Interview mit Markus Miller "Vermögensabgaben und Corona-Bonds starten Verteilungskämpfe" – Top-Chance: "Neues, digitales Wirtschaftswunder"

19.05.2020, 16:51  |  18854   |   |   

Im Gespräch mit Ralph Malisch vom Smart Investor erklärt Markus Miller, Gründer und Geschäftsführer des Analyse- und Consultingunternehmens GEOPOLITICAL.BIZ, warum er die Stabilität des Euros in Gefahr sieht, welche gigantische Chancen die Zeit nach Corona mit sich bringt und warum Gold so wichtig wie eine Unfallversicherung ist.

Smart Investor: Herr Miller, in diesem Jahr hat uns der lange erwartete Aktiencrash aus einer dann doch völlig überraschenden Richtung getroffen. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?

Miller: Die Pandemie hat die Welt zu einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vollbremsung gezwungen. Für mich steht außer Frage, dass wir derzeit als Folge der gravierenden Maßnahmen, die mit der Coronavirus-Krise verbunden sind, den größ-ten Umbruch seit dem Zweiten Weltkrieg erleben. Für zahlreiche Bürger und Unternehmen bringen die aktuellen Verwerfungen bereits existenzielle Herausforderungen mit sich. Millionen von Arbeitslosen, Abertausende Insolvenzen sowie unzählige finanziell geschwächte Menschen und Familien werden nach der Krise zurückbleiben. Um eine noch gigantischere Pleitewelle mit unkalkulierbaren Dominoeffekten zu verhindern, werden weltweit zahlreiche staatliche Rettungsprogramme ins Leben gerufen.

Der Ruf nach staatlichem „Helikoptergeld“ ist dabei sehr leicht ausgesprochen und trifft auf eine große Popularität in der notleidenden Bevölkerung. Der Preis für diese expansiven, geldpolitischen Maßnahmen wird allerdings gigantisch hoch sein. Die Weltschulden werden weiter explodieren, der Wert des Geldes wird erodieren. Weltweit wird es zu Verteilungskämpfen kommen, und zwar zwischen Staaten und innerhalb von Gesellschaften; die Gefahr, dass nach einer Zeit des Preisverfalls (Deflation) eine massive Inflation einsetzt, ist enorm gestiegen. Die durch die SPD-Vorsitzende Saskia Esken ins Spiel gebrachte „Vermögensabgabe“ ist ein Beispiel für die beginnenden Verteilungskämpfe zwischen Bürgern; die Corona-Bonds ein weiteres zwischen Staaten.

Smart Investor: Diese Bonds werden sich kaum noch verhindern lassen, oder?

Miller: Es steht bereits außer Frage, dass die – zur Verhinderung der unkontrollierten Ausbreitung des Coronavirus – durch zahlreiche Staaten verhängten Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der wirtschaftlichen Aktivitäten zu volkswirtschaftlichen Ausfällen führen, die in die Billionen gehen werden. Die Verwerfungen und finanziellen Belastungen werden die Schäden der Finanzkrise des Jahres 2008 um ein Vielfaches übertreffen. Spanien und Italien sind nach Deutschland und Frankreich die beiden größten Volkswirtschaften der Eurozone. Beide Länder wurden in Europa am stärksten durch die Corona-Pandemie getroffen. Vergleichbar mit den Zerstörungen und Ausfällen nach einem Krieg ist ein Wiederaufbauprogramm erforderlich.

Smart Investor: Also wieder eine Steilvorlage für sozialistische Ideen?

Miller: Frankreichs Präsident, Emmanuel Macron, fordert bereits seit Jahren einen gemeinsamen EU-Staatshaushalt, um die dringend notwendigen Strukturreformen in Frankreich umzusetzen bzw. zu finanzieren, ohne dass sein Volk rebelliert. Italien und Spanien schlagen nun in dieselbe Kerbe und fordern sogenannte Corona-Bonds. Das ist nichts anderes als die immer wieder geforderten und abgelehnten Eurobonds, die jetzt eben einen neuen Namen erhalten.

