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Fiatgeld Ohne Rücksicht auf Verluste

31.01.2020, 17:07  |  25254   |   |   

Geld aus dem Nichts zu schaffen hat für die Mächtigen viele Vorteile. Am Ende zahlen die Bürger die Zeche. Gastbeitrag von Dr. Thorsten Polleit.

Vorsicht: Fiatgeld
Ob US-Dollar, Euro, chinesischer Renminbi, japanischer Yen, britisches Pfund oder Schweizer Franken: Sie alle sind ungedecktes Geld. Man kann es auch „Fiatgeld“ nennen. Vor allem drei Eigenschaften zeichnet dieses aus: (1) Fiatgeld ist staatlich monopolisiert; die staatlichen Zentralbanken haben das Produktionsmonopol inne. (2) Fiatgeld wird durch Kreditvergabe geschaffen, der keine echte Ersparnis gegenübersteht. (3) Fiatgeld ist entmaterialisiert, hat die Form von bunt bedruckten Papierzetteln und Einträgen auf Computerfestplatten (Bits und Bytes).

Das Fiatgeld ist nicht etwa auf natürlichem Wege entstanden. Es ist vielmehr in unnatürlicher Weise in die Welt gesetzt worden, aufgrund des absoluten Herrschaftsanspruchs der Staaten. Ganz entscheidend war dafür, dass die US-Administration im Jahr 1971 die Goldeinlösbarkeit des US-Dollar – damals wie heute die Weltleitwährung – aufgehoben hat. Durch diesen unilateralen Handstreich wurde der Greenback und mit ihm alle übrigen Währungen der Welt zu ungedecktem Geld. Ein weltweites Fiatgeldsystem wurde so aus der Taufe gehoben, das jedoch unter schweren ökonomischen und ethischen Defiziten leidet.

Wie Boom und Bust entstehen
Wenn Zentralbanken in enger Kooperation mit den Geschäftsbanken Kredite vergeben und dadurch die Geldmenge „aus dem Nichts“ ausweiten, ist eine Krise quasi vorprogrammiert. Das künstlich erhöhte Kreditangebot senkt nämlich den Marktzins ab – und zwar unter das Zinsniveau, das sich einstellen würde, wenn es keine artifizielle Ausweitung gäbe. Das Sparen nimmt ab, der Konsum steigt, und zusätzlich werden auch noch neue Investitionen in Gang gesetzt. All dies führt anfänglich zu einem Konjunkturaufschwung (einem „Boom“). Im Anschluss zeigt sich jedoch, dass er auf Sand gebaut ist.

Nachdem der Einschuss von neuem Kredit und Geld in die Volkswirtschaft seine Wirkung entfaltet hat, verpufft die Reichtumsillusion: Unternehmen bemerken, dass sich die erhoffte Nachfrageerhöhung nach ihren Produkten nicht als dauerhaft erweist, dass sich Investitionen nicht wie anfänglich erwartet rechnen. Die Investitionstätigkeit wird daraufhin zurückgefahren, und die im Boom geschaffenen Arbeitsplätze gehen wieder verloren; der Aufschwung kippt in einen Konjunkturabschwung (einen „Bust“) um. Nun wird es heikel.

Der Boom ist das Problem, nicht der Bust
Angesichts steigender Zahlungsausfallrisiken treten die Geschäftsbanken auf die Kreditbremse, und der Zustrom von neuem Kredit und zusätzlichem Geld beginnt, zu versiegen. Schon das Verlangsamen der Kredit- und Geldmengenausweitung sowie der dadurch bewirkten Preisinflationierung reicht aus, um die Konjunktur einbrechen und die Finanzmarktspekulation platzen zu lassen. Produktions- und Beschäftigungsverluste, Kreditausfälle, schrumpfende Kredit- und Geldmengen verbinden sich zu einer selbstverstärkenden Abwärtsspirale. Aus dem anfänglichen Inflationsregime wird ein Deflationsregime. Zweifelsohne wirtschaftlich wie politischsozial ein bitteres Szenario – das umso schmerzlicher ausfällt, je länger die Kredit- und Geldmengenausweitung, verbunden mit einem Heruntermanipulieren des Marktzinses, zuvor angedauert hat. Gleichwohl ist der Bust nichts anderes als die ökonomisch erforderliche Bereinigung des Überkonsums und der Fehlinvestitionen, die der Boom verursacht hat. Man kann auch sagen: Der Boom ist das Problem, der Bust ist die Heilung. Doch gegen den Bust erwächst Widerstand.

