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Corona-Krise Warum die meisten Menschen die Risiken falsch einschätzen

Gastautor: Rainer Zitelmann
15.03.2020, 09:41  |  17286   |   |   

Die Corona-Krise bestätigt, was wir aus der psychologischen Forschung wissen: Die meisten Menschen, egal ob sie mehr oder weniger gebildet sind, können Risiken nicht richtig einschätzen. In der Corona-Krise zeigen sich meist diejenigen sehr besorgt, die immer sehr besorgt sind und jene unbesorgt, die immer unbesorgt sind. Das deutet schon darauf hin, dass Risiken nicht angemessen wahrgenommen werden. Der richtige Hinweis darauf, dass in der Vergangenheit oftmals von Medien Risiken als zu groß dargestellt wurden, die in Wahrheit viel geringer waren, ist jedoch kein Beleg dafür, dass es sich diesmal genauso verhält.

Der Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer weist in seinem Buch „Risiko“ darauf hin: Studien zeigen, dass viele Menschen fürchten, was sie wahrscheinlich nie verletzen oder töten wird, während sie fröhlich gefährlichen Verhaltensweisen frönen. Oft werden Risiken als enorm hoch eingeschätzt, wenn Medien spektakulär darüber berichten. Andere Risiken, die in Wahrheit viel höher sind, werden unterschätzt. Erinnern Sie sich noch an den sogenannten Rinderwahn BSE? Was schätzen Sie, wie viele Menschen im Laufe von zehn Jahren in Europa an den Folgen des Rinderwahns starben? Es waren ungefähr 150 – das sind genauso viele, wie es im gleichen Zeitraum tödliche Unfälle durch das Trinken von parfürmiertem Lampenöl gab. Im Herbst 2009 gab es eine weltweite Hysterie wegen der sogenannten Schweinegrippe und die WHO verbreitete Panik mit der Nachricht, es könnten bis zu zwei Milliarden Menschen infiziert werden. Tatsächlich gab es nicht einmal 20 Todesfälle.

Nach dem Terroranschlag des 11. September entschieden sich viele Menschen, statt dem Flugzeug das Auto zu benutzen. Die Statistik belegt, dass durch diese Entscheidung vieler Amerikaner, in den Monaten nach dem 11. September lieber auf das Auto umzusteigen, zusätzlich (!) 1600 Menschen durch Autounfälle umkamen

Hat häufiger Fehlalarm zu falscher Sorglosigkeit geführt?

Und nun die Kehrseite: Es gibt Menschen, die immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass Medien Fehlalarm ausgelöst haben. Diese tendieren irgendwann dazu, jeden Alarm als Fehlalarm zu deuten, auch wenn diesmal der Alarm berechtigt sein sollte. Bei der Corona-Krise könnte dies zu einer Sorglosigkeit bei vielen Menschen führen.

Ich selbst gehöre zu den Menschen, die weder Angst hatten, nach dem 11. September ein Flugzeug zu besteigen (weil ich das Risiko für sehr gering hielt) und die sich weder durch Schlagzeilen vom Ozon-Loch noch über „Dioxin-Eier“ oder Schweinegrippe beirren ließen. Auf dem Höhepunkt der BSE-Panik schrieb ich für „Die Welt“ einen Artikel, in dem ich mich über diese Panik lustig machte. Ich hatte bei der Verbraucherzentrale angerufen und wollte wissen, worüber sich die Menschen ängstigen. Manche hatten gefragt, ob man noch Lederschuhe tragen dürfe oder dadurch die Gefahr bestehe, sich mit Rinderwahn anzustecken. Damals habe ich noch Fleisch gegessen und es machte mir Freude, meine besorgten Mitmenschen zu schocken, indem ich noch häufiger extragroße Steaks verzehrte.

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