Früher war alles schlechter Ein Buch über die Wohltaten des Kapitalismus

Gastautor: Rainer Zitelmann
15.05.2020, 21:08  |  1445   |   |   

Johan Norberg, Fortschritt. Ein Motivationsbuch für Weltverbesserer, FinanzBuch Verlag, München 2020, 267 Seiten.

Im Jahr 1820 lebten 94 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, im Jahr 1910 waren es noch 82 Prozent und 1950 war die Quote auf 72 Prozent gesunken. Doch der größte und schnellste Rückgang erfolgte in den Jahren 1981 (44,3 Prozent) bis 2015 (9,6 Prozent) (S.89 f.).

Wenn man diese Zahlen liest, reibt man sich die Augen. Denn genau dieser Zeitraum war nach Ansicht linker Antikapitalisten besonders schlimm: Thomas Piketty, der linke französische Ökonom, kritisiert, dass in den letzten Jahrzehnten die Schere zwischen Arm und Reich besonders stark auseinander gegangen, die soziale Ungleichheit besonders stark gestiegen sei.

Vor 200 Jahren, als der Kapitalismus entstand, lebten weltweit nur etwa 60 Millionen Menschen nicht in extremer Armut. Heute leben mehr als 6,5 Milliarden Menschen nicht in extremer Armut. Allein in den Jahren 1990 bis 2015 (aus Sicht von Thomas Piketty die verheerenden Jahre, in denen die soziale Ungleichheit so stark gestiegen ist) entkamen weltweit 1,25 Milliarden Menschen extremer Armut – 50 Millionen pro Jahr und 138.000 jeden Tag (S. 91).

Dies ist ein Buch vollgestopft mit solchen Fakten. Und doch liest es sich nicht langweilig, sondern spannend wie ein Roman, weil der Autor immer wieder anschauliche Schilderungen aus dem Lebensalltag der Menschen einstreut, die zeigen, dass es eben ein Märchen ist, wenn behauptet wird, früher sei alles besser gewesen.

Verklärung der „guten alten Zeit“

Johan Norberg war früher selbst ein linker Antikapitalist. In seinem Buch bekennt er, er habe damals nie darüber nachgedacht, wie die Leute wohl vor der industriellen Revolution gelebt hatten, als es noch keine Medizin und Antibiotika, kein sauberes Wasser, nicht genügend Essen, keine Elektrizität oder sanitären Einrichtungen gab. „Ich stellte mir diese Epoche der Menschheit im Grunde genommen vor wie einen Ausflug aufs Land.“ (S. 20) Die Wirklichkeit früher war jedoch ganz anders. Der französische Wirtschaftshistoriker Fernand Braudel, so berichtet Norberg, habe herausgefunden, dass vor dem 18. Jahrhundert die Eigentumsverzeichnisse normaler Europäer nach ihrem Tod darauf hinwiesen, dass es „beinahe überall nur Armut gab“. So würde zum Beispiel der gesamte Besitz einer älteren Person, die ihr Arbeitsleben hinter sich hat, ungefähr so aussehen: „Ein paar alte Kleidungsstücke, ein Stuhl, ein Tisch, eine Bank, die Bretter des Betts, ein Sack gefüllt mit Stroh. Offizielle Berichte aus dem Burgund des 16. bis 18. Jahrhunderts sind voll von Hinweisen auf Menschen, die auf Stroh schlafen, ohne Bett oder andere Möbelstücke, die von den Schweinen nur durch etwas Leinen getrennt wurden.“ (S.77). Im frühen 19. Jahrhundert waren die Armutsraten selbst in den damals reichsten Ländern höher, als sie es heute in den armen Ländern sind. In den USA, Großbritannien und Frankreich lebten 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung in Zuständen, die wir heute als extreme Armut bezeichnen. Heute sind solche Zahlen nur noch in der Subsahara-Afrika vorzufinden. In Skandinavien, Österreich-Ungarn, Deutschland und Spanien lebten ungefähr 60 bis 70 Prozent in extremer Armut. Und zwischen 10 und 20 Prozent der europäischen und amerikanischen Bevölkerung wurden offiziell als Bettler und Vagabunden bezeichnet (S. 78 f.)

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