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Krisenblick Wirtschaftspandemie - Stand und Perspektive

24.03.2020, 21:39  |  1985   |   |   

Das ist keine gewöhnliche Krise. Strukturell angeschlagene Wirtschaftssysteme werden von einer Pandemie getroffen. Der externe Schock löst weitgehende staatliche Maßnahmen aus. Beide zusammen lassen Angebot und Nachfrage einbrechen. Zugleich befindet sich das Weltfinanzsystem nach der Finanzkrise 2008 in einem anormalen Zustand, während in vielen Volkswirtschaften strukturelle Reformen seit Jahren überfällig sind und eine Welle des Protektionismus losgetreten wurde.

Krisenindikatoren

Indikatoren für eine Krise gibt es reichlich, darunter:  

  • Der Baltic Dry Index (BDI), ein Frühindikator für die Weltwirtschaft mit bis zu zwölf Monaten Vorausschau auf das Volumen des Welthandels, ist von 2.500 Punkten im September 2019 auf 630 Punkte Mitte März abgesackt, dem Niveau der Finanzkrise 2008.
  • Der Ölpreis, hier Crude Oil der Sorte West Texas Intermediate (WTI), hat sich seit Jahresbeginn halbiert und liegt mit unter 30 US-Dollar pro Fass so tief wie Anfang 2016. 
  • Gold war mit zeitweise 1.600 US-Dollar pro Unze nicht weit vom Allzeithoch inmitten der Finanzkrise im August 2011 entfernt. Zugleich sind an den Börsen die Bären los.
  • Einreiseverbote, z.B. der USA für Europäer für zunächst 30 Tage und in zahlreichen europäischen Staaten für Personen, sowie vermehrt Ausgangssperren.
  • Steigende Zahlen von Infizierten und durch Sars-CoV-2 gestorbene Menschen, in Italien fast 7.000 3.000 Tote, in Iran geschätzt 5.000 Tote. 
  • Die weltweite Verschuldung von privaten Haushalten, Unternehmen und Regierungen hat 2019 neue Rekorde erreicht; sie beträgt im Verhältnis von Schulden zum BIP über 320 Prozent und allein in den ersten drei Quartalen 2019 insgesamt 253 Billionen US-Dollar. 
  • Zugleich hält die Triple-N-Ära der Niedrig‑, Null- und Negativzinsen an. Die Euro-System-Probleme sind ungelöst. Teile der Wirtschaft stecken in einer Strukturkrise, forciert durch den Neohandelsprotektionismus.

 

Klarheit

Krise“ bezeichnet eine Entwicklung, bei der das Normale für längere Zeit aussetzt. Eine Krise ist stets auch eine Konstruktion ihrer Beobachter und erfordert eine zutreffende Beschreibung des Normalen. Was ist in der Ära von Nullzinsen, der Transformation durch Digitalisierung und Automatisierung, Stichwort: Industrie 4.0, und einem massiven Vertrauensverlust in Eliten normal? 

Risikobetrachtungen sind in die Zukunft gerichtet. Mit Risiko wird die Wahrscheinlichkeit bezeichnet, dass ein Schaden eintritt. Mit dem Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek sind in sozialen Zusammenhängen lediglich Mustervorhersagen (pattern predictions) möglich, weil die Menschen selbst noch nicht wissen, wie sie handeln werden. Die erforderlichen Informationen bilden sich erst in der Zukunft heraus.

Krisenperspektive

Folgende Aspekte erscheinen relevant:

1. Hohe Komplexität und mangelnde Textbuchlösungen. Die Wirtschaftspandemie zeichnet sich durch die Gleichzeitigkeit gesundheitspolitischer Aspekte, Schocks auf Angebots- und Nachfrageseite sowie einen Ölpreisverfall aus. Bisherige ökonomische Krisenmuster und Lösungsvorschläge, darunter staatliche Konjunkturmaßnahmen und Rettungsschirme greifen allein nicht.

2. Unsicherheit: Der Verlauf der Corona-Pandemie und die staatlichen Reaktionen beeinflussen maßgeblich die Weltwirtschaft. Die Schätzungen über Ausmaß und Verlauf der Epidemie variieren unter Epidemiologen, das gilt auch für weitere Infektionswellen. Hoffnungen richten sich auf eine Drei-Monate-Krise wie derzeit in China und damit eine Überwindung in Deutschland und Europa bis zum Sommer. 

3. Massive Folgen: Der Nachfrageschock in Folge eines ausfallenden „sozialen Konsums“ trifft vor allem Restaurants, Tourismus sowie Veranstaltung in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft, darunter Sport und Kultur. Der Angebotsschock resultiert aus gestörten Lieferketten, ausfallender Produktion u.a. mangels Personal in der Corona-Krise, und im Fall von Öl aus einem Überangebot infolge der Produktionsausweitung Saudi-Arabiens und der Fracking-Revolution in den USA bei sinkender Öl-Nachfrage. 

