Interview mit Dr. Günter Unterleitner zum Risikomanagement in und nach der Corona-Krise

Gastautor: Rainer Brosy
26.05.2020, 13:08  |  1895   |   |   

Der Risikomanagement-Experte Dr. Günter Unterleitner ist seit über 30 Jahren in den Themenbereichen Risiko-, Prozess- und Qualitätsmanagement in unterschiedlichen Funktionen im westeuropäischen Markt tätig. 2003 gründete er in Liechtenstein die SynoFin Risikomanagement Service AG als aufsichtsbehördlich zugelassenen Risk-Provider mit eigenen Risikolösungen und -services. In seiner Funktion als Inhaber und Geschäftsführer begleitete er namhafte Banken und Fondsgesellschaften auch durch die jüngste Corona-Krise und ist in Lehrgängen und Veranstaltungen intensiv in die Risikomanagement-Entwicklung und -Praxis eingebunden. Wir haben ihn zu seinen Erfahrungen und Zukunftseinschätzungen des Risikomanagements befragt.

Bild: Interviewpartner: Dr. Günter Unterleitner. Bildquelle: Dr. Günter Unterleitner / www.synofin.li

Sie sind Gründer und Inhaber der SynoFin Risikomanagement Service AG. Wie ist es dazu gekommen?

Unterleitner: „Wir wurden anlässlich der Implementierung eines Investment-Compliance-Tools bei einer liechtensteinischen Privatbank gebeten, angesichts des nahenden AIFMG (Gesetz zur Verwaltung alternativer Anlagen) ein adäquates Risikomanagementsystem zu suchen. Wir konnten aber kein leistbares und voll gesetzeskonformes System finden.

So beschloss ich gemeinsam mit meinem Gründungspartner die SynoFin Risikomanagement Service AG zu gründen. Ziel war es, effizientes Risikomanagement in der Praxis zu etablieren. Dazu braucht es modernste Technologie für ein webfähiges und workflow-orientiertes Risikomanagementsystem. Das soll alle gesetzlichen Anforderungen erfüllen und zudem modular und skalierbar sein, sodass es sich auch kleinere und mittlere Marktteilnehmer leisten können.

Das ist ziemlich gut gelungen. Heute zählen wir Vermögensverwalter, Fondsgesellschaften und Banken in Liechtenstein, der Schweiz, Deutschland, Österreich und Luxembourg zu unseren Kunden. Wir berechnen täglich die Risikokennzahlen von über 800 Portfolios im Wert von mehr als 45 Mrd. Euro.“

Warum ist der Standort von SynoFin in Liechtenstein?

Unterleitner: „Liechtenstein war damals, 2012, zum einen Vorreiter bei der AIFMG-Umsetzung und hatte zum anderen eine Besonderheit im EU/EWR-Raum: die Teilzulassung als AIFMG-Risikomanager ohne eigene Fonds. Damit kann man marktneutral alle Risikomanagementaufgaben nach UCITSG und AIFMG bis hin zur Volldelegation anbieten.

Weiters haben wir hier die Nähe zu unseren Netzwerkpartnern für Softwareentwicklung und Finanzmathematik. So wird etwa unser Rechenkern, der ursprünglich aus der österreichischen Nationalbank kommt, am Lehrstuhl von Prof. Breuer betreut und weiterentwickelt und jährlich nach ISAE3000 zertifiziert. Mit der Kombination aus modernsten Technologien und neuen Risikomanagement-Methoden und -Verfahren sind wir zu einem der Vorreiter im Risikomanagement geworden.“

Wie hat sich Risikomanagement insgesamt in der Finanzindustrie entwickelt?

Unterleitner (lacht): „Jetzt brauchen Sie aber viel Zeit, denn wie Sie wissen, bin ich Risikomanagement-Methusalem und -Begeisterter. Nein aber im Ernst: die Ursprünge des Risikomanagements entstanden im Taylorismus in der Industrie. Dort wird’s manchmal ja auch lebensbedrohlich, während man in der Finanzindustrie lange glaubte, das Risiko liege darin, dass man sich am Kaffee verbrüht oder am Bleistift sticht.

Trotz der eindeutigen Signale auf fehlendes Risikomanagement in den Krisenjahren ab 1930 und den verheerenden Auswirkungen auf die Weltwirtschaft kamen erst in den 1970er-Jahren erste Abhandlungen zu Risikomanagement in der Finanzwirtschaft auf. Diese aus der Industrie und auch Naturwissenschaft abgeleiteten Konzepte waren die Spielwiese von Experten in den Banken und Aufsichtsbehörden und hatten trotz Aufhebung des Goldstandards noch lange betriebswirtschaftliche und nationale Schwerpunkte. Die Anfänge der Risikomessgrößen und Limits waren nicht verpflichtend und orientierten sich dabei hauptsächlich mit dem Grundsatz „Sturzhelm“, also vermeidet nicht das Unglück aber mindert die Ablebenswahrscheinlichkeit.“

Bild: Bilanz. Bildquelle: www.synofin.li

Das Risikomanagementprinzip „Sturzhelm“ war also ein richtiger Zwischenschritt aber wo stehen wir heute?

