THYSSENKRUPP IM FOKUS Trennung von Aufzugsparte nimmt Fahrt auf

Nachrichtenagentur: dpa-AFX
30.01.2020, 08:35  |  633   |   |   

ESSEN (dpa-AFX) - Der Stahl- und Industriekonzern Thyssenkrupp hat ein turbulentes Jahr hinter sich. Am Freitag muss die neue Chefin Martina Merz bei der Hauptversammlung den Aktionären Rede und Antwort stehen, wie es bei dem kriselnden Unternehmen weiter gehen soll. Eins dürfte schon vorab feststehen: Neuigkeiten zur Trennung von der Aufzugsparte wird es wohl nicht geben. Allerdings bringen sich potenzielle Käufer jetzt in Stellung. Was beim Unternehmen los ist, was Analysten sagen und was der Aktienkurs macht.

LAGE BEI THYSSENKRUPP:

Hohe Verluste, keine Dividende für die Aktionäre: Für Thyssenkrupp endete ein turbulentes Geschäftsjahr ohne versöhnlichen Abschluss. Bei ihrem ersten Auftritt auf großer Bühne Ende November auf der Bilanzpressekonferenz hatte Merz eine vernichtende Schlussbilanz der Arbeit ihrer Vorgänger gezogen. "Nicht zufriedenstellend", "viel zu wenig in der Umsetzung", "weit hinter den Ansprüchen zurück" - Die Ingenieurin hängte Kritikpunkt an Kritikpunkt und schloss: "So wie bisher kann es nicht weitergehen."

Nun muss die aus dem Aufsichtsrat entsandte Managerin liefern. Zwei bis drei Jahre veranschlagt Merz, die den Konzern eigentlich höchstens zwölf Monate führen soll, für die Sanierung. Doch das kostet zunächst. Da auch der konjunkturelle Rückenwind fehlt, dürfte Thyssenkrupp im neuen Geschäftsjahr 2019/20 noch tiefer in die Verlustzone rutschen. Treffen wird der neue Kurs alle: Mitarbeiter, Manager, Aktionäre. Auf die mehr als 160 000 Beschäftigten kommen neue Unsicherheiten zu. Thyssenkrupp wird dabei möglicherweise mehr als die bisher geplanten 6000 Arbeitsplätze streichen.

Das neue Konzept sieht dabei viele Schritte vor, noch fehlen Details. Thyssenkrupp will sich wieder mehr auf seine Stammgeschäfte Stahl und Werkstoffhandel konzentrieren. Erster Punkt auf der Agenda ist daher die Trennung vom lukrativen Aufzuggeschäft. Dort haben sich Finanzinvestoren und Wettbewerber positioniert und erste Angebote abgegeben. Mit dabei: der finnische Aufzugkonzern Kone, der am Dienstag die Abgabe einer Offerte bestätigte. Die Nachrichtenagentur Bloomberg schrieb dabei unter Berufung auf informierte Personen, Kone biete zusammen mit Finanzinvestor CVC rund 17 Milliarden Euro und habe damit die höchste Offerte abgegeben. Die Finnen teilten lediglich mit, dass der genannte Preis nicht ganz aus der Luft gegriffen sei.

Thyssenkrupp hält sich bedeckt. Offiziell fährt das Unternehmen immer noch zweigleisig und prüft Optionen von einem Teil- oder Komplettverkauf sowie einen Börsengang. Die Entscheidung darüber soll voraussichtlich bis Ende Februar fallen. Die Erlöse benötigt Thyssenkrupp für die Sanierung des chronisch finanzschwachen Konzerns. Eine Entscheidung für eine der Optionen fällt dabei umso schwerer, da die Aufzugsparte der wertvollste Teil von Thyssenkrupp ist, den Löwenanteil zum Ergebnis beiträgt und somit die schwächeren Sparten auffängt.

