Cannabis-Investments Das Milliardengeschäft mit einer alten Kulturpflanze: Quo vadis, Cannabis?

07.02.2020, 17:23  |  23786   |   |   

Über eine alte Kulturpflanze, neuere Entwicklungen dazu und mögliche Aktieninvestments - ein Gastbeitrag von Marcus Moser, Smart Investor.

Geschichtlicher Hintergrund
Hanf (medizinisch: Cannabis) zählt zu den ältesten Nutz- und Kulturpflanzen, wurde sie doch schon vor mehreren tausend Jahren in Persien und China als Getreide angebaut. Weltweit kam ihr bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts eine wichtige Bedeutung zu – doch Baumwoll- und Holzprodukte machten der Pflanze mit der markanten Blattstruktur starke Konkurrenz und verdrängten sie mehr und mehr vom Markt. Insbesondere ihre Wirkung als Droge (über den Wirkstoff THC) führte in den späten 1930er-Jahren zu ihrem Verbot und ließen sie in Verruf geraten.

Im Jahr 1937 trat in den USA der Marihuana Tax Act in Kraft. Er verbot den privaten Besitz von Cannabis bzw. der daraus gewonnenen Droge: Marihuana (Marihuana-Prohibition). Darüber hinaus wurde parallel eine Steuer auf Medizinalcannabis erhoben, die den Untergang und die Bedeutungslosigkeit der Hanfindustrie begünstigte. In vielen Staaten wurde der Hanfanbau – unabhängig davon, ob es sich um Nutz- oder Medizinalcannabis handelte – verboten und ist es teilweise bis heute.

Neuere Entwicklungen
Bis zum Wiedererwachen der Pflanze aus dem Dornröschenschlaf sollte einige Zeit ins Land gehen. Ein kurzes Aufflackern brachten die wilden 1960er-Jahre in Form von Marihuanakonsum. Heutzutage legalisieren immer mehr Länder den Anbau und Vertrieb; man kann fast von einem zweiten Frühling sprechen. So hatte Kanada bereits 2001 Cannabis für den medizinischen Gebrauch freigegeben und 2018 auch als Genussmittel legalisiert. In den USA ist der Kauf – aus medizinischen Gründen oder als Genussmittel – mittlerweile in mehr als 30 Bundesstaaten erlaubt, doch einige Bundesstaaten hängen noch immer in den alten Doktrinen der totalen Ablehnung fest.

Nachdem Hanf und Cannabisprodukte in Nordamerika in den letzten Jahren einen Siegeszug angetreten haben, hoffte man auch in Europa auf eine Besserung und Marktbelebung. Doch vor allem eine unwillige konservative Politik in vielen Teilen Europas behindert das Wachstum der Hanfbranche massiv. Auch Deutschland macht hier keine Ausnahme – die starrköpfige Haltung der CDU/CSU, eine Fehlbesetzung der Drogenbeauftragten, die mittlerweile korrigiert wurde, und das in vielen Köpfen der Behörden noch verankerte Kriminalitätsproblem mit Cannaboiden sowie dessen Wirkstoffen tun ihr Übriges. Einzig die Schweiz und die Niederlande stechen in Europa positiv hervor und versuchen mit einer lockeren Gesetzgebung, Teile des Markts abzugreifen.

Der Anbau von Hanf sowie der Vertrieb seiner Produkte ist wieder zu einem legalen Milliardengeschäft geworden – mit starken Wachstumsraten. Allerdings ist bei Medizinalhanf zwischen einem legalen und einem nach wie vor sehr großen Schwarzmarkt zu unterscheiden. Hier sind die Gesetzgeber vor allem in Deutschland und Europa gefordert, schnellstmöglich mittels eindeutiger Regelungen klarzustellen, was verkauft werden darf und was nicht.

