Wirecard Aktie – zum Schnäppchenpreis für Hartgesottene

Gastautor: Aktienfinder.Net
02.06.2020, 19:37  |  2841   |   |   

 

Die Wirecard Aktie könnte ein Erfolgsgeschichte bis zum heutigen Tage sein. Seit 2005 steigert das Unternehmen den Gewinn mit einer einzigen Ausnahme Jahr für Jahr. Entsprechend vervielfachte sich der Aktienkurs von 4 Euro im Jahr 2000 auf knapp 200 Euro bis August 2018.

Doch dann nahm das Unheil seinen Lauf. Alles begann mit einer internen Präsentation, die 2018 unter dem Namen „Project Tiger Summary“ beim Finanzdienstleister Wirecard zirkulierte und potenziell fragwürdige Geldströme und eine möglicherweise unsaubere Buchführung der Singapur-Niederlassung zum Inhalt hatte. Als ein Whistleblower die internen Unterlagen der Financial Times steckte, eskalierte das Geschehen. Mit mehreren Artikeln innerhalb kurzer Zeit machte die Zeitschrift die angeblichen Verstöße publik und untermauerte diese mit der Veröffentlichung interner Dokumente. Nach der Shortseller Attacke des Unternehmens Zatarra Research im Jahr 2016, war dies bereits das zweite Mal, dass Wirecard derart an den Pranger gestellt wurde. Viele Investoren zogen die Reißleine. Schon mit dem ersten Artikel der Financial Times verlor die Wirecard Aktie innerhalb einer Woche 35 Prozent an Wert.

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Bis heute (Stand 31.05.2020) hat sich der Aktienkurs von Wirecard nicht nachhaltig erholt. Weder eine Prüfung durch die externe Anwaltskanzlei  Rajah & Tann im März 2019 in Singapur, noch der jüngste Bericht der Wirtschaftsprüfer von KPMG konnten aus Sicht der Anleger überzeugt, die Vorwürfe wirksam entkräften. Da halft auch nicht, das Wirecard immer wieder seine Unschuld beteuerte. Die exorbitanten Kursgewinne der ersten Jahreshälfte 2018 im Vorfeld der DAX-Aufnahme gehören damit der Vergangenheit an.

Dividenden und Kursgewinne der Wirecard Aktie im Aktienfinder

Fundamental gesehen, so viel sei jetzt schon verraten, sieht die Wirecard Aktie wie ein historisches Schnäppchen aus. Wie aber sind die Risiken einzuschätzen? Eine gute Gelegenheit, mit Hilfe des Aktienfinders einen genauen Blick auf das Unternehmen zu werfen und zu prüfen, ob die aktuelle Situation für dich ein gutes Chancen-Risiko Verhältnis bereithält.

Wirecard Aktie
Logo
Wirecard Logo
Land Deutschland
Branche Zahlungsdienstleister
Isin DE0007472060
Marktkapitalisierung 11,8 Milliarden €
Dividendenrendite 0,2%
Stabilität Dividende 0,96 von max. 1,0
Stabilität Gewinn 0,89 von max. 1,0

Das Geschäftsmodell: So verdient Wirecard Geld

Wirecards hat sich über die Jahre zu einem großen Anbieter im Bereich digitaler Zahlungsabwicklungen gemausert. Das Unternehmen besitzt in vielen Ländern eine eigene Banklizenz und kann so hauseigene Kreditkarten anbieten. Daneben ist das Unternehmen vor allem als Zahlungsabwickler aktiv, der andere Zahlungsanbieter (wie beispielsweise Visa oder MasterCard) in die eigene Bezahl-Infrastruktur einbindet. Der Aktienfinder hat Wirecards Geschäftsmodell schon einmal im Vergleich zu Mastercard und Visa eingehend unter die Lupe genommen und die wesentlichen Grundlagen erklärt. So kann Wirecard gegen eine Gebühr selbst die Transaktionen zwischen den Händler- und Kundenbanken übernehmen. Daneben ist es möglich, dass Wirecard auch Zahlungen von Kunden abwickelt, die mit Kreditkarten von Visa oder MasterCard bezahlen. Für diese Abwicklung nimmt Wirecard ebenfalls eine Gebühr.

