Investitionsstau in der Bildung: Holt euch Hilfe aus der Wirtschaft!

06.02.2020, 11:51  |  214   |   |   

Von Gastautor Jens Nagel, Geschäftsführer Hemsö GmbH

Bildung und Wissen sind Deutschlands wichtigste Ressourcen. Ob bei der Energiewende und dem Kohleausstieg, dem demografischen Wandel und der Digitalisierung der Wirtschaft: Als Industrienation benötigt das Land nichts so sehr wie gut ausgebildete und kreative Denker, die kluge Lösungen für morgen entwickeln. Es wird sich kaum jemand finden lassen, der hier widerspricht. Den deutschen Schulen, Universitäten und Kindergärten hingegen sieht man an, dass sich diese Tatsache viel zu selten konsequent im praktischen Handeln niederschlägt: Auf fast 48 Milliarden Euro bezifferte die staatseigene KfW den Investitionsrückstand im Jahr 2018.

Dabei ist Geld gar nicht das eigentliche Problem. Ganz im Gegenteil offenbaren die zum Jahresanfang veröffentlichten Zahlen zum Bundeshaushalt 2019 eine fatale Entwicklung. Denn die Bundesregierung hat längst reagiert und stellt seit Jahren große Summen zur Verfügung, mit denen neue Bildungseinrichtungen entstehen und alte saniert werden könnten. Doch allzu oft bleibt es beim Konjunktiv: Einmal mehr wurden auch im abgelaufenen Jahr die dafür vorgesehenen Mittel nicht ausgeschöpft. Und in ganz Deutschland, das erklärtermaßen bei den erneuerbaren Energien, bei Wasserstofftechnologien und ganz allgemein in der Wissenschaft nichts weniger als die weltweite Innovationsführerschaft anstrebt, sitzen Schülerinnen und Schüler weiter in maroden Schulen mit veralteter Technik.

Wenn es aber weder am politischen Willen noch an der Finanzierung liegt, dass die Investitionen hinter den Vorgaben zurückbleiben, woran dann? Auch dazu liefert der Haushaltsbericht der Regierung eine Antwort. Viele Gemeinden hätten nicht die Voraussetzungen, um die Mittel abzurufen und zu verbauen. Einfacher ausgedrückt: Es fehlt in den zuständigen Behörden Personal und fachliche Kompetenz, um Deutschlands Schulen auf Vordermann zu bringen.

Aus meiner Sicht gibt es auf dieses Dilemma nur eine praktikable Antwort: Politik und Verwaltung sollten endlich die richtigen Prioritäten setzen und sich das Know-how und die Planungsfähigkeiten der Privatwirtschaft zunutze machen. Aller Skepsis zum Trotz, die bei einem so sensiblen Thema wie der Bildung angebracht ist, birgt ein solcher Schritt großes Potenzial. Mithilfe der Planungskompetenz privater Bauträger wäre es beispielsweise möglich, die Schulimmobilien für das 21. Jahrhundert auf dem Stand der neuesten Technik zu entwerfen. Denn während bei der öffentlichen Hand tendenziell Mangelverwaltung vorherrscht, und einer zügigen Fertigstellung oft mehr Gewicht eingeräumt werden muss als der planerischen Qualität, sind viele Immobilienunternehmen an einer langfristigen Zukunftssicherheit ihrer Projekte interessiert. Raumangebot, Umweltverträglichkeit und Flexibilität könnten im Rahmen von Kooperationen folglich auf ein neues Niveau gehoben werden.

Die richtigen Partner vorausgesetzt, wären so neue Konzepte für ganzheitlich entworfene Schulgebäude möglich. Man könnte größere und vielseitigere Raumangebote für Pausenzeiten schaffen. Sport- und Fachunterricht wären mit zeitgemäßer Technik möglich anstatt mit veralteten Geräten und Einrichtungen. Neue Unterrichtsformen und die Schulung der Medienkompetenz würden nicht länger jedem Smartphone im Schülerrucksack um Jahre hinterherhinken. Und Aspekte wie die Farb- und Lichtgestaltung von Klassenzimmern oder die Wegebeziehungen und Begegnungsräume in den Schulen, die für ein produktives Lernklima von entscheidender Bedeutung sind, könnten von Beginn an im Interesse einer möglichst guten Bildung geplant werden.

Ehrlich gesagt, frage ich mich seit Langem, weshalb nicht viel mehr Kommunen angesichts der bereits realisierten positiven Beispiele auf privates Engagement im Schulbau setzen. Sollte es die Angst sein, die Privatwirtschaft wolle sich Einfluss auf das Bildungswesen sichern, beruht das sicherlich auf einem Missverständnis: Erstens geht es mir hier nicht darum, den Unterricht selbst zu gestalten - das können Lehrer und Erziehungswissenschaftler zweifellos besser. Zweitens könnten gerade Kooperationen beim Schulbau auch positiv auf den grassierenden Lehrkräftemangel wirken. Denn private Investitionen in Schulgebäude hätten zur Folge, dass staatliche Investitionsmittel für andere Bildungsbelange frei würden, etwa die Ausbildung und Anstellung weiterer Pädagogen. Und drittens widersprechen sich die Interessen von Wirtschaft und Gesellschaft im Bereich Bildung überhaupt nicht: Beide Seiten sind auf begeisterten, ideenreichen und selbständigen Nachwuchs angewiesen. Wir sollten endlich zusammenarbeiten!



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