Gesetzgebung
Der Anbau von Hanfpflanzen ist in Deutschland mit einem Bedarf an zahlreichen Genehmigungen sowie einigen Auflagen verbunden. Ob es sich um eine klassische landwirtschaftliche Kultur handelt oder die Pflanze unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, hängt von der Kulturführung und vor allem von den verwendeten Sorten ab. Privatpersonen ist es grundsätzlich nicht erlaubt, Hanfpflanzen anzubauen; Verstöße dagegen werden strafrechtlich verfolgt. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob der THC-Gehalt der Pflanzen über oder unter der in Deutschland geltenden 0,2%-Grenze liegt. Nur eingetragene Landwirte dürfen Cannabis anbauen. Nutzhanf, der auch für die CBD-Produktion verwendet wird, muss zudem unter freiem Himmel auf einem Feld kultiviert werden. Es dürfen ausschließlich EU-lizenzierte Hanfsorten angebaut werden. In der Schweiz liegt die THC-Grenze bei 1%, also deutlich höher als in Deutschland. Generell ist festzuhalten, dass viele Länder in Europa unterschiedliche THC-Grenzwerte haben, was Verwirrung stiftet. Je niedriger der Wert, umso nachteiliger wirkt sich dieser auf die Wettbewerbsfähigkeit aus.

Cannabidiol-(CBD-)Produkte mit einem THC-Gehalt von unter 1% sind in der Schweiz nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt, sondern dem Lebensmittelgesetz (Tabakverordnung). Eine ähnliche Lösung wäre mittelfristig auch hierzulande denkbar. Deutschland hat im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 2017 eine Cannabisagentur eingerichtet, die einen staatlich kontrollierten Cannabisanbau für die medizinische Verwendung überwachen soll. Deutsche Patienten sind aber auf den Import von Cannabisblüten angewiesen. Vor allem die deutsche Pharmalobby versucht jedoch mit aller Macht, ihre Pfründe zu verteidigen, denn Cannabis kann den Produkten der Pharmaunternehmen auf vielfältige Weise Konkurrenz machen – und auf Hanf gibt es kein Patent. Die größten Chancen erwarten Experten für Europa dementsprechend im Medizinalhanfgeschäft; der Marktanteil wird aktuell auf ca. 60% geschätzt. Deutschland stellt dabei mit Abstand den größten Markt in Europa dar.

Produkte
Weitere Verarbeitungsfelder sind vor allem die Samen und auch die Stängel. Wichtig dabei ist, dass der Hanf und all seine Bestandteile – wie Blüten, Samen, Stängel und Blätter – direkt nach der Ernte getrocknet werden. Die Samen werden weitgehend zu Hanföl verarbeitet und haben mittlerweile Einzug in die großen Handelsketten gehalten. Hanfsamen sind sehr gesund und weisen einen weitaus höheren Proteingehalt auf als Leinsamen oder Soja; sie werden direkt als Lebensmittel und auch als Vogelfutter genutzt.

Darüber hinaus enthalten sie acht von 21 insgesamt essenziellen Aminosäuren. Das aus den Samen gewonnene Öl findet vor allem auch in der Kosmetikindustrie (Cremes sowie Seifen) und bei technischen Produkten wie Öl- und Druckfarben Verwendung. Die Stängel und der Großteil der Hanfpflanze lassen sich zu Stroh verarbeiten. Zur Gewinnung von Hanffasern wird das Hanfstroh nach Trocknung in speziellen Rohstoffanlagen weiterverarbeitet. Hierbei werden die sogenannten Schäben und Fasern getrennt. Schäben werden in der Hauptsache für Tierstreu und in der Bauindustrie verwendet; Hanffasern können als Dämmmaterial und zur Verstärkung von Kunststoffen z.B. in der Automobilindustrie genutzt werden.

Der Cannabismarkt
Das Volumen des größten Cannabismarkts, der USA, lag im Jahr 2016 bei ca. 6,5 Mrd. USD; 2017 und 2018 stieg es auf 8 Mrd. bzw. 11 Mrd. USD an. Bis zum Jahre 2025 rechnet das Researchhaus New Frontier Data mit einem Marktvolumen von ca. 68 Mrd. USD. Damit liegt das jährliche Wachstum deutlich im zweistelligen Bereich.

