Lebensart & Kapital Risikoscheu plus Russland passt nicht: Aber richtig gute Chancen für Auswanderer mit Unternehmer-Gen

27.04.2020, 14:57  |  88887   |   |   

Auswandern nach Russland? Für viele Deutsche ist das ein abwegiger Gedanke: Zu sehr bestimmen negative Schlagzeilen über das Riesenreich im Osten die deutsche Presse. Doch seit einigen Jahren steigen die Auswanderungszahlen aus Deutschland nach Russland. Die Smart Investor-Redaktion mit den besten Tipps für Auswanderer.

Deutsche in Russland – eine lange Geschichte

Die Auswanderung von Deutschen nach Russland hat eine lange Tradition. Im 18. Jahrhundert holte die deutschstämmige Zarin Katharina II. tausende deutsche Kolonisten nach Russland. Die Deutschen siedelten sich vor allem im Wolga-Raum und Südrussland an. Nach der Machtergreifung der bolschewistischen Partei im Jahr 1917 wurden viele der deutschen Bauern enteignet; allerdings erfolgte die Gründung einer autonomen Republik der Wolgadeutschen.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verschlechterte sich die Situation der Deutschen massiv. Stalin verdächtigte die Russlanddeutschen, Hitler bei seinem Angriffskrieg gegen die Sowjetunion zu unterstützen – meist zu Unrecht. Hunderttausende Deutsche wurden aus ihren Siedlungsgebieten an der Wolga in die unwirtlichen Steppen Kasachstans deportiert. Zwar besserte sich nach Stalins Tod die Lage der deutschen Minderheit, doch nach dem Ende der Sowjetunion 1990 emigrierten mehrere Millionen Russlanddeutsche in die Heimat ihrer Vorfahren.

Wirtschaft und Investitionsmöglichkeiten

Seit einigen Jahren geht für Tausende Deutsche der Weg in die andere Richtung. Dies betrifft sowohl Russlanddeutsche, die in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehren, als  Deutsche ohne Migrationshintergrund. Sie sehen aufgrund der verbesserten Wirtschaftslage in Russland mehr Chancen für sich als noch vor zehn oder 20 Jahren. Zwar verzeichnete die russische Wirtschaft durch den Ukrainekonflikt und die nachfolgenden Sanktionen des Westens einen deutlichen Einbruch, doch seit 2017 ist sie wieder im Wachsen begriffen. In den ver -gangenen beiden Jahren lagen die Wachstumsraten bei 2,3% und 1,3%.

Allerdings leidet die russische Wirtschaft weiter unter einer zu starken Abhängigkeit vom Rohstoffexport. Durch die sogenannten nationalen Projekte in den Bereichen Infrastruktur und Rohstoffverarbeitung soll die Wirtschaft stimuliert werden. Der russische Staat pumpt umgerechnet Milliarden USD in die nationalen Projekte. Trotz der genannten Probleme eröffnen sich für auswanderungswillige Investoren zahlreiche Möglichkeiten in Russland. So betonte Denis Manturow, der russische Minister für Industrie, im Februar auf einer Russlandkonferenz in Berlin: „Trotz der Sanktionsbeschränkungen hat sich das Inves-titionsvolumen in unserem Land in den letzten vier Jahren um das Eineinhalbfache erhöht, und Deutschland ist der aktivste Akteur in unserem Land.“

Im Konsumbereich hat Russland weiter Nachholbedarf, besonders außerhalb der Metropolen Moskau und Petersburg. Im letzten Jahr nahm der Einzelhandelsumsatz, nach Jahren der Stagnation, erstmals wieder leicht zu. Außerdem genießen Produkte aus Deutschland bei den Russen einen sehr hohen Stellenwert. In den vergangenen Jahren haben Deutsche und andere EU-Bürger vermehrt in die stark aufstrebende russische Landwirtschaft und den Lebensmittelsektor investiert – beispielsweise der Deutsche Stefan Dürr, der 2003 einen landwirtschaftlichen Betrieb in Russland erwarb. Mittlerweile gehört seine Firma – EkoNiva – zu den größten Agrarunternehmen Russlands und ist dort der wichtigste Rohmilchproduzent.

Steuern und Lebenshaltungskosten

Bei der russischen Einkommensteuer gilt für die meisten Einkommensarten ein pauschaler Steuersatz von 13%, auch für ausländische Spezialisten. Nur über das Gehalt hinausgehende Zuschüsse, beispielsweise zur Miete, müssen mit 30% versteuert werden. Außerdem gibt es eine Vermögensteuer von maximal 2,2%. Die Gewinnsteuer beträgt generell 20%, doch einige Regionen locken mit deutlich niedrigeren Steuersätzen. Insgesamt ist die Steuerbelastung für Unternehmer und Beschäftigte niedriger als in den meisten EU-Staaten.