Dahinter soll unter dem „Totschlagargument Corona“ eine staatlich verordnete Solidarität der Länder Europas stehen. Im Klartext bedeutet das: die Vollendung der Haftungsgemeinschaft und Umverteilungsunion innerhalb EU-Europas! Für mich steht außer Frage, dass Bürger, Steuerzahler und Vermögensinhaber auch diese Zeche wieder einmal bezahlen müssen! Die Solidität des EU-Systems und die Stabilität des Euro sind jetzt noch stärker gefährdet als zuvor. Gleichzeitig entstehen durch die Coronavirus-Krise aber auch zahlreiche neue Chancen an den Kapitalmärkten, die es zu nutzen gilt.

Smart Investor: Was halten Sie von der These, dass der Shutdown der Wirtschaft bedingt durch seine ansatzlose und externe Auslösung auch die Chance auf eine V-Umkehr beinhaltet, also auf eine rasche Erholung?

Miller: Das ist natürlich eine Hypothese – aber eine V-Formation ist nicht unwahrscheinlich, und wir sehen hier ja auch bereits Ansätze. Nach den bereits genannten negativen Aspekten gilt es auch, wie schon erwähnt, den Blick auf die kommenden, positiven Entwicklungen nicht zu verlieren. Dennoch ist meine Erfahrung mit der Kursentwicklung an Börsen nach Einbrüchen – bildlich gesprochen – eher die: Rolltreppe aufwärts, Fahrstuhl abwärts. Das heißt: Nach einem Chartverlauf, der wie ein Fahrstuhl nach unten sauste und den wir an zahlreichen Kapitalmärkten gesehen haben, erwarte ich eine Aufwärtsbewegung, die weit länger dauert und weit weniger dynamisch vonstattengeht, vergleichbar mit einer Rolltreppe.

Aber die Coronavirus-Krise wird zu massiv positiven Effekten führen. Der Nährboden für das deutsche Wirtschaftswunder war die Zerstörung, die der Krieg hinterlassen hatte. Dem „Krieg“ gegen den Coronavirus kann jetzt ein neues, digitales Wirtschaftswunder folgen. Für Staaten – ebenso wie für Investoren – ergeben sich auf dieser Basis gigantische Chancen. Ich bin davon überzeugt, dass die Coronavirus-Krise die Globalisierung, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, in vielen Bereichen massiv verändern wird.

Smart Investor: Was bedeutet das konkret?

Miller: Die jetzt schlagend werdenden Risiken, von scheinbar so effizienten und kostengünstigen Produktionsprozessen und Lieferketten in fernen Ländern, werden beispielsweise hinterfragt werden. Gleichzeitig werden – gezwungenermaßen – neue Weichen gestellt, für eine noch schnellere Digitalisierung. Digitale Technologien erweisen sich in der derzeitigen Krise als geradezu unverzichtbar, um unsere Volkswirtschaft und Gesellschaft weiterhin am Leben zu erhalten. Kryptowährungen rund um Bitcoin und Co. sowie innovative Digitalkonzerne aus den Bereichen Blockchain, Fintech, Artificial Intelligence oder Cybersecurity werden von der jetzt mit noch höherer Dynamik voranschreitenden Digitalisierung massiv profitieren und gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Die neue Globalisierung heißt Digitalisierung, in Form digitaler Marktplätze und Anwendungen.

Smart Investor: Kommen wir einmal zur Politik: Da wurde zum Teil spät, aber dafür umso drastischer gehandelt. Die üblichen Pillen, die auch in dieser Krise massenhaft verabreicht werden, sind billiges Geld und schuldenfinanzierte Fiskalimpulse. Welche Anlageklassen sehen Sie durch diese Maßnahmen begünstigt und welche werden noch zusätzlich leiden?