Zum Vergleich: Für Deutschland wird mit Blick auf 2028 eine Marktgröße von ca. 18 Mrd. USD erwartet. Ca. 45% der Umsätze sollen sich dann auf Medizinalhanf und 55% auf die sonstigen Hanfprodukte verteilen. Das Umsatzvolumen in Gesamteuropa könnte dann in etwa dem der USA entsprechen. Daraus würde ein gigantisches Wachstumspotenzial resultieren.

Cannabinoide
Hanf enthält 113 Cannabinoide. Das Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) ist hiervon das bekannteste und entfaltet psychoaktive Wirkungen – daher fällt es in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz. Ein weiteres wichtiges Cannabinoid ist Cannabidiol (CBD), welches aufgrund seiner antiepileptischen, antischizophrenischen sowie schmerz- und entzündungshemmenden Eigenschaften hauptsächlich in der Medizin zum Einsatz kommt.

Börse und Aktien
Das starke Wachstum des Cannabismarkts führte in den letzten Jahren vor allem in Kanada zu einer unkontrollierten Rally bei börsennotierten Hanfaktien, die teilweise sehr stark an die Internetrally und den Neuen Markt Ende der 1990er-Jahre erinnerte. Start-ups und unprofitable Cannabisunternehmen wurden analystenseitig mit irrwitzigen Bewertungen bejubelt. Wo das hinführt, hat das Platzen der Dotcomblase damals gezeigt. Doch Investoren scheinen schnell zu vergessen, zumal die Gier nach immer neuen Investmentideen bisweilen den gesunden Menschenverstand aussetzen lässt.

Viele der hochgejubelten Aktien werden die nächsten Jahre nicht überstehen: Wie auch bei der Internetblase wird ein „großes Sterben“ eintreten. Die Geschäftsmodelle sind vielfach auf Pump angelegt, kaum ein Unternehmen vermochte bisher, schwarze Zahlen zu vermelden; die Verluste übersteigen teils die Umsätze. Zeitweise war es in Kanada sogar Mode, aus einem Goldexplorer eine Cannabisaktie zu zaubern, nur um damit mehr Interesse bei den Investoren zu generieren. Die starke Korrektur im Cannabissektor im Jahr 2019 hat diesem Treiben jedoch ein jähes Ende bereitet. Man darf nun auf 2020 gespannt sein.

Investitionsmöglichkeiten
Vom Wachstum der Hanfbrache überzeugte Anleger, die am Aufschwung der Cannabisaktien partizipieren möchten, sehen sich mit einer großen Anzahl von Investmentalternativen konfrontiert. Allerdings haben die meisten Zertifikate (v.a. wikifolios) vielfach massiv an Wert eingebüßt. Auch scheint ein Großteil der wikifolios nicht professionell betrieben zu werden, sodass wir diese nicht empfehlen möchten. Auch die meisten Fonds mussten starke Wertverfälle verbuchen und weisen mittlerweile – zumal es meist auch große Abflüsse gab – oft auch mickrige Volumina auf. Ernsthaft interessierten Anlegern bieten sich aus unserer Sicht vor allem die Aktien der Marktschwergewichte als Investments an.

Die Schwergewichte unter den Cannabisaktien
Das kanadische Unternehmen Aurora Cannabis (WKN: A12GS7; ISIN: CA05156X1087) wurde 2006 gegründet. Der Konzern gehört zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen der Branche und ist international breit aufgestellt.

Canopy Growth (WKN: A140QA; ISIN: CA1380351009) ist das nach Börsenwert und Umsatz größte Unternehmen des Sektors. Im Mai 2019 erfolgte die Übernahme des Cannabisgeschäfts des führenden deutschen Medizinalcannabisunternehmens, Bionorica, für über 220 Mio. EUR.

Cresco Labs (WKN: A2PAHM; ISIN: CA22587M1068) ist ein vertikal integriertes Cannabis- und Medizinisches-Marihuana-Unternehmen mit Sitz in Chicago, Illinois (USA).

Cronos Group (WKN: A2DMQY; ISIN: CA22717L1013) ist ein in Kanada ansässiges, global diversifiziertes und vertikal integriertes Cannabisunternehmen mit weltweiter Präsenz.

