Die Sehnsucht nach der guten alten Zeit vor dem Euro

Gastautor: Robert Halver
14.05.2020, 11:14  |  7055   |   |   

Die Sehnsucht nach der guten alten Zeit vor dem Euro

„Früher war alles besser!“ lautet ein bekanntes deutsches Sprichwort. Tatsächlich schauen viele von uns nostalgisch auf die 80er und 90er zurück. Was interessierte uns damals die „knubbelige“ europäische Verwandtschaft mit ihren Wirtschafts- und Finanzproblemen? Wir hatten doch unsere Industriekultur und unbestrittenen Stabilitäts-Helden, die Deutsche Mark und Bundesbank.

Ja, die Hoffnung, dass der deutsche Stabilitätsglaube zur eurozonalen Religion wird, hat sich nicht erfüllt. Mit vielen Atheisten aus dem Süden hat Frankreich schon immer versucht, den Nord-Staaten die Stabilitätsheiligenfiguren wegzunehmen. Mit Erfolg: Die Verweltlichung nahm stetig zu.

Jetzt in der Corona-Krise und zur sicher gerechtfertigten Verhinderung eines konjunktur- und sozialpolitischen GAUs säkularisieren sich die einst so heiligen Stabilitätsbekenntnisse weiter. Die Verschuldung der Eurozone insgesamt im Vergleich zu ihrer Wirtschaftsleistung wird in diesem Jahr auf über 100 Prozent steigen. Italien erreicht 160 Prozent. Und 2021 geht es munter weiter. Das sind Kriegsniveaus.

Insbesondere Italien bräuchte langjährige Wirtschaftswunder, um diese Schuldenstände jemals wieder zurückzuzahlen. Zwar singt Katja Ebstein in einem ihrer Schlager „Wunder gibt es immer wieder“. Nicht aber in Volkswirtschaften, deren Standorte ohne Reformdünger auskommen müssen.

Zweifeln Finanzmärkte jedoch an der Schuldentragfähigkeit, schießen normalerweise die Risikoaufschläge raketenhaft nach oben. Das wäre fatal. Früher oder später drohte Italien eine nicht mehr zu beherrschende Schuldenkrise, die weit über das Niveau der griechischen hinausgeht.   

Der Griff in die Schulden-Trickkiste…

Um der Schulden-Falle zu entkommen, wird die bereits vorhandene Instabilität mit noch mehr Instabilität bekämpft. Ökonomen spielen bereits einen italienischen Schuldenschnitt durch, der von den Gläubigern u.a. durch Stundungen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag geschultert werden müsste. Na, die würden sich freuen wie bei einer Zahnwurzelbehandlung.

Auch die Vergemeinschaftung von Schulden hängt weiter wie ein Damoklesschwert über Deutschland. Hier wird massiver Druck aufgebaut. Bei Ablehnung wären wir keine guten solidarischen Europäer. Deutschland hat in Italien bereits deutlich an Ansehen verloren. Dabei hat Berlin gerade für Italien schon viel Schulden-Gnade vor Stabilitäts-Recht walten lassen. Die Hand, die gibt, ist die erst, die gebissen wird.   

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4 Kommentare

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Kommentare

Also ich schließe mich der Nichtfangemeinde an: Herr Halver plädiert ungeniert für ein weiter so. Es ist alles großer systemkonformer Käse, der uns hier aufgetischt wird, da es durch die enorme private und öffentliche Verschuldung ohnehin so schnell keine neuen Käufer von Waren aus Deutschland geben wird. Schon bisher wurde von unseren Nachbarn kräftig angeschrieben (Target 2 lässt grüßen). Wenn sich die Währungskurse ändern, muß man die Herstellungspreise halt anpassen. Das geht aber nicht, wenn man meint, sich finanziell um das Wohl der ganzen Welt kümmern zu müssen. Solche Wahnsinnsaktionen, wie die Energiewende, treiben die Kosten ebenfallls. Wahrscheinlich brauchen die Deutschen erst den totalen witschaftlichen Zusammenbruch, um mit vernünftigen Menschen an der Spitze neu starten zu können. Im Gegensatz zu 45 stehen ja alle Maschinen noch...
Der Beitrag hat viele interessante Aspekte:
In der Tat ist es nicht leicht, aus einer schwierigen "Partnerschaft" auszusteigen, aber seine Werte und sich gleich mit aufzugeben, ist gewiss auch nicht der richtige Weg. Letztlich werden die deutschen Bürger Europa nicht retten können und Europa Deutschland vermutlich noch weniger. Dass es gefährlich ist, auf die Freundlichkeit andere Staaten zu bauen und sich von diesen blindlings abhängig zu machen, sehen wir auch anhand der deutschen Exporten nach China und umgekehrt, den Beteiligungen aus Übersee, Gaslieferungen aus Russland, Target2-Salden usw. Deshalb bräuchte es jetzt ein Umdenken, bevor neues Geld gedruckt und - ohne Bedingungen geknüpft - verteilt wird. Ein "immer weiter so" wird spätestens in einer gravierenden Krise gebremst, wenn bestehende Strukturen von selbst zerfallen und sich komplexe Systeme auflösen - mal schauen, was uns die nächsten Krisen bringen werden ...
Weniger Dank,Herr Halver.Ich oute mich,nicht zum 1.Mal ,als Nichtfan.In Deutschland wird der Länderfinanzausgleich,welcher ja ohnehin nur noch von 2 Ländern gestemmt wird,von diesen schon länger massivst kritisiert und um Neuordnung gerungen.Es erschliesst sich mir partout nicht,warum ein europäischer Länderfinanzausgleich,noch dazu um einige Potenzen höher,DIE Lösung sein soll!Ich plädiere eher für ein Ende mit Schrecken,als ein Schrecken ohne Ende!

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