Die Erotikbranche in der Coronazeit

Gastautor: Martin Brosy
02.06.2020, 12:13  |  326   |   |   

Die Corona Pandemie hat Ausmaße erreicht, die dafür sorgen, dass kaum mehr jemand unbeeinflusst von der Krise bleibt. Die verschiedensten Unternehmen sind durch die Schließungen in eine finanzielle Notlage geraten, aus denen sie auch die Wirtschaftspakete kaum retten können. Derweil leiden Menschen im Privaten unter dem Abstandhalten, der Trennung von Freunden, dem Ausbleiben von Vereinssport und den nervlichen Strapazen, die die heimische Kinderbetreuung mit sich bringt. Besonders interessant sind die Auswirkungen, welche die Krise auf eine ganz bestimmte und medial in diesen Zeiten teils stiefmütterlich behandelte Branche hat: die Erotikbranche. Nachfolgend berichten wir über die Herausforderungen und Veränderungen, die Mitarbeiter und Unternehmen der Branche in der Coronazeit beobachten.

Corona Krise fördert Sextoy-Branche

Dildos, Vibratoren, Masturbatoren, Sexpuppen und Co. sind scheinbar gefragter denn je. Die erfolgreichsten deutschen Online-Sexshops, darunter Amorelie und Orion, verzeichnen eine deutlich gesteigerte Nachfrage nach Sextoys und erotischem Zubehör. Auch Dessous, Handschellen, Kondome und Gleitgel gehen weg „wie warme Semmeln“. Erklären lässt sich diese Entwicklung eigentlich recht schlüssig: Durch Kurzarbeit, Quarantäne und Betriebsschließungen verbringt ein großer Teil der Deutschen beträchtlich mehr Zeit in den eigenen vier Wänden, als es vor der Pandemie der Fall war. Anstatt nach einem anstrengenden Arbeitstag erledigt ins Bett zu fallen, bleibt mehr Zeit und Energie für Zärtlichkeiten, kleine Abenteuer und Sex. Paare verbringen mehr Zeit miteinander, die sie mitunter zwischen den Laken „totschlagen“, und Singles finden dank Online-Kauf inklusive Lieferung bis an die Haustür kreative und teils innovative Wege, selbst für das eigene sexuelle Vergnügen zu sorgen. Und auch scheinen die Kunden experimentierfreudiger zu werden und auch ungewöhnlichere Sexspielzeuge zu bestellen. So ist die Nachfrage nach Fickmaschinen stark angestiegen und Webseiten wie Fickmaschine-Test.de berichten von vermehrten Besucheraufkommen. Manche Erotikgeschäfte im Netz haben bereits auf die verstärkte Nachfrage reagiert und bieten spezielle Vergünstigungen, Rabatte und „Corona-Deals“ an, um ihre Kunden beim Zeitvertreib der erotischen Art zu unterstützen.

Lokale Erotikshops bleiben auf der Strecke

Anders ergeht es den lokalen Erotikshops, vor allem jenen, die über keinen zugehörigen Onlineshop verfügen. Hier wird durch Corona beschleunigt und auf die Spitze getrieben, was sich ohnehin schon seit Jahren abzeichnet: der Online-Kauf wird dem Kauf im Geschäft vor Ort vorgezogen. Das gilt mittlerweile für sehr viele Produkte und Branchen, trifft auf das Erotiksegment aber insbesondere zu. Warum? Ganz einfach: Viele Menschen haben eine gewisse Hemmschwelle beim Kauf von Sextoys und Zubehör. Der Kauf im Netz ist vergleichsweise anonym und folglich mit deutlich weniger Überwindung und Scham verbunden als der Besuch im lokalen Erotikshop. Menschen, die bislang dennoch im Erotikgeschäft ihrer Region geshoppt haben, mussten durch die Schließung der Geschäfte auf Online-Shops ausweichen. Ob sie anschließend wieder zu ihren alten Gewohnheiten zurückkehren oder angesichts der komfortablen Vorzüge des Kaufs über das Internet auch in Zukunft von Zuhause aus einkaufen werden, bleibt abzuwarten.

Pornoseiten verzeichnen Rekordhoch während Corona

Neben Online-Erotikshops, berichten auch Pornoseiten von einem Zuwachs an Besuchern. Die Klickzahlen auf gängigen Portalen haben sich laut Aussage der Betreiber um 20 % bis 30 % erhöht. Eine Entwicklung, die derzeit kaum noch für Verwunderung sorgt. Eingefleischte Porno-Fans haben nun schlicht und einfach mehr Zeit, die sie ihrem speziellen Hobby widmen können, und auch der ein oder andere bisher „Abstinente“ wird durch Langeweile und aufgestaute Energie auf Websites mit erotischem Content gelockt. Hinzu kommt, dass das Online-Dating in Coronazeiten schwieriger geworden ist beziehungsweise zeitweise komplett zum Erliegen kam. Die Bedürfnisse, die unter normalen Umständen im Rahmen realer Sextreffen gestillt worden wären, werden nun vermehrt online und virtuell befriedigt. Auch in diesem Zweig der Erotikbranche passen sich die Anbieter der Nachfrage an und bieten ihrer abstands-geplagten Kundschaft Sondertarife, Bonus-Aktionen und Vergünstigungen an. Und auch die Darsteller reagieren auf die aktuelle Situation: Immer häufiger findet man auf einschlägigen Plattformen Porn Clips, in denen Handschuhe und Mundschutz getragen werden.

Existenzängste: Prostituierte verlieren Kundschaft und Wohnraum

Besonders hart trifft es Menschen, die ihr Geld mit Dienstleistungen der sexuellen Art verdienen. Und zwar nicht online, sondern auf der Straße und in Bordellen - in der realen Welt und auf die „altmodische“ Art. Sexarbeiterinnen klagen seit Wochen über mangelnde Kundschaft und darüber, wortwörtlich ihrer Lebensgrundlage beraubt worden zu sein. Bordelle mussten deutschlandweit und über die Grenzen hinaus schließen, was zwar verständlich, für diese Menschen aber katastrophal ist. Gerade Prostituierte, die nicht nur in den Bordellen arbeiten, sondern auch wohnen, haben nun zeitgleich ihren Wohnraum und ihre Arbeit verloren. Da die Branche unweigerlich mit engem Körperkontakt verbunden ist, ist außerdem absolut unklar, wann sich die Situation für die zahlreichen Sexarbeiterinnen in Deutschland zum Besseren wenden wird.

Fazit: Erotikbranche gewinnt und verliert in der Coronazeit

Im Gesamten ist die Erotikbranche demnach eine der wenigen Branchen, die zeitgleich von der Corona Krise profitiert und unter ihr leidet. Online-Sexshops und Pornoseiten freuen sich über mehr Zulauf und ein gutes Geschäft, während lokale Erotikfachgeschäfte und Sexarbeiterinnen sowie Betreiber von Bordellen in die Existenzkrise geschleudert wurden. Glück im Unglück haben die Erotikshops, die nicht nur vor Ort, sondern auch online vertreten sind. Sie haben die Möglichkeit, die Einbußen in den regionalen Geschäften mit den Umsätzen, die online generiert werden, abfangen zu können. Kleinere Shops und Vollzeit-Sexarbeiterinnen stehen hingehen in vielen Fällen vor einer Herausforderung, die unüberwindbarer wird, je länger die Pandemie andauert.



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