Die Lebensverhältnisse sind in Russland extrem unterschiedlich. Die Metropolen Moskau und Sankt Petersburg, aber auch einige andere Großstädte wie Kasan, Nischni Nowgorod, Jekaterinburg oder Samara befinden sich auf einem Lebensniveau, das dem westeuropäischer Städte wenig nachsteht. Hier konzentriert sich das Wirtschaftsleben, wobei die größten Unternehmen des Landes ihren Sitz meist in Moskau haben. Die russische Hauptstadt zeichnet sich durch ein hohes Preisniveau aus. Sie ist zwar nicht mehr die teuerste Stadt Europas, aber die anderen russischen Großstädte liegen bei den Lebenshaltungskosten niedriger.



Ein Mittagessen in Moskau ist in einem durchschnittlichen Restaurant mit 8 bis 16 Euro, in einem der gehobenen Klasse dagegen meist mit über 20 EUR zu rechnen. Eine Zwei- bis Dreizimmerwohnung in Moskau kostet außerhalb des Zentrums mindestens 600 EUR Monatsmiete, wobei die Grenzen nach oben hin offen sind. In Kaliningrad, dem früheren Königsberg, kostet eine Wohnung in zentraler Lage nur ungefähr 200 bis 300 Euro im Monat, in Petersburg zwischen 350 und 500 Euro bei durchschnittlicher Ausstattung.

Chancen in den Regionen

Gute wirtschaftliche Perspektiven weisen die Ballungsräume Moskau und Sankt Petersburg, die Erdölregionen in Westsibirien, das Uralgebiet, Teile von Südrussland und die an der Wolga gelegene autonome Republik Tatarstan auf. Im Gebiet Kaliningrad, das als russische Enklave zwischen Litauen und Polen liegt, hat ein junger, reformfreudiger Gouverneur viel bewegt.

Natalia Thieme, Ex-Kaliningraderin und Geschäftsführerin der Unternehmensberatung NARUCON: „Da Kaliningrad den Status einer Sonderwirtschaftszone besitzt, können Unternehmen gleich dreifach profitieren: Erstens kann die Gewinnsteuer auf bis zu 13,5% herabgesetzt werden. Zudem ist eine Reduzierung der Vermögens- und Einkommensteuer vorgesehen. Drittens können Gründer eine Anschubfinanzierung über derzeit zwei unterschiedliche Programme zur Unternehmensförderung bekommen.“

In Kaliningrad, ebenso wie in weiteren Reformregionen wie den zentralrussischen Regionen Kaluga und Lipezk sowie dem „Fenster Russlands nach Westen“, der alten Hauptstadt Sankt Petersburg, sind ausländische Investoren gern gesehen. Die Offenheit gegenüber ausländischen Investoren sowie die Standortbedingungen sind in den verschiedenen Regionen Russlands jedoch sehr unterschiedlich.

Wo gibt es Jobs?

Wer als Arbeitnehmer nach Russland auswandern will, sollte sich gut informieren, in welchen Branchen Beschäftigungschancen bestehen. Im Gesundheits- und Bildungssektor werden Arbeitskräfte gesucht, doch sind hier die Löhne für russische Verhältnisse recht niedrig; in der Öl- und Gasbranche sind sie überdurchschnittlich hoch. Entsprechend viele Bewerber gibt es aber auch auf dort ausgeschriebene Stellen. Zudem ist gerade diese Branche in Russland dafür bekannt, dass persönliche Beziehungen sehr wichtig sind.



Der russische IT-Sektor genießt einen international guten Ruf und zählt zu den leistungsfähigsten Branchen des Landes. Die Löhne stehen denen in Westeuropa zum Teil nicht nach. Andere Sektoren, in denen Arbeitskräfte gesucht werden, wie die Bauindustrie und die Landwirtschaft, sind für Deutsche aufgrund relativ niedriger Löhne und teilweise schwieriger Arbeitsbedingungen nur eingeschränkt zu empfehlen. Wer jedoch in diesen Branchen unternehmerisch tätig werden will, hat gute Perspektiven.

Auch deutsche Rentner wandern nach Russland aus. Überwiegend sind dies Menschen, die schon in ihrem Berufsleben Bezug zum Land hatten oder familiäre Verbindungen nach Russland haben. Allerdings besteht zwischen Russland und Deutschland kein Sozialversicherungsabkommen, was den Bezug deutscher Renten in Russland erheblich erschwert. Am sinnvollsten ist es daher, ein deutsches Konto zu haben, auf dem die Rente eingezahlt wird und von dem man auch in Russland Geld abheben kann.

Ein Thema, das bei vielen Deutschen Ängste weckt, ist die Kriminalität. Diese ist in den vergangenen zehn Jahren aber deutlich zurückgegangen, sowohl aufgrund verbesserter sozioökonomischer Bedingungen als auch einer stärkeren Polizeipräsenz im öffentlichen Raum. Russland ist kein Auswanderungsland für Risikoscheue. Für unternehmungslustige Menschen bietet das Land allerdings viel Potenzial – und zugleich lockt es mit einer einzigartigen Natur sowie kulturellem Reichtum.

Autor: Mathias von Hofen

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(Dieser Artikel aus der Smart Investor-Ausgabe 04/20 bezieht sich auf Daten, die bis zum 20.03.2020 erfasst wurden.)



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