Miller: Leiden wird alles, was auf Zahlungsversprechen basiert: vom Giroguthaben über das Sparbuch und Staatsanleihen bis hin zur klassischen Lebensversicherung. Auch zahlreiche Immobilienmärkte werden mindestens massiv abkühlen. Die Edelmetalle sehe ich hingegen weiter im Aufwind. Die aktuelle Weltwirtschaftskrise ist der Nährboden für ein neues, digitales Weltwirtschaftswunder, bei dem sich nach meiner Einschätzung für Kryptowährungen ebenso wie für Technologiebzw. Digitalaktien aus den Bereichen Blockchain, Fintech, Internet of Things (IoT), Digitalisierung, Cybersecurity und Cloud ein gigantisch großes Kurspotenzial ergibt.

Smart Investor: Aber ist Gold unter dem Versicherungsaspekt nicht fast ein bisschen obsolet geworden – jetzt, da das Kind bereits im Brunnen liegt?

Miller: Ist eine Unfallversicherung obsolet, nachdem man einen Unfall erlitten hat? Nein! Gold und auch Silber sind immer eine Absicherung und Versicherung gegen Systemrisiken. Unabhängig vom Zeitpunkt und unabhängig vom Kurs. Gold bzw. Edelmetalle sind – wie eine Unfallversicherung – ein Basisbaustein gegen die Politik und das Finanzsystem.

Smart Investor: Sie sprachen das Potenzial von Kryptowährungen an. Phasenweise schien es, als seien diese reine Kinder der Hausse. Wo sehen Sie hier die künftigen Treiber?

Miller: Kryptowährungen erfahren immer mehr Marktakzeptanz. Gleiches gilt für die kryptografischen Applikationen, die zunehmend in die Realwirtschaft vordringen. Wie – natürlich limitiertes – Gold ist der mathematisch limitierte Bitcoin für mich ein Basisinvestment in einer Welt, die zunehmend in Schulden versinkt und gleichzeitig immer stärker digitalisiert. Ich rate jedem Anleger dazu: Eröffnen Sie ein Bitcoin-Konto und befassen Sie sich mit den Möglichkeiten der kommenden Tokenisierung unserer Welt. Der Token ist die Rechts- und Technologieform der Zukunft!

Smart Investor: Aber hat eine nicht-staatliche Kryptowährung wie der Bitcoin überhaupt noch die Chance, in die Funktion eines echten Alternativgeldes hineinzuwachsen, oder wird er nicht perspektivisch von staatlichen „Zwangskryptowährungen“ an den Rand gedrängt werden?

Miller: Selbstverständlich ist der Bitcoin heute schon ein Alternativgeld und wird es auch in Zukunft bleiben. Zentralisierte, staatliche Kryptowährungen werden den dezentralen Bitcoin nicht gefährden, sondern im Gegenteil das gesamte Krypto-Ökosystem weiter fördern.

Smart Investor: Neben den akuten Stimulierungsmaßnahmen flammt unter
Stichworten wie Gerechtigkeit und Kosten der Krise bereits eine höchst kontraproduktive Steuererhöhungsdiskussion auf. Welche Anlagen sehen Sie besonders gefährdet?

Miller: Am gefährdetsten sind die Anlagen, die weder auswandern noch relativ einfach verlagert werden können – und das sind die Immobilien!

Smart Investor: In jedem Fall müssen wir uns wohl auf eine weitere, nicht nur rein finanzielle Repression einrichten. Schon nach der letzten Krise hat die EZB nicht mehr aus dem Nullzins herausgefunden. Existiert überhaupt ein Ausweg aus der Hyperstimulation?

Miller: Es gibt grundlegend drei Auswege aus dieser Situation: erstens die verdeckte Umverteilung an den Staat durch die Effekte der finanziellen Repression (Negativzinsen), zweitens offene, neue Steuereinnahmen durch Sonderabgaben bis hin zur Enteignung von Vermögensinhabern, also eine Art neues Lastenausgleichsgesetz, oder drittens eine Währungsreform.