Unterleitner: „Ja richtig. Das Sturzhelmprinzip bedeutete übersetzt auf Finanzintermediäre möglichst viel Kapital vorzuhalten, um Insolvenzen und deren Kettenreaktionen zu vermeiden. Aber die Krisen 2001 und 2008 haben gezeigt, dass es zum Sturzhelm in gewissen Situationen auch noch einen Fallschirm braucht.

Die internationalen Aufsichtsregime und vor allem auf EU-Ebene haben also die Mindestkapitalausstattung noch zusätzlich in Beziehung zu den Geschäftsmodellrisiken gesetzt. Diese für Banken, Fondsgesellschaften und andere Finanzintermediäre verpflichtend eingeführten Risikokennzahlen und -Limite wurden auch noch mit der Auflage von Simulationen, also der Abbildung von Stresssituationen versehen.

Die Regulatoren haben also ihre Hausaufgaben im Risikomanagement gemacht, aber wie sieht es mit der Umsetzung in der Praxis aus?

Unterleitner: „Na das ist noch etwas durchwachsen. Die intensiven Bemühungen einzelner Verbände bei den Aufsichtsbehörden ein Proportionalitätsprinzip durchzusetzen ist nicht immer vollends gelungen, sodass viele kleinere und mittlere Finanzintermediäre vor großen Herausforderungen stehen. Für diese Gruppe ist es sehr schwierig beim regulatorischen Tempo und der Komplexität mitzuhalten. Bei den engen Margen sind auch die Kosten für eigene Risikomanager nicht tragbar. Somit sind sie auf die Hilfe von diesbezüglichen Risikomanagementlösungs- und -serviceanbietern angewiesen. Als aufsichtsbehördlich zugelassener Risikomanager bieten wir dieses Paket der Risikomanagementdelegation auch erfolgreich an, sehen aber sonst am Markt meistens nur Angebote technischer Lösungen über Plattformen ohne fachliche Risikomanagementunterstützung.

So manches „altgediente“ Risikomodul eines Bank-/Fondssystemanbieters und auch viele der internen Excel-Eigenbau-Risikoberechnungsmodelle gelangten mit den neuen Vorgaben an ihre Grenzen – viel zu fehleranfällig, ungenau und langsam. Nun entstanden erste professionelle Lösungen und Services von spezialisierten Risk-Providern, allerdings vielfach konzentriert auf die methodisch gesicherte Risikokennzahlenberechnung und weniger das Risikomanagement als Steuerungs- und Entscheidungsfunktion unterstützend. So treffe ich auch heute noch auf wenige wirkliche Risikomanager aber viele „Risiko-Historiker“. Die sind zwar gute Experten, müssen aber nach den over-night- Berechnungsläufen den ganzen Tag Daten komplettieren oder korrigieren und eine neue Berechnung starten. Das heißt, die können Ihnen morgen sagen, was für ein Risiko Sie gestern hatten.“

Gutes Risikomanagement ist also auch eine Zeitfrage. Wie macht man aus den vielen „Risiko-Historikern“ nun gute Risikomanager?

Unterleitner: „Durch den Einsatz moderner Technologien und Prozessoptimierung. Nehmen wir beispielsweise die vorhin beschriebene Datenanlieferung. Wenn Sie täglich die Risikobewertungen von z.B. 200 Portfolios mit über 150.000 Finanzinstrumenten vornehmen müssen, bekommen Sie nie alle Daten rechtzeitig geliefert. Deshalb haben wir da eine Data-Enrichment-Procedure vorgeschaltet, die fehlende Daten weitestgehend automatisch ergänzt und gleichzeitig Plausibilitätsprüfungen vornimmt und Fehlerhinweise an die Verantwortlichen abgibt.

Diesen Prozess haben wir in ein System eingebunden, das web-basiert und workflow-gesteuert ist. Das heißt weltweit können verantwortliche Asset- und Risikomanager in Echtzeit Massnahmen setzen. Und nachdem die RiskMan-Lösung viele Rechenkerne gleichzeitig bedienen kann, ist sie auch noch schnell und berechnet über 150 Portfolios pro Stunde.

In der Praxis stellt sich das also dann so dar: Sie erhalten die Abschlussdaten der ersten 100 Portfolios aus der Fondsbuchhaltung um 13:00 Uhr Ortszeit. Um 14:00 Uhr liegen Ihnen spätestens die Ergebnisse vor. Sie bearbeiten noch ein paar offene ToDos weil neue Finanzinstrumenten dazu gekommen sind und ab 14:30 sind bereits wirklich Risikomanager, indem Sie erste Telefonate zur Optimierung von Risiko und Ertrag mit Assetmanagern oder Fondsleitern führen.“

Hatten wir das richtige Risikomanagement in der Corona-Krise?

