Corona-Krise Warum die meisten Menschen die Risiken falsch einschätzen

Gastautor: Rainer Zitelmann
15.03.2020, 09:41  |  16817   |   |   

Die Corona-Krise bestätigt, was wir aus der psychologischen Forschung wissen: Die meisten Menschen, egal ob sie mehr oder weniger gebildet sind, können Risiken nicht richtig einschätzen. In der Corona-Krise zeigen sich meist diejenigen sehr besorgt, die immer sehr besorgt sind und jene unbesorgt, die immer unbesorgt sind. Das deutet schon darauf hin, dass Risiken nicht angemessen wahrgenommen werden. Der richtige Hinweis darauf, dass in der Vergangenheit oftmals von Medien Risiken als zu groß dargestellt wurden, die in Wahrheit viel geringer waren, ist jedoch kein Beleg dafür, dass es sich diesmal genauso verhält.

Der Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer weist in seinem Buch „Risiko“ darauf hin: Studien zeigen, dass viele Menschen fürchten, was sie wahrscheinlich nie verletzen oder töten wird, während sie fröhlich gefährlichen Verhaltensweisen frönen. Oft werden Risiken als enorm hoch eingeschätzt, wenn Medien spektakulär darüber berichten. Andere Risiken, die in Wahrheit viel höher sind, werden unterschätzt. Erinnern Sie sich noch an den sogenannten Rinderwahn BSE? Was schätzen Sie, wie viele Menschen im Laufe von zehn Jahren in Europa an den Folgen des Rinderwahns starben? Es waren ungefähr 150 – das sind genauso viele, wie es im gleichen Zeitraum tödliche Unfälle durch das Trinken von parfürmiertem Lampenöl gab. Im Herbst 2009 gab es eine weltweite Hysterie wegen der sogenannten Schweinegrippe und die WHO verbreitete Panik mit der Nachricht, es könnten bis zu zwei Milliarden Menschen infiziert werden. Tatsächlich gab es nicht einmal 20 Todesfälle.

Nach dem Terroranschlag des 11. September entschieden sich viele Menschen, statt dem Flugzeug das Auto zu benutzen. Die Statistik belegt, dass durch diese Entscheidung vieler Amerikaner, in den Monaten nach dem 11. September lieber auf das Auto umzusteigen, zusätzlich (!) 1600 Menschen durch Autounfälle umkamen

Hat häufiger Fehlalarm zu falscher Sorglosigkeit geführt?

Und nun die Kehrseite: Es gibt Menschen, die immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass Medien Fehlalarm ausgelöst haben. Diese tendieren irgendwann dazu, jeden Alarm als Fehlalarm zu deuten, auch wenn diesmal der Alarm berechtigt sein sollte. Bei der Corona-Krise könnte dies zu einer Sorglosigkeit bei vielen Menschen führen.

Ich selbst gehöre zu den Menschen, die weder Angst hatten, nach dem 11. September ein Flugzeug zu besteigen (weil ich das Risiko für sehr gering hielt) und die sich weder durch Schlagzeilen vom Ozon-Loch noch über „Dioxin-Eier“ oder Schweinegrippe beirren ließen. Auf dem Höhepunkt der BSE-Panik schrieb ich für „Die Welt“ einen Artikel, in dem ich mich über diese Panik lustig machte. Ich hatte bei der Verbraucherzentrale angerufen und wollte wissen, worüber sich die Menschen ängstigen. Manche hatten gefragt, ob man noch Lederschuhe tragen dürfe oder dadurch die Gefahr bestehe, sich mit Rinderwahn anzustecken. Damals habe ich noch Fleisch gegessen und es machte mir Freude, meine besorgten Mitmenschen zu schocken, indem ich noch häufiger extragroße Steaks verzehrte.

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3 Kommentare

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Kommentare

Danke Herr Zitelmann, ein guter Artikel,
gestatten Sie mir, noch einige Anmerkungen hinzuzufügen.