Curaleaf Holdings (WKN: A2N8GY; ISIN: CA23126M1023) beschäftigt sich mit der Produktion und dem Vertrieb von Cannabisprodukten in Nordamerika.

MEDIPHARM LABS (WKN: A2N7AA; ISIN: CA58504D1006) ist ein führender Anbieter von spezialisierter Cannabisextraktion und -isolierung.

Tilray (WKN: A2JQSC; ISIN: US88688T1007; IK) ist das erste Cannabisunternehmen, welches an die Technologiebörse Nasdaq ging. Der 2013 gegründete kanadische Konzern zählt zu den global führenden Firmen im Bereich der Herstellung, Entwicklung und Forschung von medizinischem Cannabis.

Fazit
Hanfprodukte erlebten in den vergangenen Jahren ein sensationelles Comeback. Aufgrund der vielfältigen Einsatzgebiete – Medizin, Nahrungs- und Kosmetikindustrie – und der fortschreitenden Legalisierung in immer mehr Staaten sollte die Cannabisindustrie weiterhin hohe Wachstumsraten verzeichnen. Die Aktien dieser Branche absolvierten in 2017 und vor allem 2018 teils sagenhafte Kursgewinne, die sich 2019 allerdings zum großen Teil wieder in Luft auflösten.

Wer auf den Cannabistrend setzen möchte, sollte in die vorgestellten Marktführer investieren und vor allem in Korrekturphasen wie der jetzigen erste Positionen aufbauen. Ist die Talsohle der Cannabisaktien, in welcher einige Titel bis zu 90% ihres ehemaligen Spitzen-Börsenwerts eingebüßt haben, inzwischen erreicht? Momentan ist eine technische Gegenbewegung auf diese 2019er-Kursrückeinbrüche im Gange. Vermutlich dürfte eine mögliche tragfähige Bodenbildung aber noch etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Allerdings ist zu beachten: Cannabis und somit auch der daraus gewonnene medizinisch sinnvolle Wirkstoff CBD werden seitens der Vereinten Nationen (UN) noch immer als „Droge“ eingeordnet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zwar unlängst einen Antrag auf Neuklassifizierung eingereicht. Doch politische Mühlen mahlen bekanntlich langsam, und hier liegt auch das Problem für die Cannabisindustrie und deren Unternehmen. Analysten und Investmentbanken sollten diese Effekte mehr in ihre oft allzu optimistischen Prognosen mit einrechnen.

Autor: Marcus Moser

Marcus Moser (Foto) ist Managing Director der MB & Partner in Zürich, Schweiz. Der ehemalige Aktienanalyst und Fondsmanager hat sich auf Rohstoffwerte, insbesondere Edelmetalle, und Cannabistitel spezialisiert.

(Diese Analyse aus der Smart Investor-Ausgabe 02/20 bezieht sich auf Daten, die bis zum 17.01.2020 erfasst wurden.)

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4 Kommentare

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Kommentare

Ich weiß noch als ich hier für 9€ einsteigen wollte, zum Glück war mir das dann mit der Cannabis-Branche noch zu spekulativ....
Wer wirklich anlegen und nicht nur zocken möchte, sollte die nächsten zwei, drei Quartale abwarten. Der Trend bei den Umsätzen zeigt nach unten bis stagnierend, und bei den Verschuldungen weiter nach oben. Unternehmen, deren Geschäftsmiodell hauptsächlich vom Anbau und Verkauf von CBD-Blüten und Extrakten geprögt ist, würde ich schon wegen der fortschreitenden Überproduktion und Lageerbeständen für mehrere Jahre nichtmal mit der Kneifzange anfasssen.
die andere Seite der Medaille:
https://www.lynxbroker.de/analysen/aktuelle-analysen/canopy-…
also ich sehe da kein Potential. Auch wenn es großflächig als Genußmittel legalisiert würde (oder gerade dann), sehe ich schwarz für die legalen (UND illegalen) Verkäufer.
Dann stellen sich doch 99% der Interessierten eine Pflanze in Garten oder Wohnung.
Ist ja schließlich null Aufwand.

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