Unterleitner (lacht): „Ich hoffe unter „wir“ meinen Sie die EU und Europa, weil nur da kenne ich mich aus. Also die Corona-Krise ist eine weltweite Gesundheits- und Realwirtschaftskrise mit massivem Impact auf die Finanzwirtschaft und ihre Akteure. Bei der Beurteilung der Zweckdienlichkeit des Risikomanagements in globalen Krisen müssen uns mit der Wirkung des Risikomanagements gegen das systemische Ausfallsrisiko mit dramatischen Störungen der Finanzwirtschaft auseinandersetzen. Darunter befinden sich zwei Ebenen: die Metaebene auf der sich Aufsichtsbehörden, Verbände und Finanzwissenschaft bewegen und die Individualebene, also das Risikomanagement in den Unternehmen.

Das Risikomanagement auf Meta-Ebene mit den regulatorischen Vorgaben zu Risiko-Kennziffern und deren Steuerung und dem Prinzip der Risikotragfähigkeit als Verhältnis zwischen geschäftsmodell-immanenten Risiken und der Kapitalausstattung unter Stressannahmen hat sich bewährt. Sowohl Reserven als auch Massnahmen auf Aufsichts-, Zentral- sowie Nationalbank-Ebene haben uns diesmal und bis jetzt nicht in die Nähe des Kollapses geführt.

Beim Risikomanagement auf Unternehmensebene müssen wir unterscheiden zwischen kleineren/mittleren und großen Unternehmen. So manches kleinere Unternehmen mit risikointensivem Geschäftsmodell hat es über Fusion oder Delegation geschafft, ein adäquates Risikomanagement vorzuhalten. Aber immer noch sind viele dieser Unternehmen auf der Suche nach passenden Lösungen und damit in Stresssituationen schnell überfordert oder unvorbereitet. Manche größere Finanzintermediäre sind noch mit ungenügenden oder auch zu komplexen Lösungen unterwegs und hängen noch an tradierten Eigenlösungen. Das kommt mir manchmal noch so vor, als ob man einen Motorbaukurs bucht, weil man Autofahren will. Und das Risikomanagement-Auto gibt es inzwischen ja sowohl für die kleine Brieftasche als auch für die Rennstrecke. Der richtige Risikomanager in der heutigen Zeit hat sich bereits vom tradierten Rollenverständnis als System- und Elfenbeinturm-Experte und Nein-Sager zum Kommunikator und Lösungsanbieter gewandelt.“

Das aktuelle Risikomanagement-Regime hat uns also bisher vor dem Corona-Abgrund bewahrt. Aber nach der Krise ist vor der Krise. Wie und wo können wir im Risikomanagement noch besser werden?

Unterleitner: „Auf der regulatorischen Ebene bieten Proportionalität und Stresstestsystematik noch Verbesserungspotenzial. Es gilt, für kleinere Unternehmen verdaubare Anforderungen zu formulieren. Auch die gesetzlich-technischen Vorgaben von Stresstests an vergangenen Krisen oder singulären Markt-/Preisparameter-Verschiebungen haben sich als weitgehend ungenügend erwiesen. Keine Krise kommt nochmal in derselben Form und auch nicht jeder Stresstest macht bei jedem Portfolio Sinn. Dabei gibt es bereits finanzmathematische Lösungen wie die Mahalanobis-Distanz, die das über einer definierten Plausibilitätsschwelle realistische und stressigste Szenario mit den darunterliegenden einzelnen Risikofaktoren für jedes Portfolio individuell ermittelt. Wir haben diese Funktion in unserem Rechenkern umgesetzt und erste Auswertungen im Fall der Corona-Krise zeigen erstaunlich gute Vorhersagewerte. Damit könnte man nicht nur die Risikovorsorge sondern auch die Risikosteuerung viel individueller und zielgenauer betreiben.

Auf der Unternehmensebene zeigt sich in Krisensituationen wie der gegenwärtigen Corona-Krise, dass Risikomanagement bereits ein gutes Standing, eine Vertrauensposition, die richtigen Instrumente und die zum Unternehmen passende Risikokultur verankert haben muss. Während der Krise ist es zu spät und nachher vielleicht nicht mehr möglich oder notwendig. Die methodischen Standards sind weitgehend vorhanden, wie wir gerade angesprochen haben. Nun muss deren Transformation in die betriebliche Praxis konsequent vorangetrieben und auch ein technischer Standard geschaffen werden. Die Risikomanagementlösungen müssen modular und skalierbar werden, um für möglichst viele Unternehmen leistbar und betreibbar zu sein. Der Ausbau der Risikomanagement-Systemfunktionen muss sich zukünftig auf ortsunabhängige und rollengesteuerte Interaktion sowie Visualisierung und Simulation konzentrieren. Dann muss auch noch das Angebot von Risikomanagementservice bis hin zur autorisierten Risikomanagementdelegation von bestehenden und neuen Risk-Providern gestärkt werden.

Wir haben im Risikomanagement also schon viel erreicht, aber es bleibt noch einiges zu tun. Dann können wir mit Recht sagen: Das Risikomanagement hat einen wichtigen Beitrag zu Stabilität und Krisenresilienz geliefert.“

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Rainer Brosy
Geschäftsführer
http://www.seoplus.expert/

Rainer Brosy (B.Eng.) betreibt eigene Finanz- und Energieportale und gehört zum Team verschiedener ICO`s.

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