Auch in den anderen Feldern wird kräftig gebaut. Der Verluste schreibende Anlagenbau soll operativ wieder in die Spur gebracht werden. Dabei prüft Thyssenkrupp die Möglichkeit, das Geschäft mit Partnern oder unter einem neuen Dach weiterzuentwickeln, und sucht Interessenten. Der Anlagenbau hatte sich zuletzt mit einigen Projekten verhoben. Das Komponentengeschäft will Thyssenkrupp in ein reines Autozuliefergeschäft umwandeln. Bislang fertigt das Unternehmen auch für andere Industrien wie etwa die Windkraft. Über Partnerschaften oder mögliche Portfolio-Maßnahmen soll dann später diskutiert werden.

Die beiden Großaktionäre, die Krupp-Stiftung sowie der Finanzinvestor Cevian, unterstützen die Pläne. Die übrigen Aktionäre Anteilseigner dürften jedoch am Freitag erheblichen Redebedarf haben.

DAS SAGEN ANALYSTEN:

Der Konzernumbau ist das bestimmende Thema, in einem möglichen Börsengang der Aufzugsparte sehen Analysten schon seit längerem ein großes Potenzial. In der Kritik steht Thyssenkrupp wegen der schwachen Bilanzkennzahlen und der hohen Verschuldung. Dabei nehmen die Experten momentan eine mehrheitlich abwartende Haltung ein.

Die große Frage bleibe, was der Konzern mit seiner Aufzugsparte anstellen wird, schrieb Analyst Carsten Riek von Credit Suisse in einer im Januar veröffentlichten Studie. Aus Sicht des Experten ist ein Teilbörsengang noch immer am wahrscheinlichsten. Er glaubt jedoch, dass dies den Markt enttäuschen dürfte. Ein zentrales Thema bleibe der wenig überzeugende Barmittelfluss. In Verbindung mit der Ergebnisentwicklung, der schwachen Bilanz und der Unsicherheit um die Zukunft der Aufzugsparte bleibe die Aktie weniger attraktiv.

Thyssenkrupp sei - sowohl strukturell wie auch zyklisch - die am stärksten unter Druck stehende Firma im europäischen Investitionsgütermarkt, konstatierte Lars Brorson von der britischen Investmentbank Barclays. Er sieht 2020 als Schlüsseljahr, das abhängig von Bewertung und Erlösen bei einem möglichen Verkauf der Aufzugsparte sei. Das kolportierte Kone-Angebot liegt dabei nach Ansicht des Analysehauses Kepler Chevreux im Rahmen der Erwartungen von 15 bis 17 Milliarden Euro.

Insgesamt sehen die Experten die Neuausrichtung positiv. Allerdings gehen sie von keinen schnellen Erfolgen aus. So erwartet Holger Fechner von der NordLB, dass die Umsetzung gerade in dem sich eintrübenden konjunkturellen Umfeld erst mittelfristig von Erfolg gekrönt sein dürfte.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Aktionäre von Thyssenkrupp sind leidgeprüft. Von Kursen über 26 Euro vor gut zwei Jahren ging es für die Papiere - wenn auch unter starken Schwankungen - immer weiter bergab. Im August vergangenen Jahres rutschten die Aktien erstmals seit 16 Jahren wieder unter die psychologisch wichtige Marke von 10 Euro. Zu diesem Zeitpunkt war der traditionsreiche deutsche Industriekonzern an der Börse weniger als sechs Milliarden Euro wert.

Viel hat sich seitdem nicht mehr getan. Bis zum November 2019 konnte sich der Kurs bis auf knapp 14 Euro stabilisieren, seitdem ist es wieder abwärts gegangen. Den letzten schweren Rücksetzer mussten die Aktien Ende November hinnehmen. Die Ankündigung deutlich höherer Verluste im vergangenen Geschäftsjahr und die Streichung der Dividende ließen den Kurs am Tag der Hiobsbotschaften um fast 14 Prozent einbrechen. Seitdem pendelte er zwischen etwa 11 und 12,50 Euro./nas/bek/knd/he

ThyssenKrupp

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