Giftige Mischung: Leitzinsen runter aber Inflation steigt erneut Krise am Bosporus? Erdogans Wirtschaftspolitik macht die Türkei zum Minienfeld für Anleger

03.01.2020, 13:56  |  31681   |   |   

Der türkische Präsident Tayyip Erdogan demonstrierte zum Jahresende 2019 mit der Präsentation des ersten türkischen E-Autos die wirtschaftliche Stärke seines Landes, so Reuters. Wollte er damit womöglich von den schwerwiegenden Problemen ablenken? Denn Währungskurs, Schuldenberg und militärische Auseinandersetzungen hemmen die türkische Wirtschaft. Womit sollten Anleger 2020 rechnen, die sich für das Schwellenland Türkei interessieren?

Die türkische Zentralbank hatte am 12. Dezember 2019 den Leitzinssatz überraschend um 200 Basispunkte auf 12 Prozent gesenkt, berichtete Reuters. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate fiel in der Türkei die Inflationsrate von 20,35 Prozent (Januar 2019) auf 8,55 Prozent (Oktober 2019), so Statista. Jüngste Berechnungen gehen davon aus, dass die Inflationsrate im Dezember 2019 auf 11,84 Prozent gestiegen sei, so die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Agency.

In den nächsten Monaten könnte das Zünglein an der Waage sein, ob der türkische Präsident auf eine weitere Senkung der Leitzinsen drängt, während die Inflation womöglich weiter steigen könnte. Dies wäre keine gute Situation für Anleger, die auf einen steigenden Kurs der türkischen Lira setzen, so das Portal Finanzmarktwelt.

Der Leitindex ISE 100 bzw. ISE National 100, der wichtigste Aktienindex der türkischen Börse, rutschte 2019 zwischenzeitlich auf 84.226 Punkte ab (21. Mai 2019), während er heute bei 115.758 Punkten steht. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate lag die Performance des ISE 100 bei +29,45 Prozent. In den vergangenen drei Jahren erreichte der ISE 100 den Höchststand bei 120.175 Punkten (22. Januar 2018). Wie lange die Rallye anhalten wird, ist ungewiss. Die Rendite der zehnjährigen Türkei-Anleihe (TR10YT=RR) fiel seit dem 16. Oktober 2019 von 15,39 Prozent auf aktuell 12,33 Prozent.

Trüber Wachstumsausblick   

Necip C. Bagoglu schreibt für Germany Trade & Invest (GTAI) in seinem jüngsten Wirtschaftsausblick: „Viele türkische Unternehmen sind finanziell schwer angeschlagen und verhandeln mit den kreditgebenden Banken über Umschuldungen.“ Ein weiterer Gefahrenherd gehe von den Bilanzschäden im Bau- und Energiesektor infolge der Lira-Abwertung aus. Und die Banken hätten einige schwere Lasten zu tragen. „Bei den Banken werden die notleidenden Forderungen von derzeit 5 Prozent des gesamten Kreditvolumens weiter zunehmen. Voraussichtlich werden staatliche Hilfen notwendig sein, um zumindest einen Teil der hohen Schulden des Privatsektors umzustrukturieren und Betriebe zu erhalten, die grundsätzlich rentabel sind“, so Bagoglu.  

Woher 2020 und darüber hinaus das erhoffte Wachstum und ein Anstieg der Anlageinvestitionen kommen sollen, sei für Bagoglu unklar. „Eine nachvollziehbare Begründung für die Annahme stark steigender privater Anlageinvestitionen ab 2020 liefert die Regierung nicht. Ob hochverschuldete Unternehmen allein aufgrund von künstlich herabgesetzten Kreditzinsen in eine Investitionseuphorie verfallen, erscheint aus heutiger Sicht wenig wahrscheinlich“, so die Einschätzung von Bagoglu.

Heimische Automarke TOGG: Der türkische Tesla?

Im Bereich E-Mobilität greift die Türkei an. Sie wolle bis 2022 ein eigenes E-Auto auf den Markt bringen, so Reuters. Ziel sei es, jährlich 175.000 E-Autos zu produzieren. Als Absatzmarkt kündigte der türkische Präsident in seiner Rede zur Präsentation des Fahrzeugs die ganze Welt an. „Wenn wir dieses Auto auf den Straßen der ganzen Welt sehen, werden wir unser Ziel erreicht haben“, so Erdogan.