Smart Investor: Wie müsste im Hinblick auf eine solche Gefährdungslage ein praktikabler Kapitalschutz in diesen Zeiten aussehen?

Miller: Alternative Investmentformen müssen verstärkt Beachtung finden. Alternative Investments sind Kapitalanlagen, die grundsätzlich nicht unter die traditionellen Anlageformen wie börsengehandelte Aktien, Anleihen oder Wertpapiere fallen. Dabei handelt es sich um keine eigene Anlageklasse, sondern einen Überbegriff für innovative Produkte und Strategien, die sich von traditionellen Kapitalanlagen und Börsen abheben. Börsenunabhängige Investments werden daher nach meiner Überzeugung weiter an Bedeutung gewinnen. Auch für Privatanleger sind derartige Investments hochattraktiv: von Anlagediamanten über Whisky, Garagen, Oldtimer, Edelmetalle, Kryptowährungen, Diamanten bis hin zu Rolex-Uhren. Das Wichtigste dabei ist die sorgfältige und gezielte Auswahl des Anbieters und des Investments.

Smart Investor: Sie leben auf Mallorca. Das Thema Auswandern spielt in unserem Magazin eine große Rolle. In welchen Ländern stimmt für Sie eigentlich noch das Gesamtpaket aus Freiheitsrechten, soliden wirtschaftlichen Fundamenten und einer moderaten Politik?

Miller: Es gibt sechs Staaten, die ich zu meinen favorisierten Ländern zähle – von der Eröffnung eines Bankkontos oder Wertpapierdepots bis hin zum Kauf eines Grundstücks oder einer Immobilie. Gleichzeitig sind diese Länder auch meine grundlegend favorisierten Auswanderungsländer. Dabei handelt es sich um Australien, Kanada, das Königreich Norwegen, das Fürstentum Liechtenstein, die Schweiz und den Stadtstaat Singapur.

Darüber hinaus weiß ich von den Anwälten aus meinem Expertennetzwerk, dass Thailand und Neuseeland für vermögende Privatpersonen ganz hervorragende, sogenannte Migration- und Relocation-Programme offerieren, die in den letzten Jahren verstärkt von Multimillionären in Anspruch genommen wurden. Für Bürger mit weit weniger großem Vermögen – deren Auswanderungsentscheidung auch noch nicht sicher gefallen ist – empfehle ich darüber hinaus die vorsorglichen Möglichkeiten im Hinblick auf eine Einreise- bzw. Daueraufenthaltsgenehmigung in Paraguay. Mein persönlicher Favorit – neben Thailand in Bezug auf Klima und Lebensqualität – ist Kanada; hier explizit die Halbinsel Nova Scotia (Neuschottland) an der Ostküste mit ihrer Metropolregion um die Hauptstadt Halifax, die relativ schnell auch von Europa aus zu erreichen ist.

Smart Investor: Herr Miller, vielen Dank für die interessanten Ausführungen.

Die Fragen stellte Ralph Malisch, Smart Investor

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(Dieser Artikel aus der Smart Investor-Ausgabe 05/20 bezieht sich auf Daten, die bis zum 17.04.2020 erfasst wurden.)

Kurzvita von Markus Miller (Foto):
Der Wirtschaftsexperte Markus Miller ist Gründer von KRYPTO-X.BIZ und Chefanalyst wie auch Geschäftsführer des spanischen Medien- und Beratungsunternehmens GEOPOLITICAL.BIZ S.L.U. mit Sitz auf der Baleareninsel Mallorca, des Betreibers der Informations-, Kommunikations- und Consultingplattform www.geopolitical.biz. Er koordiniert als geschäftsführender Gesellschafter ein internationales Informations- und Kommunikationsnetzwerk von Steuerberatern, Rechtsanwälten sowie Wirtschafts- und Finanzexperten. Sein aktuelles Buch trägt den Titel Finanzielle Selbstverteidigung*.


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