Gerüchte um Börsenschließungen Börsen in ihrer größten Krise: „Wer elektronische Börsen schließen will, hat den Sinn von Börsen missverstanden“ – Was kommt da auf uns zu?

23.03.2020, 13:59  |  51089   |   |   

Die Philippinen haben vergangene Woche als erstens Land der Welt ihren Aktien- und Währungshandel bis auf Weiteres eingestellt, so Spiegel Online. Gerüchte über bevorstehende Börsenschließungen in den USA und Deutschland sorgten für Verunsicherung bei Anlegern und Kursverlusten bei der Aktie der Deutschen Börse. Wie hoch schätzen Börsenexperten die Gefahr ein, dass elektronische Börsen geschlossen werden? Und: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, dass der Börsenhandel in Deutschland überhaupt ausgesetzt werden kann? – Börsianische Krisen-Szenarien.

Sebastian Beyer, Rechtsanwalt und Experte für Aktien- und Kapitalmarktrecht bei der Kanzlei Taylor Wessing, sagte dazu exklusiv gegenüber wallstreet:online: „In Deutschland können die Börsen den Handel aussetzen, also unterbrechen, wenn ein ordnungsgemäßer Handel zeitweilig gefährdet ist oder dies zum Schutz des Anlegerpublikums geboten erscheint. Ersteres liegt grundsätzlich nur bei einer konkreten Manipulationsgefahr vor. Im Hinblick auf Corona könnte man an den Anlegerschutz denken, doch starke Kursbewegungen oder -einbrüche wie zuletzt reichen hierfür als solche nicht, denn es ist nicht Aufgabe der Börsen, die Anleger vor Verlusten zu schützen, soweit diese aus erkennbaren Risiken resultieren. Anders kann es sein, wenn die Börsen etwa nicht mehr über genügend gesunde Mitarbeiter verfügen, um einen ordnungsgemäßen Handel zu gewährleisten. Letztlich obliegt es den Börsen, nach Auswertung und Abwägung aller relevanten Punkte eine sachgerechte Ermessensentscheidung zu treffen.“

Die Deutsche Börse dementiert indes Gerüchte, dass Börsenschließungen bevorstünden. Auf der Webseite des Konzerns heißt es dazu: „Wir haben keine Pläne für eine Marktschließung. Ganz im Gegenteil: Wir werden hart daran arbeiten, unsere Börsen offen zu halten, selbst wenn sich die Umstände weiter verschlechtern sollten.“

Peter-Thilo Hasler, Analyst und Gründer von Sphene Capital und sphaia advisory, ist gegen die Schließung von elektronischen Börsen. Lediglich Präsenzbörsen sollten geschlossen werden. Exklusiv gegenüber der Redaktion von wallstreet:online sagte der Analyst: „Die temporäre Schließung von Präsenzbörsen wie der NYSE ist in Pandemie-Zeiten eine sinnvolle Maßnahme. Wenn alle ihre Sozialkontakte minimieren sollen, kann es nicht sein, dass sich Börsenhändler auf dem Parkett der Gefahr einer Infektion aussetzen müssen. Wer jedoch elektronische Börsen schließen will, hat den Sinn von Börsen missverstanden. Dass Volatilitäten explodieren und Kapitalmärkte kollabieren ist keine übertriebene, irrationale Reaktion, sondern die Folge einer erwarteten globalen Rezession – die sich nicht verbieten lässt. Mit anderen Worten: Aktien haben ein Recht darauf, auch in schlechten Zeiten gehandelt zu werden.“

Beate Sander (82), Millionärin durch Aktien und Autorin*, besser bekannt als „Börsen-Oma“*, glaubt ebenfalls nicht, dass der Online-Börsenhandel internationaler Börsen geschlossen wird. Exklusiv gegenüber der Redaktion von wallstreet:online sagte die renommierte Börsenexpertin: „Sicherlich wird der Börsenhandel an den weltweit führenden Börsen kurzfristig ausgesetzt, wenn der Kursrutsch in kürzester Zeit um rund zehn Prozent zulegt. Und es wird auch bei persönlichen Beratungen seitens der Geldinstitute und Vermögensverwalter zu großen Engpässen kommen. Aber der normale Online-Börsenhandel dürfte weitergehen. Würden internationale Börsenplätze schließen, könnten sich die Indizes nicht mehr erholen. Das will niemand. Deshalb gibt es zwar nur bescheidene, aber immerhin bessere Möglichkeiten, eine Erholungswende einzuleiten. Da ist vor allem die Politik gefragt. Warum nicht statt Transaktionssteuer für 2021 die Abgeltungsteuer z. B. bei Dividenden für ein oder zwei Jahre und für Senioren ab 65 Jahren bzw. bei Eintritt in den Ruhestand dauerhaft aussetzen? Auch die Regionalbörsen könnten sich überlegen, bis Juli auf Handelsgebühren komplett zu verzichten. Ist erst einmal die Leidenschaft, das Interesse an der Börse (wieder) erwacht, wird man auch bei Wiederaufnahme der Gebühren an der Börse aktiv bleiben.“

Max Otte*, Fondsmanger und Autor*, erklärte gegenüber wallstreet:online: "Aus meiner Sicht werden Börsenschließungen die Ausnahme bleiben; es werden höchstens temporäre Aussetzungen des Handels erfolgen. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Corona-Krise benutzt wird, um unsere Wirtschaftspolitik fundamental umzubauen. So kündigte die New Yorker Börse an, in Zukunft ausschließlich online-handel zu betreiben. Statt der Geld- und Zinspolitik der Notenbanken, die zunehmend wirkungslos geworden ist, werden wir mehr direkte keynesianische Staatsausgaben sehen. Ebenfalls könnte die Krise benutzt werden, das Bargeld weiter zurückzudrängen und Schuldenschnitte durchzuführen, sprich: Gläubiger teilweise zu enteignen."

Autor: Ferdinand Hammer


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