Geschäftsmodell von Mastercard und Visa und Wirecard

Geschäftsmodell von Mastercard und Visa und Wirecard

Du fragst dich vielleicht, weshalb andere Zahlungsanbieter oder Händler, Wirecard bei der Zahlungsabwicklung einbeziehen sollten. Schließlich verdient Wirecard an jeder Transaktion Geld, was den betroffenen Parteien Mehrkosten oder niedrigere Umsätze verursacht.

Trotzdem sind die von Wirecard angebotenen Dienstleistungen für Händler und andere Zahlungsanbieter attraktiv. So können Händler über Wirecard Zahlungen sowohl von Mastercard als auch Visa annehmen, was für eine größere Kundenzufriedenheit sorgt. Gegenüber Kreditkartenanbietern übernimmt Wirecard zusätzlich das Risiko bei Zahlungsausfällen und lässt sich die Risikoübernahme mit einem Gebührenaufschlag vergüten. Du kannst Wirecard als eine Plattform betrachten, die Händlern eine Komplettlösung für Zahlungen anbietet.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass das Netz an Kunden, die auf Wirecards Dienstleistungen zurückgreifen, immer größer wird.

Mittlerweile ist Wirecard in China aktiv. Neben Kooperationen mit Alipay und WeChat Pay (Tencent) hat das Unternehmen durch die Übernahme des chinesischen Unternehmens AllScore Payment Service seinen Fußabdruck im bevölkerungsreichsten Land der Erde vergrößert. Wirecard erwarb AllScore im vergangenen Jahr. Im Moment hält Wirecard 80 Prozent an AllScore und hat die Option, die restlichen 20 Prozent zu erwerben.

Aber auch hier kommst du bei Wirecard nicht an einem kleinen „Skandälchen“ vorbei. Die People’s Bank of China hat das Unternehmen AllScore Anfang Mai mit einem Bußgeld in Höhe von umgerechnet $16 Millionen belegt. Ein Tochterunternehmen soll, bevor es von AllScore übernommen wurde, unter anderem Provisionen veruntreut und direkte Geldabwicklungen für illegale Aktivitäten ermöglicht haben.

Wirecard – Eine Wachstumsmaschine

Abseits der Skandale floriert das Geschäft für Wirecard. Das kannst du sehr gut am Umsatzwachstum sehen. Wirecard steigerte diesen von knapp €200 Millionen im Jahr 2008 auf €2,8 Milliarden im Jahr 2019.

Umsatzentwicklung von Wirecard im Aktienfinder

Umsatzentwicklung von Wirecard im Aktienfinder

Der Gewinn ist bei Wirecard in den letzten Jahren ebenfalls massiv gestiegen. Betrug dieser 2010 noch  €0,53 pro Aktie, lag er Ende 2019 bei €3,93 pro Aktie. Im Jahr 2022 soll der Gewinn sogar auf €9,61 pro Aktie steigen.

Wirecard Cash Flow und Gewinnentwicklung im Aktienfinder

Wirecard Cash Flow und Gewinnentwicklung im Aktienfinder

Langfristig dürfte der Trend zum bargeldlosen Bezahlen nicht nur anhalten, sondern sich durch das Coronavirus sogar noch beschleunigen.

Das mit dem Umsatzwachstum parallel verlaufende Gewinnwachstum lässt bereits auf eine stabile Profitabilität schließen. In der Tat zeigt der Aktienfinder hier keine Auffälligkeiten. Dass die Bruttomarge tendenziell eher gering ist, erklärt sich daraus, dass Wirecard pro durchgeführte Transaktion nur sehr geringe Gebühren erheben kann und der Gewinn vor allem über die Anzahl der Bezahlungen zustande kommt. Im Vergleich zum Konkurrenten Adyen, der lediglich auf eine Bruttomarge von 18,7 Prozent kommt, steht Wirecard sehr gut dar. Es gibt aber auch Konkurrenten wie Global Payments oder First Data, die ähnlich hohe Margen wie Wirecard haben.

Wirecard Margen im Aktienfinder

Wirecard Margen im Aktienfinder

Wirecard Aktie: Kleine Dividende, großes Potential

Mit einer Dividendenrendite von aktuell 0,3 Prozent steht die Wirecard Aktie nicht im Fokus einkommensorientierter Anleger. Aber das könnte sich ändern. So steigert Wirecard die Ausschüttungen in den letzten Jahren immer in einem (niedrigen) zweistelligen Bereich. Die aktuelle Ausschüttungsquote von gerade einmal 5 Prozent, , bietet sehr viel Spielraum für künftige Erhöhungen.

