionen Dollar.

New York – im Brennglas des Konsumwandels

Auch andere Adressen in New York kämpfen. Im Laufe der vergangenen Monate machten allein auf der Fifth Avenue die Kaufhäuser Henri Bendel und Lord & Taylor die Pforten für immer zu. Auch die Flagship Stores von Tommy Hilfiger und Polo Ralph Lauren gaben auf. Wer den Broadway rund ums Macys noch von vor 10 Jahren kennt oder die Gansevoort Street als neue urbane Hipness gefeiert hat, dürfte heute schockiert sein, wie schnell und konsequent im Big Apple der Stecker gezogen wird.

Die Schweiz – Abschied von den goldenen Zeiten des Detailhandels

Während sich der Kampf von Barneys in den USA über Jahre und unter mehreren Eigentümern hinzog, ist die Schweiz von einem Paukenschlag geweckt worden: Der Lebensmittelmulti Migros will sich von einigen Tochterfirmen trennen, darunter von seiner Warenhauskette Globus, eine Institution und ein Publikumsmagnet für eine Reihe von Schweizer Fußgängerzonen und Shoppingcentern. Dem Vernehmen nach verliert Globus Jahr für Jahr rund 50 Millionen Euro Umsatz und könne so nicht aus den roten Zahlen herauskommen. Eine Rosskur unter neuem Eigentümer scheint unvermeidlich. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass sich die Signa-Gruppe hierfür anbietet. Waren es Anfang des Jahrzehnts noch Grenzregionen oder von Deutschen schlecht geplante Einkaufszentren, in der sich die Probleme des Einzelhandels konzentrierten, dehnen diese sich längst auch in die besten Citylagen aus. Auch Manor und Coop kränkeln.

Die Krise des Einzelhandels ist eine Krise des Materiellen

Hinwendung auf der einen, Abwendung auf der anderen Seite: Wir erleben, wie in der gesamten westlichen Konsumwelt große Bestandteile des Umsatzkuchens im Einzelhandel und in den angrenzenden Sektoren des privaten Konsums zur Umverteilung anstehen. Während traditionelle Nonfood-Warenkörbe vor allem in den Online-Handel umgeschichtet werden, legen Essen und Trinken deutlich zu. Die materiell gut versorgte, aber gleichzeitig gut informierte Konsumgesellschaft verschiebt ihren Fokus zunehmend auf eine nicht-materielle Bedürfnisbefriedigung. Die Immobilie wird vor diesem Hintergrund zur Bühne von Gefühlen und Einstellungen, Lifestyle und Gruppenzugehörigkeiten.

Community statt Brand

Einkaufen ist für immer mehr Menschen persönlicher Ausdruck von Wertvorstellungen und Weltanschauungen. Brand Building ist heute ein interaktiver Prozess, der immer weniger von Marketingmanagern, aber immer mehr von Blogs und Influencern abhängt. Nicht mehr die Brand steht im Zentrum, sondern der Konsument. Ausgerechnet der deutsche Lebensmitteleinzelhandel mit einem Onlineanteil am Gesamtumsatz von nur gut 1 Prozent verfügt über die höchste Aktivierungsrate im Internet. Denn kein anderes Thema weckt dort mehr Aufmerksamkeit als das Thema Ernährung. Ob Edeka, Rewe oder Lidl, die großen Lebensmittelhändler spielen beim Spiel um Frische, Convenience, Bio, Superfood und Regionalität ganz vorn mit, machen Einkäufe zu den berühmten 15 Minuten tägliche Quality Time. Die Bühne sind die 28.000 Nahversorgungsstandorte, im Schnitt 5 Minuten von der Haustür entfernt. Convenience at its best.

Diesen Artikel teilen
Mehr zum Thema
Klicken Sie auf eines der Themen und seien Sie stets dazu informiert. Mehr Informationen hier.
ImmobilienHandelSchweizKonsumUmverteilung


0 Kommentare

Schreibe Deinen Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren. Anmelden | Registrieren

 

Disclaimer



wallstreet:online KOSTENLOS AM PULS DER BÖRSE

Behalten Sie den Durchblick im Gebühren-Dschungel

Kostenlos & Exklusiv

Hiermit informieren wir Sie über die Verarbeitung Ihrer personenbezogenen Daten durch die wallstreet:online AG und die Ihnen nach der Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO) zustehenden Rechte. Zu den Informationen


(siehe https://www.wallstreet-online.de/newsletter)

Jetzt abonnieren