Die Ladeinfrastrukturen sollen 2022 landesweit fertig sein. Produziert werden die Fahrzeuge im Automobilzentrum der nordwestlichen Provinz Bursa. Die türkische Regierung wolle das Projekt mit Steuernachlässen unterstützen, so Reuters.

Staat plant neue Steuern

Ein weiteres Instrument, um die Staatsbilanzen aufzupolieren, bilde ein Gesetzentwurf, der zahlreiche Steuererhöhungen vorsieht, so die ARD. Zukünftig könnten höhere Abgaben auf Spitzenverdiener zukommen. Ebenfalls im Fokus seien neue Abgaben auf Hotelübernachtungen und digitale Dienstleistungen. Ferner soll die Steuer beim Kauf bestimmter ausländischer Devisen erhöht werden. Steuerliche Entlastungen könnten auf börsennotierte Unternehmen zukommen. Die geplanten Maßnahmen seien dazu gedacht, die wirtschaftliche Erholung der Türkei voranzutreiben, so die ARD.  

Lira im Fokus

Der Devisenexperte Tatha Ghose von der Commerzbank sagte gegenüber Focus: „Wir prognostizieren eine deutliche Abwertung der Lira über einen Zeitraum von 6 Monaten.“ Nach Ansicht des Experten könnte die Kombination aus hoher Inflation und niedrigen Zinsen zum Problem für die türkische Wirtschaft werden. Ghose rechne mit Unternehmens- und Bankenpleiten, sobald der Wechselkurs um weitere 15 Prozent sinken würde. Gegenüber der ARD sagte Ghose über die nächsten Schritte der türkischen Zentralbank: „Sie wird weitere Zinssenkungen auf ihre Inflationsprognose für Ende 2020 von 8,2 Prozent stützen. Dies wird die Realzinsen der Türkei in den kommenden Monaten stark ins Negative treiben.“

Fazit

„Die Türkei steckt in einer ökonomischen Krise, ist politisch geschwächt und kulturell auf dem Weg in die Wüste“, so der Status quo laut der SZ-Journalistin Christiane Schlötzer. Das Land sei zu fast 100 Prozent von Öl- und Gasimporten abhängig, um seinen Energiebedarf zu decken. Dafür gehe das Land militärische Abenteuer ein, so Schlötzer. Das jüngste außenpolitische Abenteuer ist Libyen, wo es für die Türkei im Erdgasvorkommen gehe, so die Nachrichtenagentur dpa. Kritik am möglichen Einmarsch türkischer Truppen kommt aus Washington und Moskau. Somit ist und bleibt die Türkei für Anleger ein schwieriges, riskantes Unterfangen.

Dr. Carsten Schmidt für wallstreet:online

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2 Kommentare

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Kommentare

@costascon :Ich nehme mal stark an das du Türke bist oder deine Eltern zumindest.
Das lässt sich aus deiner „Schreibweise“ erklären.
Aber du übertreibst ein wenig mit der türkischen Industrie Revolution.
Es gibt ein paar gute Unternehmen die als Zulieferer geeignet sind.
Aber selbst Honda zieht sich 2022 aus der Türkei nach nur 5 Jahren zurück.
Die Ingenieure die dort hin gehen arbeiten meistens für große Unternehmen.
Nicht für die Regierung.
Heute in Ankara morgen in Bangkok.
Sowas wie Akademische-Söldner wie ich immer zu sagen pflege.
Das E-Auto sollte meiner Meinung nach „Türk-E“ heißen.Passt wie die Faust aufs Auge.
LG
Hmm, ist schon schade wenn Analysten mit Scheuklappen durch die Tasten huschen und nach der Peitsche parieren. 😁😁😁
Wir sind und bleiben EU Hypokraten.
Mittlerweile wandern deutsche Ingenieure in die Türkei aus. In der Automobil liefe in Deutschland nichts mehr ohne türkische Zulieferern, die zu den besten weltweit gehören. Deutsche Zulieferer können bei weiten nicht die Normstandarts einhalten und sind zumeist C Lieferanten. Wir haben einiges verschlafen und sind europäisches Rücklicht. In der Türkei hingegen brummt es wirtschaftlich, aber in den Medien hören wir seit Jahren immer das gleiche Lied über eine angeblich so marode türkisch Wirtschaft.

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