Merkel mahnt Corona-Schutz an Osterzeit anders 'als je zuvor'

Nachrichtenagentur: dpa-AFX
03.04.2020, 18:27  |  114   |   |   

BERLIN (dpa-AFX) - Die drastischen Beschränkungen im Alltagsleben zur Eindämmung der Coronavirus-Epidemie könnten nach Einschätzung von Experten möglicherweise nach den Osterferien gelockert werden. Denkbar sei etwa, dass Kontaktverbote weniger strikt umgesetzt werden, wenn dafür andere Maßnahmen eingehalten werden, erklärte am Freitag die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Kanzlerin Angela Merkel ermahnte eindringlich alle Bürger, sich auch an Ostern an die Anordnungen zu halten. In ihrem am Freitag veröffentlichten Video-Podcast sagte sie, sie könne noch keinen Stichtag für ein Ende der Maßnahmen nennen. Dies wäre in der jetzigen Situation auch unverantwortlich.

"Wir alle werden eine ganz andere Osterzeit erleben als je zuvor", sagte die Regierungschefin. Ostern sei für Millionen von Christen der Kirchgang, der "Ostersonntag mit der ganzen Familie, vielleicht ein Spaziergang, Osterfeuer, das ist für viele ein kurzer Urlaub an der See oder im Süden, wo es schon wärmer ist. Normalerweise. Aber nicht in diesem Jahr", sagte die Kanzlerin.

In Deutschland gelten zurzeit umfassende Kontaktsperren für die Bürger. Außerdem sind unter anderem Restaurants, Theater, Kinos sowie Spielplätze und viele Geschäfte geschlossen.

Die Wissenschaftler der Leopoldina erklärten, eine schrittweise Lockerung der Auflagen nach den Osterferien solle etwa einhergehen mit "dem flächendeckenden Tragen von Mund-Nasen-Schutz". Zudem sprachen sich die Experten für digitale Werkzeuge aus, in denen Personen "freiwillig und unter Einhaltung von Datenschutz sowie Persönlichkeitsrechten" Daten über mögliche Infektionswege zur Verfügung stellen. Im Gespräch ist aktuell eine solche App auf dem Smartphone.

Darüber hinaus sollten die Kapazitäten für Corona-Tests weiter erhöht werden und während einer Übergangszeit auch Einrichtungen der Tiermedizin genutzt werden. Eine Arbeitsgruppe der Leopoldina soll Entscheidungsgrundlagen für eine Lockerung der Vorgaben erarbeiten.

Das Robert Koch-Institut (RKI) verkündete erste Erfolge bei der Eindämmung der Coronavirus-Pandemie. Ein infizierter Mensch stecke seit einigen Tagen im Durchschnitt nur noch einen weiteren Menschen an, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler. In den vergangenen Wochen habe der Wert bei fünf, manchmal sogar bei sieben Menschen gelegen, die ein Infizierter ansteckte. Ein Grund zur Entwarnung seien die neuen Daten aber noch nicht: Erst, wenn ein Infizierter im Durchschnitt weniger als einen Menschen anstecke, lasse die Epidemie langsam nach.

Der Epidemiologe Dietrich Rothenbacher warnte, ein verfrühter Ausstieg aus den Vorsichtsmaßnahmen werde einen rasanten Anstieg der Fallzahlen nach sich ziehen. "Selbst wenn wir für jeden bekannten Fall 10 - oder sogar 20 - Personen annehmen, die nicht getestet wurden, aber bereits durch die Infektion sind, zum Beispiel mit leichten oder keinen Symptome, dann sind das bei 82 Millionen Einwohnern doch noch recht wenig, um von einer beginnenden Herdenimmunität profitieren zu können", sagte der an der Universität Ulm lehrende Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie der Deutschen Presse-Agentur.

Mit Herdenimmunität meinen Wissenschaftler die Immunität eines so großen Prozentsatzes der Bevölkerung nach einer Infektionswelle, dass die weitere Ausbreitung der Krankheit zum Erliegen kommt. Letztlich seien aber politische Entscheidungen zu treffen, betonte Rothenbacher.

Forscher des Münchner Ifo Instituts um Präsident Clemens Fuest und Martin Lohse, Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, plädierten für eine allmähliche Lockerung unter Beachtung des Gesundheitsschutzes. So könnten beispielsweise Orte mit niedriger Ansteckungsgefahr wie hochautomatisierte Fabriken eher wieder freigegeben werden, ebenso Orte wie Kindertagesstätten, wo sich weniger anfällige Menschen aufhielten. Sektoren, wo Mitarbeiter auch gut zu Hause arbeiten könnten, hätten weniger Priorität als jene, wo das schwer möglich sei.

Beschränkungen, die hohe soziale oder psychische Belastungen mit sich brächten, sollten vorrangig gelockert werden, ebenso Auflagen in Regionen mit niedrigeren Infektionsraten oder freien Kapazitäten in der Krankenversorgung. Das Gleiche könne für Gegenden gelten, wo bereits viele Menschen eine Immunität gegen das Virus gebildet hätten, so die Experten./hrz/DP/fba



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