4. Gesundheit vs. Wirtschaft: Ausmaß und Dauer der staatlichen Anti-Epidemie-Maßnahmen, die Leben retten sollen, beeinflussen die wirtschaftliche Entwicklung massiv. Das gilt für Tourismus, Gastronomie, Hotellerie und Kultur inklusive Sport, der weltweit immerhin einen Markt von rund einer halben Billionen US-Dollar ausmacht. Die Luftverkehrswirtschaft erlebt den schwersten externen Schock in ihrer Geschichte mit geschätzten über 100 Milliarden US-Dollar Umsatzeinbußen. Aber auch Friseure, Heilpraktiker, Fensterputzer, Techniker, Kosmetiker und viele andere selbständige Erwerbstätige ohne Angestellte stehen vor der Überlebensfrage. Es gilt: Je länger die Einschränkungen anhalten, desto mehr werden Angebot und Nachfrage vermindert, kommt die wirtschaftliche Tätigkeit zum Erliegen, wird eine Wiederaufnahme für insolvente Unternehmen unmöglich. Noch gehen Schätzungen von einer verkraftbaren Rezession von 5 Prozent des BIP 2020 aus, allerdings unter der Voraussetzung zurückgehender Infektionszahlen in den nächsten Wochen.

Die Staatsführungen werden letztlich vor einer schweren Entscheidung stehen: Leben retten vs. Wirtschaft ruinieren.

5. Kumulativer Schaden: Wenn viele Unternehmen nur noch wenig Umsatz machen, beginnt sich ein destruktiver Netzwerkeffekt durch Wirtschaft und Gesellschaft zu fressen – vereinfacht: keine Umsätze – keine Arbeit – keine Gehälter – keine Miet- und Kreditzahlungen – keine Nachfrage – keine Produktion – keine Steuern. Ab der „Stunde Null“ kehrt sich der Prozess um. Je nach Krisen-Verlauf, ob V-Form, W- oder aber L-Form, kann der Prozess sich wiederholen und fortdauern. Dazu drei Fragen: Wie lange können kleine und große Unternehmen sowie Inhaber und Angestellte massive Einbußen aushalten? Wie lange können staatliche Transfers durch weitere Verschuldung und Gelddrucken geleistet werden? Wann sinkt das Wohlfahrtsniveau wie stark?

6. Kapitalschmelze: An den Börsen der Welt wird Kapital im Umfang von Billionen vermindert. Am 9. März 2020, einem Schwarzen Montag, fielen die Kurse drastisch, der Dow Jones beispielsweise um fast 1.200 Punkte und damit so stark wie auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Optimismus weicht Ernüchterung und Pessimismus, gar Panik. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis wird neu beurteilt. Die Kurse waren den Fundamentaldaten längst enteilt – Vermögenspreisinflation. Eine Korrektur kann heilsam sein, trifft aber aufgrund des Korrekturausmaßes in Verbindung mit dem Nachfrageeinbruch auch gesunde Unternehmen und private Anleger, deren Vermögen und Konsummöglichkeiten auf lange Zeit vermindert werden können. Der Dow Jones brauchte ein Vierteljahrhundert, um das Spitzenniveau vor der Weltwirtschaftskrise wieder zu erreichen.

7. Bankensystem intakt: Die europäischen Kreditinstitute haben in den letzten Jahren ihr Eigenkapital erhöht und die faulen Kredite in ihren Bilanzen verringert. Der europäische Bankensektor ist etwas robuster als vor der Weltfinanzkrise. Die Zentralbanken werden jede benötigte Liquidität bereitstellen. Als letzter Ausweg kommt zeitlich begrenzt einmal mehr eine Verstaatlichung in Frage. Schließlich weist Japan den Weg eines auf Dauer gestellten Ausnahmezustands im Finanzsystem. Gleichwohl gerät das Eurosystem mit nach der Krise stärker verschuldeten Staaten weiter unter Druck.

8. Staatsführungen und Zentralbanken nur Nothelfer: Die Weltwirtschaftspandemie ist im Kern keine Finanzkrise, etwa im Sinne einer Subprime-Krise oder als Platzen einer Vermögenspreisblase, lässt aber das Finanzsystem weiter kriseln. Sie ist nicht auf einen staatlich kompensierbaren Nachfrageausfall der Privatwirtschaft zurückführbar, da der Konsum gesundheitspolitisch unterbunden wird. Die Zinssenkungen, Anleihekäufe, Liquiditätshilfen, auch in Form von Kurzarbeitergeld und direkten Zuschüssen oder gar Helikoptergeld, können nur als Nothilfe wirken. Sie bergen indes mittelfristig die Gefahr, strukturelle Schäden zu verstärken, weil die schöpferische Zerstörung gleich mit ausgeschaltet wird, Zombie-Unternehmen und systemrelevante Institute immer weiter fortbestehen. Schlußendlich bleibt nur noch der Crash oder eine massive Inflation als Ausweg.

9. Strukturprobleme zementiert: Seit 2008 gibt es in Deutschland keine nennenswerte Diskussion über Strukturreformen mehr. Bis dahin waren die Zeitungen voller Diskussionen über Reformen der Arbeitsmärkte oder der Sozialsysteme. Zentralisierungsambitionen und Etatismus dominieren als pauschale Lösung für Herausforderungen von moderner Bildung über Klimawandel bis hin zu Innovationen und Digitalisierung. Die Produktivität des Westens lahmt. Überkapazitäten und überbewertete Vermögenswerte prägen nicht zuletzt die Emerging Markets. 

