Growth vs. Value Hat das "Orakel von Omaha" sein goldenes Händchen verloren? - Smart Investor-Chef Ralf Flierl über Warren Buffetts Value-Ansatz

18.05.2020, 15:32  |  29653   |   |   

Anstatt im Corona-Tief zu günstigen Preisen voll einzusteigen, tritt Starinvestor Warren Buffett derzeit stark auf die Bremse. Wie jetzt bekannt wurde, hat er sich von einem Großteil seiner Anteile an der Investmentbank Goldman Sachs getrennt. In der Finanzkrise 2008 war Buffett durch seinen Einstieg noch zum Retter der Bank geworden. Zudem fuhr er seine Anteile an den Finanzinstituten Wells Fargo und JP Morgan zurück und deckt sich vorerst mit Cash ein. Wie zeitgemäß ist sein Value-Investing-Ansatz noch?

Ist ein Unternehmen günstig bewertet gemessen am Wert seines Kapitals, der Stärke seiner Umsätze und der Kontinuität des Cash-Flows, spricht man von einer Value-Aktie. Buffett hat diese Methode zwar nicht erfunden, doch sie hat ihn berühmt und überaus erfolgreich gemacht.

“Warren Buffett ist dem Vermögen nach vermutlich der erfolgreichste Investor aller Zeiten, er muss also einiges richtig macht haben, auch wenn er früher deutlich besser war”, sagt Ralf Flierl, Chefredakteur von Smart Investor, und erinnert an Buffetts Beteiligung an Coca-Cola, die er “ver-x-facht” habe.

Doch sein Erfolg und seine Bekanntheit seien ihm womöglich in der Vergangenheit auch zur Last geworden, glaubt Ralf Flierl. “Bei einem Portfolio in dieser Größenordnung muss sich Buffett eher mit großen Firmen beschäftigen, weshalb er nicht mehr so flexibel agieren kann wie früher.”

Die Financial Times berichtete kürzlich, dass die Berkshire Hathaway-Aktie im 1-, 5- und 10-Jahresvergleich schlechter abgeschnitten hat als der S&P 500-Index. Der Corona-Crash riss im ersten Quartal ein 50-Milliarden-Dollar-Loch in Buffetts Portfolio. Mancher Beobachter fragt sich, ob das “Orakel von Omaha” seine goldenes Händchen verloren habe.

Ralf Flierl glaubt, dass die Value-Strategie im derzeitigen Niedrigzinsumfeld einfach nicht mehr so effektiv ist. “Klassische Value-Unternehmen, die gut wirtschaften und ordentliche Rendite einfahren, werden relativ betrachtet nicht mehr so hoch bewertet wie früher. Dagegen sind die Growth-Titel wie zum Beispiel die FAANG-Aktien heutzutage deutlich höher bewertet als früher. Ihnen kommt auch zugute, dass sie weniger kapitalintensiv und damit weniger auf Kreditfinanzierung angewiesen sind, was sie weniger abhängig von der Zinsentwicklung macht.”

Die Struktur der Wirtschaft und damit auch die Voraussetzungen für solides Wachstum von Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. Im Gespräch mit der Financial Times erklärt Ben Inker, Chef des US-amerikanischen Value-Spezialist GMO, dass viele traditionelle Kennzahlen zur Aktienanalyse an Bedeutung verlieren. „Wenn ein Unternehmen viel Geld für den Bau von Fabriken ausgibt, wirkt sich dies auf den Buchwert aus. Aber wenn Sie das für geistiges Eigentum ausgeben, wird das nicht auf die gleiche Weise bewertet.” Deshalb wolle man sich mehr auf “alternative Kennzahlen und immaterielle Werte von Unternehmen” konzentrieren.

Dass Notenbanken die Zinsen senken, sei eine Marktentwicklung, an der Warren Buffett keine Schuld treffe, betont Ralf Flierl. Trotzdem schlage es auf seine Rendite. Der 89-jährige Starinvestor habe seine Strategie im Laufe der Jahre schon aufgeweicht. “Bei Apple ist er schon länger investiert, und auch bei Amazon ist er inzwischen mit einer kleinen Position eingestiegen. Und das, obwohl ihm diese Aktie früher eigentlich immer zu teuer war.”

Bei manchen Entscheidungen habe Buffett dagegen einfach danebengelegen, erklärt Flierl. Wie bei seiner Wette auf Airlines beispielsweise. Zwischenzeitlich hielt Buffett jeweils rund zehn Prozent der Anteile an den vier großen amerikanischen Fluggesellschaften United, American, Delta und Southwest. Inzwischen hat er sämtliche Aktien mit Verlust wieder verkauft. Auf der virtuellen Hauptversammlung von Berkshire Anfang Mai nannte er die Investitionen einen “Fehler”.

Nun mussten also auch Buffetts Bankaktien dran glauben. Manche Beobachter sehen darin ein Misstrauensvotum gegenüber der Finanzbranche und vermuten, dass der Multimilliardär auch einen erneuten Absturz der Börsen für möglich halte.

Autor: Julian Schick, wallstreet:online Zentralredaktion

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