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Anti-Anleger-Gesetz Neuer Horror aus Olaf Scholz' Steuer-Giftschrank: „Beschränkung der Verlustverrechnung bei Einkünften aus Termingeschäften"

20.12.2019, 19:25  |  41042   |  32   |   

Es sieht danach aus, dass die GroKo-Regierung den Aufbau von privatem Vermögen wieder einmal massiv behindert. Laut Henning Bergmann, dem geschäftsführenden Vorstand des Deutschen Derivate Verbands (DDV), werde die Anerkennung von Verlusten mit einer neuen Steuergesetzgebung erheblich eingeschränkt. Die wallstreet:online-Redaktion hat den Kapitalmarkt-Experten zum exklusiven Interview gebeten:

wallstreet:online: Von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt wird in Berlin ein Gesetz durchgewunken, dass enorme Auswirkungen auf den Derivate-Markt haben könnte. Was ist da los?

Henning Bergmann: Es geht um eine Beschränkung der Verlustverrechnung bei Einkünften aus Termingeschäften und aus dem Ausfall von Kapitalanlagen im Privatvermögen. Von dieser Regelung sind viele Wertpapiere betroffen. Ab dem 1. Januar 2021 sollen Verluste aus Termingeschäften nur mit Gewinnen aus Termingeschäften und mit den Erträgen aus Stillhaltergeschäften ausgeglichen werden können. Die Verlustverrechnung ist beschränkt auf 10.000 Euro. Nicht verrechnete Verluste können auf Folgejahre vorgetragen werden und jeweils in Höhe von 10.000 Euro mit Gewinnen aus Termingeschäften oder mit Stillhalterprämien verrechnet werden, wenn nach der unterjährigen Verlustverrechnung ein verrechenbarer Gewinn verbleibt. Die Anerkennung von Verlusten wird damit im Vergleich zur aktuell geltenden Rechtslage erheblich eingeschränkt. Wir halten die Regelung für nicht zielführend und haben uns vehement dagegen ausgesprochen. Betroffen sind unter anderem auch Anleger, die sich absichern möchten. Im Detail stellen sich bei der Regelung nun auch noch zahlreiche Fragen.

wallstreet:online: Tauchen wir noch tiefer ein. Welche politischen Interessen und Ziele stecken hinter dem Gesetz?

Henning Bergmann: Diese Frage müssen die Bundesregierung und die Bundestagsabgeordneten beantworten. Wir können lediglich konstatieren, dass die Steuergesetzgebung derzeit darauf abzuzielen scheint, den privaten Vermögensaufbau deutlich zu erschweren - sei es durch das Gesetz für Verlustverrechnung oder die geplante Finanztransaktionssteuer. Im Zusammenspiel mit den überbordend bürokratischen Anlegerschutzanforderungen der Finanzmarktrichtlinie MiFID II werden Steuerzahler so zunehmend von einem Engagement am Kapitalmarkt abgeschreckt. Besonders in der Niedrigzinsphase ist das ein erhebliches Problem.

wallstreet:online: Welche Auswege bieten sich für Anleger zurzeit an?

Henning Bergmann: Anleger können das Thema mit ihren Bundestagsabgeordneten diskutieren und so versuchen, ihre Meinung einzubringen. Wie wir aus einer unserer aktuellen Umfragen wissen, steht das Thema Förderung der Wertpapierkultur für Privatanleger derzeit an erster Stelle ihres Wunschzettels an die Große Koalition, gefolgt von Steuergerechtigkeit.

wallstreet:online: Herr Bergmann, vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Christoph Morisse.

Kurzvita von Dr. Henning Bergmann
Rechtsanwalt und Bankkaufmann Dr. Henning Bergmann ist seit März 2019 geschäftsführender Vorstand des Deutschen Derivate Verbands (DDV). Zuvor war er bereits seit Oktober 2017 Geschäftsführer des DDV.

Von 2008 bis 2017 war er Leiter Kapitalmarktrecht beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband und damit verantwortlich für die Interessenvertretung auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene sowie die Umsetzung der Regularien in der Sparkassen-Finanzgruppe (unter anderem für das DSGV MiFID Projekt). Zuvor war von 2004 bis 2008 beim Sparkassenverband Niedersachsen tätig, zuletzt als Leiter Beteiligungen und Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft. Dr. Bergmann ist Autor mehrerer Publikationen zum Bank- und Kapitalmarktrecht und war lange Jahre Mitglied der Consultative Working Group für das Anlegerschutzkomitee (IPISC) bei der europäischen Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA.



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32 Kommentare

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Kommentare

Definiere Spekulant! :mad: Die Linke und die neue SPD würden sagen, Spekulant ist jeder, der beim Kapitalismus aktiv mitmacht.
Die Tragweite scheinen hier einige überhaupt nicht abschätzen zu können(genauso wie die Herren im Finanzministerium). Reflexhaft wird bei dem Thema an Spekulation, Wetten etc. gedacht.
Schlimm ist, dass eine sinnvolle Absicherung seines Depots mit Derivaten nicht mehr möglich sein wird.