Man schaue sich bitte noch einmal an, welche wortreichen, nichtssagenden Statements unsere Politikergarden vor ca.14 Tagen losgelassen haben im Sinne " wir haben alles im Griff " , obwohl doch die bedrohlichen Blaupausen in China und Norditalien bereits ersichtlich waren.

Sie haben wenig bis nichts getan und haben immer die Notwendigkeit einer " europäischen Lösung "
beschworen. Dabei war klar, dass eine europäische Lösung genausowenig zu bekommen war, wie bis heute noch nicht in der Flüchtlingskrise. Warnende Fachleute hatten wir genug.

Erst als erste , viel weniger betroffene Nachbarländer das Heft mit einschneidenden Maßnahmen in die Hand nahmen, zogen unsere Entscheider zögerlich und halbherzig nach.

" Belohnt" werden wir nun mit einer rasant ansteigenden Infektionskurve, die uns in die weltweite Spitze katapultiert hat. Auch die nächsten 2 Wochen werden diesen Trend bestätigen.

Und lügen wir uns nicht in die Tasche:
Die deutsche außerordentlich niedrige Todesrate in Bezug auf die nachgewiesenen Infizierten von 0,3 % ist lediglich der noch kleinen Zahl und der relativ hohen Intensivbettenzahl zu verdanken.

Ca. 5% der Erkrankten brauchen ein Beatmungsgerät, sonst ersticken sie. Ein weiteres halbes Prozent rettet man über eine aufwändige Blutwäsche. Beides muss über einen längeren Zeitraum betrieben werden, sodass die Maschinen blockiert sind.

Nach meiner Schätzung sind diese maschinellen Grenzen bereits nächste Woche erreicht. Die Ärzte müssen furchtbare Triage-Entscheidungen treffen.

Dann werden wir ebenfalls italienische Zahlen sehen, wo bereits ca.5 % der Infizierten ( nicht Geheilten ) verstorben sind.

Und bez, der Infektionszahlen: Man hofft dass eine große Zahl Menschen eine Infektion durchmachen, ohne dass sie es bemerken und wieder gesunden. Wissenschaftlich belastbare Daten gibt es dazu nicht.
Gesetzt den Fall diese Zahl ist groß, wäre die Sterberate entsprechend niedriger. Auf der anderen
Seite hätten wir eine Riesenmenge an unerkannten Infektionsträgern, dass wir trotz Quarantäne unser blaues Wunder erleben könnten.

Wir wissen nichts und die Fachleute auch leider wenig.

Bildlich gesprochen: Eine riesige Unwetterfront zieht auf uns zu, die Blitze zucken bedrohlich, aber der verheerende Sturm hat noch nicht eingesetzt. Die Zeit, wo wir eine Schadensbilanz ziehen und uns ums Äufräumen kümmern können, liegt noch in weiter Ferne.
Was mich beunruhigt ist die Nachricht, dass auch Ärzte sterben. Und die haben Zugang zu allen möglichen Medikamenten. Das ist der Unterschied zu einer Grippeerkrankung oder Krankenhauskeimen. Denn gegen eine Grippe-Erkrankung gibt es Antibiotika.
Herr Dr. Zitelmann,
bei den ganzen Äusserungen, die man lesen kann, verzichten fast alle Autoren auf Fakten, die im Zusammenhang mit bekannten Viruserkrankungen veröffentlicht wurden. Bei den Grippe-Erkrankungen werden z. B. Zahlen von über 25 000 Toten genannt. Die Krankenhaus-Viren sollen mit Todeszahlen von über 30 000 quantifiziert worden sein.
Wie soll sich eine nahezu realistische Einschätzung der Situation einstellen ohne eine bekannte Basis zum Verlauf dieser bekannten Erkrankungen der Vergangenheit zuhilfe zu nehmen ?
Wir sind doch bei allem Fortschritt immer noch auf Empirie und Analyse des Vergangenen angewiesen.
Warum spielt das in den Medien eine solch untergeordnete Rolle, wodurch die wildesten Verschwörungstheorien ihre Nahrung finden?

Es grüßt e.s.t

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