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Wirtschaftsstandort in Gefahr? Diese drei Bundesländer ziehen Millionen-Investitionen von US-Unternehmen an - Was läuft falsch in Deutschland?

04.12.2019, 15:26  |  1889   |   |   

Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sind zukünftig die attraktivsten Bundesländer für Investitionen von US-Unternehmen mit Tochtergesellschaften in Deutschland. Laut der jüngsten KPMG-Studie "US-Business in Germany 2020" besteht kein Interesse an: Thüringen, dem Saarland, Bremen oder Schleswig-Holstein. Generell sind der Norden und Osten kaum attraktiv. Was läuft da schief? 

Ein Alarmsignal für die deutsche Politik sollte die sinkende Investitionsbereitschaft von US-Unternehmen in Deutschland sein. Im Jahr 2017 gaben 47 Prozent der befragten US-Unternehmen an, dass man in den kommenden drei Jahren zehn Millionen Euro und mehr in Deutschland investieren wolle. Jetzt haben nur noch 24 Prozent diese Absicht, so die KPMG-Studie. Große Investitionen in Deutschland könnten zukünftig ausbleiben.

Die Situation hat sich von 2017 zu 2019 deutlich verändert. Während 13 Prozent der US-Unternehmen 2017 weniger als eine Million Euro in den nächsten drei Jahren in Deutschland investieren wollten, sind es 2019 insgesamt 26 Unternehmen mit dieser Absicht. Die Zahl der US-Unternehmen ohne Investitionsabsicht hat sich mehr als verdoppelt - von sechs auf 13.

„Bürokratische Hemmnisse haben in der Vergangenheit ausländische Unternehmen in der Regel nicht von Investitionen abgeschreckt“, meinte Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank. Ein neues Thema sei allerdings die von Brüssel getriebene Besteuerung von Umsätzen international agierender Unternehmen. „Das stößt insbesondere in den Vereinigten Staaten politisch auf wenig Gegenliebe, so dass eine Intensivierung der Zollauseinandersetzung jederzeit möglich sein kann. Die USA haben in diesem Zusammenhang bereits Frankreich Zölle in Höhe von 100 Prozent angedroht“, so Lang exklusiv gegenüber wallstreet:online.

Höhe der geplanten Investitionen von US-Unternehmen in Deutschland 2019 vs. 2017 (Quelle: KPMG-Studie, S. 15.).

Eine Investitionsbremse sei das deutsche Steuersystem, so ein weiteres Ergebnis der KPMG-Studie. Dabei sehen 21 Prozent der US-Unternehmen das deutsche Steuersystem innerhalb der EU in Bezug auf Investitionen unter den fünf unattraktivsten und somit am unteren Ende. Ferner habe die jüngste Steuerreform in den USA dazu geführt, dass US-Unternehmen weniger im Ausland investieren, so die Autoren der KPMG-Studie. Dies habe die Situation für Deutschland weiter verschärft. Otmar Lang dazu: „Die trumpsche Steuerreform hat für US-Unternehmen vitale Anreize geschaffen, stärker auf dem Heimatmarkt zu investieren.“ Und weiter: „Hatten US-Unternehmen die Gewinne ihrer Tochterunternehmen in der Vergangenheit noch im Ausland belassen, um der Besteuerung in den USA zu entgehen, tritt jetzt der gegenteilige Effekt ein“, so der Volkswirt Lang.

Laut der Studie gehören zu den weiteren Hemmnissen die hohen Personalkosten. Hier zeigt sich jedoch ein zweigeteiltes Bild: Auf der einen Seite stehen die Kosten und auf der anderen Seite sehen 77 Prozent der befragten US-Unternehmen Deutschland europaweit unter den TOP-5 Ländern, was die Arbeitsproduktivität angeht.

Ein weiteres Problemkind sei der Bereich Infrastruktur in Deutschland, wo es großen Aufholbedarf gebe, so die KPMG-Studie. Im Dezember 2018 waren nur 3,2 Prozent aller Festnetz-Breitbandanschlüsse reine Glasfaser, was unter den OECD-Ländern den geringsten Ausbau darstelle. Ferner belasten der Fachkräftemangel und komplexe Genehmigungsverfahren, was zu einem Investitionsstau geführt habe. Otmar Lang: „Dass infrastrukturell in Deutschland nicht mehr alles glänzt, hat sich im Ausland leider längst herumgesprochen. Damit ist nicht nur die Straße oder die Schiene gemeint, auch im Bereich der Digitalisierung hinkt Deutschland stark hinterher“, konstatierte der Chefvolkswirt der Targobank. Im Ausland stelle man sich die Frage, wie alle diese Themen gleichzeitig angepackt werden können und wann mit Lösungen zu rechnen sei.

Die Mehrheit der Befragten sahen Deutschland unter den TOP-5 im EU-weiten Vergleich in den Bereichen öffentliche Sicherheit, Arbeitnehmerproduktivität, Lebensstandard und politische Stabilität. „Bei allen Unkenrufen kann die Bundesrepublik in vielen Bereichen durchaus punkten. Das hat nicht zuletzt die Entscheidung Elon Musks gezeigt, ein Tesla-Werk in Brandenburg bauen zu lassen“, sagte Lang. Damit Investitionsankündigungen wie diese keine singulären Ereignisse bleiben, müsse die öffentliche Hand massiv und auf mehreren Ebenen in die heimische Infrastruktur investieren, so Lang. Daher fordert er: „Wir benötigen eine konsequent zu Ende gedachte Digitalisierungsstrategie, die Wirtschaft und Gesellschaft auf den größten Strukturwandel seit der Industrialisierung vorbereitet.“

Bewertung des Wirtschaftsstandorts Deutschland im EU-Vergleich (Quelle: KPMG-Studie, S. 17)

Trotz dieser Bestnoten gaben nur 17 Prozent der befragten US-Unternehmen an, dass sie sich optimal unterstützt fühlen. Deutschland müsse mehr dafür tun, um für ausländische Investoren den Standort attraktiver zu machen. An erster Stelle stünden die regulatorischen Bedingungen für ausländische Investoren, die vereinfacht werden sollten. Insgesamt zeige die Studie, dass Deutschland dringend handeln muss, um als Wirtschaftsstandort wieder attraktiver zu werden. 

„Die Bundesrepublik hat ein volles Hausaufgabenheft, das es abzuarbeiten gilt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die deutsche Politik nicht auf alle Rahmenbedingungen Einfluss nehmen kann“, meinte Otmar Lang. „Solange Donald Trump im Oval Office sitzt, sind langfristige Planungen schwierig. Dafür agiert der amerikanische Präsident außen- und handelspolitisch für den europäischen Geschmack zu sprunghaft“, so das Fazit von Lang.

Zur Studie
Zwischen dem 21. Mai und dem 5. Juli 2019 führte das Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid im Auftrag der KPMG eine Telefonumfrage mit 340 – überwiegend CFOs – Vorständen deutscher Tochtergesellschaften internationaler Konzerne durch. Von den Befragten waren 100 von US-Unternehmen aus den Bereichen Energie (1), Produktion (22), Handel (31), Informationen und Kommunikation (12), Finanzservice (9), Serviceanbieter (22) und Andere (3). Die Ergebnisse der 100 US-Unternehmen flossen in die KPMG-Studie ein.

Dr. Carsten Schmidt für wallstreet:online.

 

Quelle: US-Business in Germany 2020, Andreas Glunz und Warren Marine, KPMG-Publikation, Dezember 2019.

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