Wirecard Aktie: Schnäppchen oder Pulverfass?

Fundamental betrachtet ist die Wirecard Aktie derzeit massiv unterbewertet. Basierend auf dem bereinigten Gewinn müsste die Aktie für eine faire Bewertung bei €133 liegen. Hiervon ist sie mit einem aktuellen Kurs knapp über €90 weit entfernt. Insofern ergibt sich ein theoretisches Kurspotential von fast 50 Prozent. Daneben siehst du, dass sich ein günstiges Zeitfenster geöffnet haben könnte, denn von 2017 bis Ende 2019 war Wirecard deutlich überbewertet.

Wirecards fairer Wert im Aktienfinder

Wirecards fairer Wert im Aktienfinder

Das grundsätzliche Problem steht dieser rein gewinnbasierten Bewertung natürlich auf die Stirn geschrieben. Eine fundamentale Bewertung der Aktie, die die gegen Wirecard erhobenen Vorwürfe nicht hinreichend gewichtet, ist schlicht unmöglich beziehungsweise fahrlässig. Deshalb will ich dir die drei wesentlichen Punkte der jüngsten KPMG Untersuchung zusammenfassen.

Vorwurf 1: Das Dritt-Partner Geschäft

Ein wesentlicher Vorwurf bezog sich auf das Dritt-Partner Geschäft. Die Financial Times warf Wirecard vor, Verkaufserlöse und Nettogewinne durch fiktive Kundenbeziehungen erhöht zu haben. Die Financial Times kontaktiere 34 Kunden der vor allem in Irland und Dubai ansässigen Dritt-Partner und stieß vor allem bei dem „Dritt-Partner“ Al Alam auf mehrere Ungereimtheiten.

Ungereimtheiten im Zusammenhang mit Wirecards Dritt-Partner Geschäft

Ungereimtheiten im Zusammenhang mit Wirecards Dritt-Partner Geschäft

Der von Wirecard veröffentlichte KPMG-Bericht konnte diese Vorwürfe entgegen anderslautender Statements des Managements nicht entkräften. KPMG konnte keine vollständig klärenden Dokumente zur Höhe und Existenz der Einnahmen aus dem kritisierten Drittgeschäft in den Jahren 2016 bis 2018 vorlegen, da sich die notwendigen Dokumente im Besitz der Dritt-Partner befanden und diese nicht bereit waren, an der Prüfung mitzuwirken. So konnte KPMG „in Bezug auf den Untersuchungszeitraum 2016 bis 2018 weder eine Aussage treffen, dass die Umsatzerlöse existieren und der Höhe nach korrekt sind noch die Aussage treffen, dass die Umsatzerlöse nicht existent und in der Höhe nicht korrekt sind.

Vorwurf 2: Das Singapur Geschäft

Die Financial Times wirft Wirecard weiterhin Unregelmäßigkeiten in der Buchführung von Tochtergesellschaften in Singapur vor. Neben zu hohen Einnahmen, sollen die Tochtergesellschaften Verträge und Buchungen rückdatiert haben.

Hier war der Bericht von KPGM ebenfalls eher enttäuschend, denn er attestierte Wirecard eklatante Mängel in der Buchführung und zumindest fragwürdige Praktiken. Softwareverträge seien  „ohne wirtschaftliche Substanz“ abgeschlossen und fehlerhaft gebucht worden. Daneben konnte KPGM nicht alle Dokumente prüfen, da sich viele aufgrund von behördlichen Ermittlungsverfahren noch in juristischem Gewahrsam befinden.

Vorwurf 3: Das Indien Geschäft

Die das Indien Geschäft betreffenden Vorwürfe sind erst im Zuge der KPGM Untersuchungen öffentlich geworden. Dabei ging es um den Kauf der Tochterunternehmen Hermes i Ticket und GI Technologies, für die Wirecard mittels des sogenannten „Round-Tripping“ einen zu hohen Kaufpreis gezahlt haben soll. Ein „Round-Tripping“ ist eine Kette von Transaktionen, die vor allem zum Ziel der Geldwäsche im kriminellen Milieu eingesetzt wird. So ging der Kaufpreis von €340 Millionen an einen als Mittelsmann zwischengeschalteten Fond in Mauritius, während der eigentliche Verkäufer nur €37 Millionen erhalten hatte.