Beispiele gefällig:
Absicherung eines 200000$ Depots gegen Währungsverluste.
Kauf von EURUSD-Futures. Der Dollar fällt um 10%, also 20000 Gewinn.
Rollen in den nächsten Verfalltermin. Der Dollar steigt wieder um den selben Betrag, d.h. 20000 Verlust. Mein Depot hat sich nicht verändert, der Hedge hat funktioniert, ich muss aber für 10000 Gewinn Steuern bezahlen. Das ist Irrsinn.

Weiteres Beispiel:
Ich kaufe einen Straddle, um gegen sehr starke Kursverluste abgesichert zu sein. Eine Seite des Straddles(Put oder Call) wird definitiv mit Verlust enden, den ich nach Ausschöpfung der 10000€ nicht verrechnen kann. Auch hier werde ich nach Steuern einen Verlust haben, obwohl mein Depot evtl. gleich geblieben ist.
Pervers!!!!
Das ist so, als ob ein Einzelhändler beim Bauern Äpfel kauft, davon ein Viertel verkauft. Der Rest ist faulig. Der Einzehändler kann aber die Einstandskosten für die fauligen nicht verrechnen.:confused:

Ich brauch die Möglichkeit der Absicherung dringend, da ich selbsständig bin und meine Altervorsorge privat organisieren muss.

Dieses Gesetz trifft eben nicht nur ein paar Spekulanten!!!
Trader zu vernichten wird sicher schon lange auf der Agenda von einigen SPD-Abgeordneten gestanden haben. Nur dass die CDU da mal mitmacht? Ich vermute, die SPDler feiern immer noch.

Es ist natürlich dreist, eine Wettgewinnsteuer ins ESTG zu packen, wohlwissend, dass das niemals rechtskonform ist. Ich nenne das Übergriffigkeit des Stasts oder Allmachtsfantasie.
Der DDV ist wach! Das habt ihr nicht kommen sehen... Ihr scheint nicht so den guten Draht nach Berlin zu haben. Aber immerhin habt ihr das Thema auf der Agenda. Mein Broker ist noch irgendwo zwischen Schockstarre und Verneinung ("Nene, das muss anders gemeint sein und betrifft garantiert nur die Verlustverrechnung von Jahr-zu-Jahr?!??"). Nebenbemerkung: Das sind die Typen die für mich die Steuer abführen... wenn die was falsch machen...hafte... ICH!

Freunde und Kumpels, die sich mit der Materie auskennen und Derivate handeln drehen schon total am Rad ("Muss ich ins Ausland?", "Brauch ich eine GmBH?" oder bald die Ich AG?).

Sollte die Beschränkung der Verlustrechnung tatsächlich so kommen (und es sieht ja momentan sehr stark danach aus), ist der Handel von Derivaten mit enormen finanziellen Risiken verbunden und nur noch in Einzelfällen interessant. Das Risiko, ohne Geld verdient zu haben Steuern zahlen zu müssen ist enorm hoch. Jahrhunderte alte Anleger-Grundregeln wie Diversifikation und Positions-Absicherung führen dazu, dass sich Gewinne und Verluste gegenüberstehen. Jetzt darf man Gewinne besteuern und die Verluste nur noch bis zum Cap verrechnen. Wenn ich mir meinen Steuertopf so anschaue, sind meine Gewinne ca. 10% höher als meine Verluste. Also kann ich noch maximal 1.000 EUR pro Jahr mit Derivaten verdienen, bevor die Steuer zu Verlusten führen würde. *kotz*

Ich frage mich ja auch, ob der Normalanleger das überhaupt versteht. Marktrisiko, Produktrisiko und jetzt auch noch Steuerrisiko.... Ich sehe schon die jungen Leute, die mit Revolut und ähnlichem hochvolatile Kryptowährungen im CFD-Format handeln, kotzen, wenn sie versuchen ihre Steuer zu machen (mit Auszügen vom britischen Broker) und dann schön nachzahlen dürfen (falls das FA das überhaupt kapiert).

Ich halte erstmal die Füße still und stoppe alle meine Trades bis das sich irgendwie geklärt hat. Unter dieser Unsicherheit kann man nicht agieren...

Ich frage mich ja, ob das schon länger so geplant war... haben sich doch gerade erst die zwei großen deutschen Banken vom Derivate-Geschäft verabschiedet. Die eine hats sogar verkauft... der arme Käufer :p.
Zitat von orofino1: Der Scholz ist der schlechteste Finanzminister seit 2. Weltkrieg.Er ist einfach unfähig.Ich habe ihn vor Jahren mal in einer Diskussion auf N-TV mit Kopper und Späth erlebt.Die Katastrophe.Er hat einfach nicht verstanden, worüber sich die beiden, was Finanzen angeht unterhalten haben.Er hat keinen konstruktiven Satz rüberbringen können.Und so einer ist Bundesfinanzminister.


Hier muss ich entschieden widersprechen! Der schlechteste Finanzminister war ganz klar Hans Eichel von Beruf Deutschlehrer.

Belegt hier:
https://www.sueddeutsche.de/geld/schuldenkrise-in-griechenla…

Beide sind allerdings völlig ungeeignet für dieses Amt!

Disclaimer

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