Wir leben längst in einer politisch gelenkten Wirtschaft, die manche systemische Ähnlichkeit mit der Wirtschaft der späten 1920er und 1930er Jahre aufweist, neben vielen Unterschieden. 

10. Politische Folgen: Wird die Weltwirtschaftspandemie die Wahl des amerikanischen Präsidenten beeinflussen und zu einem Kurswechsel der USA führen? Ist der Aufstieg Chinas nur kurz eingebremst und sitzt die Staatsführung mit ihren immer autoritäreren Maßnahmen perspektivisch fest im Sattel? Wird die Staatsführung im Iran mit wahrscheinlich bereits über 5.000 Toten weiter geschwächt, und beeinflusst das Konflikte im Nahen Osten? Wer geht in europäischen Ländern und auf EU-Ebene gestärkt aus der Krise hervor? Wie reagiert Italien auf die ausgeblieben EU-Hilfe? Antworten auf diese Fragen fallen auch deshalb schwer, weil eine Reihe anderer Faktoren eine Rolle spielt und nur manche mit der Doppelkrise aus Pandemie und Wirtschaftseinbruch zusammenhängen.

Risikoperspektive

Risiko“ bezeichnet die Wahrscheinlichkeit eines Schadens. Welche Folgen zeichnen sich als Mustervorhersagen ab?

Schocks bilden in der langfristigen Entwicklung regelmäßig nur eine Delle im Wirtschaftswachstum. Es gibt aber auch gravierende, langfristig bedeutende Einschnitte wie die Große Depression und die Große Rezession sowie die Jahrzehnte währende Stagnation in Japan. Im günstigen Fall schrumpft die deutsche Wirtschaft dieses Jahr um 5 Prozent. Bei einem Einbruch des BIP um 20 Prozent würde das Wohlstandsniveau etwa auf das von 2011 sinken. Rein makroökonomisch wäre auch das nur eine dicke Delle. Wir könnten allerdings auch in mehrfacher Hinsicht am Anfang einer Zeitenwende stehen. Der österreichischen Bundeskanzler Kurz konstatierte: „Die Welt wird ganz anders aussehen“. 

Einen Hinweis liefert die viel beachtet Studie vom Imperial College in London unter Leitung von Neil Ferguson. Grob vereinfacht besteht die Wahl bei den beiden untersuchten Strategien - a) Abschwächung des Ausbreitung und Immunisierung einerseits oder aber b) Unterdrückung bis zu einem Impfstoff andererseits - zwischen a) 250.000 Toten in Großbritannien bei Abschwächung oder b) 18 Monaten sozialer Distanzierung inklusive geschlossener Schulen und Universitäten.

Indikatoren werden darauf hinweisen, welchen Weg Gesundheit und Wirtschaft nehmen. Auf die Pandemie bezogen u.a.: die Zahl der neu Infizierten, der Intesivpflegebedürftigen, der Toten und der Geheilten. Auf die Wirtschaft bezogen u.a.: die Entwicklung von BIP, Staatsausgaben, Steueraufkommen, Insolvenzen und Arbeitslosigkeit.

Krisen verringern Freiheit und forcieren Etatismus und Zentralismus sowie wohlstandsvernichtenden Protektionismus. Überholte Strukturen werden konserviert, Zombie-Unternehmen gestützt. Die Lasten werden dem einfachen Konsumenten und den Steuerzahlern auferlegt, auch in Form von Geldentwertung durch die weitgehend alternativlose Zentralbankpolitik. Gekniffen ist die untere Mittelschicht. Die erforderliche Reform des Finanzsystems angesichts einer pervertierten Rolle von Sparern und Schuldnern ist angesichts der Staatsfinanzierung leider nicht absehbar.

Zwar tritt der Ökologismus einen Moment hinter der Weltwirtschaftsepidemie zurück. Mittelfristig wird der Kampf gegen Unternehmer, Eigentum und Kapital indes weiter intensiviert werden. Der Staat soll es mit seinen Politikern und Beamten nicht nur in der Krise richten. Kann ein überbordender Wohlfahrts- und Regulierungsstaat mit seinen ideologischen Konsequenzen für weite Teile der Bevölkerung das Modell der Zukunft bleiben?

Die Forderungen von Nassim Nicholas Taleb nach mehr Resilienz bekommen noch mehr Gewicht. Redundanzen, Lagerhaltungen und lose Kopplungen stellen eine bedenkenswerte Alternative in einer auf Effizienz und „Just in time“ getrimmten Welt. Krisen bieten Chancen. In Krisen wächst Wissen. Krisen können Missstände bereinigen. Krisen gehen vorüber. Die weltweite Vernetzung ist die Voraussetzung für Frieden und Wohlfahrt und stellt uns weitaus besser als zur Zeit der Spanischen Grippe. In langer Frist geht es fast allen besser.



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