Auch hier waren die Ergebnisse der Untersuchung nicht ergiebig, da KPMG den Verkäufer nicht identifizieren konnte. Zumindest fand KPMG keine Hinweise, dass Mitglieder des Wirecard Management auf Verkäuferseite involviert waren.

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Risikobewertung der Wirecard Aktie

Den Chancen, die sich aus dem heruntergeprügelten Aktienkurs ergeben, steht das Risiko gegenüber, dass bei Wirecard laxe Buchführung und halbgare Geschäftsaktivitäten eher die Regel anstatt die Ausnahme sind. Das ist die Realität, mit der du als Investor umgehen musst. Der Aktienfinder kann dir die qualitative Risikobewertung nicht abnehmen. Ich will dir im Folgenden aber kurz darlegen, wie ich diese Situation betrachte.

Hinweis: In meinem breit diversifizierten Rentendepot schlummern einige Wirecard Aktien. Ich gebe dir hier nur meine private Meinung als Privatinvestor wieder!

Die Vorwürfe gegen das Unternehmen sind durchaus schwerwiegend. Riecht es aber insgesamt nach Bilanzfälschung und Betrug ganz in der Tradition des ehemaligen Energiekonzerns Enron?

Noch immer ist nicht auszuschließen, und in einzelnen Fällen wohl zutreffend, dass es zu Fehlbuchungen und anderen Tricksereien in einzelnen Niederlassungen kam. Klar ist, dass die Kommunikation mit den Investoren nicht immer glücklich verlief. Sich von allen Vorwürfen befreit zu sehen, während KPMG als einer der bedeutendsten Wirtschaftsprüfer eklatante Mängel feststellt, sehe ich kritisch.

Das Wirecard aber systematisch und in großem Stil seit Jahren Behörden und Investoren prellt, halte ich für unwahrscheinlich. Grund hierfür ist, dass mittlerweile mit KPMG als Sonderprüfer und EY als regulärer Prüfer zwei der größten Wirtschaftsprüfer Wirecard eingehend und unter großer Beachtung der Öffentlichkeit durchleuchtet haben. Auch wenn der KPGM Bericht den Kollegen von EY nicht in allen Belangen ein gutes Zeugnis ausstellt, dürfen Investoren wohl davon ausgehen, dass Wirecards Geschäft nicht auf einem Kartenhaus aufgebaut ist, sondern der Großteil der Buchungen und Geschäftsaktivitäten der Wirklichkeit entsprechen. Ebenso bewegen sich die Vorwürfe in einem Zeitraum bis 2018. Ich schließe es nicht aus, dass Wirecard hier bei der betrieblichen Organisation nicht immer mit dem geschäftlichen Wachstum Schritt halten konnte und sich über die Dritt-Partnerprogramme das ein oder andere schwarze Schaf ins Boot geholt hat.

Das Management muss lernen, dass an ein im Dax notierten Unternehmen in Sachen Compliance und Transparenz völlig andere Maßstäbe angelegt werden als an einen kleinen Anbieter von Zahlungsdienstleistungen, der hauptsächlich Porno- oder Glücksspielseiten als Kunden hat. Das Unternehmen steuert hier mit einer Transparenzoffensive bei. Der langjährige und umstrittene Großaktionär und CEO Dr. Markus Braun wird vermutlich weitere Kompetenzen an den Aufsichtsrat abgeben müssen.

Fazit: Die Wirecard Aktie als Schnäppchen für Hartgesottene

Es wird noch eine Weile dauern, bis bei Wirecard wieder Ruhe einkehrt. Bisher sind die schwerwiegenden Vorwürfe nicht aus der Welt und der Vertrauensverlust der Anleger zu Recht enorm. An der fundamentalen Bewertung siehst du aber, dass der Markt die Wirecard Aktie bereits mit einem Abschlag zum fairen Wert handelt, nachdem das Papier jahrelang klar überbewertet war. Mit einem aktuellen KGV von 22 ist das Unternehmen angesichts der Wachstumsgeschwindigkeit und den hervorragenden Zukunftsaussichten für digitale Zahlungsabwicklungen fundamental betrachtet ein Schnäppchen und als risikobehaftete Depotbeimischung eine Überlegung wert. Wenn es Wirecard schafft, das Vertrauen in den nächsten Quartalen zurückzugewinnen, könnte die Kursrakete zünden und wir die alten Höchststände wieder sehen.

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