„Kollektive Korruption“ und ihre Folgen
Arbeitnehmer, Unternehmer, Gewerkschaften, Beamte, Sparer und Politiker – sie alle rufen nach „Krisenbekämpfung“, wenn der Boom in einen Bust umzuschlagen droht. Man fordert die Zentralbank auf, die Zinsen noch weiter zu senken und noch mehr Kredit und Geld bereitzustellen, um die Konjunktur „anzukurbeln“. Alle fürchten sich nämlich vor den Verlusten, die ihnen in der einen oder anderen Form entstehen, sollte das Fiatgeldsystem kollabieren – und genau das würde ein Bust, wenn man ihn zulässt, ja auch bewirken. Das Fiatgeld hat alle von sich abhängig gemacht, verursacht eine „kollektive Korruption“: Man verbündet sich mit dem Fiatgeldsystem, wird zu seinem stillen oder auch offen ausgesprochenen Komplizen.

Verständlicherweise will niemand für die Schäden, den das Fiatgeldsystem angerichtet hat, haften; zudem wissen vermutlich viele Menschen nicht genau, ob sie nun zu den Nettoprofiteuren oder -verlieren des Fiatgeldsystems zählen. Erstere – Regierungen, Banken- und Finanzindustrie sowie „Big Business“, das „Establishment“ eben – wissen das für ihre Zwecke zu nutzen. Unter ihrer intellektuellen Führung wird ein öffentlicher Zielkonsens herbeifabuliert, das Fiatgeldsystem müsse am Leben gehalten werden – und zwar mit allen Mitteln; diesem Ziel müsse letztlich alles andere untergeordnet werden.

Wohin das führt, liegt auf der Hand: Die freien Marktkräfte, die die Ungleichgewichte und Schäden des Fiatgeldsystems korrigieren könnten, werden nach und nach ausgeschaltet – durch immer mehr Verordnungen, Ge- und Verbote, Gesetze sowie Steuern, die der Staat dem Wirtschaften auferlegt: Banken und Investoren werden zusehends reguliert und stranguliert, ihr Handeln auf den Erhalt des Fiatgeldsystems getrimmt; insbesondere die Zinsen werden heruntermanipuliert, um die Schuldenpyramide, die sich im Fiatgeldsystem unweigerlich aufbaut, vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

Der Boom wird, solange es eben geht, in Gang gehalten, und die Schäden, die das Fiatgeldsystem verursacht, wachsen dabei immer weiter an. Die Kosten, die mit einer Abkehr vom Fiatgeldsystem verbunden sind, klettern entsprechend immer weiter in die Höhe. Ob man will oder nicht – wenn man es zu Ende denkt, kommt man zum Schluss: Das Fiatgeldsystem zerstört die freie Marktwirtschaft bzw. das Wenige, was heute noch von ihr übrig ist. Man kann natürlich hoffen, dass sich von irgendwoher noch eine glückliche Fügung einstellt, die das Problem entschärft. Die ökonomische Theorie kann hier leider nicht als Stimmungsaufheller dienen.

Kurzlebenslauf von Dr. Thorsten Polleit
Seit April 2012 ist Dr. Thorsten Polleit Chefvolkswirt der Degussa, Europas größten Edelmetallhandelshauses. Davor war er 15 Jahre im internationalen Investment Banking tätig. Seit 2014 ist Dr. Polleit Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Darüber hinaus ist er Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland und Fellow am Ludwig von Mises Institute, Auburn, Alabama, USA. 2012 erhielt Dr. Polleit den O.P. Alford III Prize in Political Economy. Zudem ist er Mitgründer eines 2012 aufgelegten Alternative Investment Fund (AIM). Seine zuletzt veröentlichten Bücher sind „Ludwig von Mises für jedermann. Der kompromisslose Liberale“ (2018, Frankfurter Allgemeine Buch) und „Vom intelligenten Investieren. Zeitlose Prinzipien für erfolgreiche Investments“ (2018, FinanzBuch Verlag). Im Januar 2020 erscheint „Mit Geld zur Weltherrschaft. Warum unser Geld uns in einen dystopischen Weltstaat führt – und wie wir mit besserem Geld eine bessere Welt schaffen können“ (FinanzBuch Verlag).

Dieser Gastbeitrag ist am 21.12.2019 in der Beilage zur Smart Investor-Ausgabe 01/20 erschienen.

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