Die neuen Arbeitswelten erobern den Stadtrand

05.06.2020, 09:00  |  410   |   |   

Von Peyvand Jafari, Geschäftsführender Gesellschafter, CREO Group

In den Monaten und Jahren vor der Pandemie wurde das Büro immer mehr zur Visitenkarte für Unternehmen und zum Einstellungsfaktor im War for Talents. Gerade diejenigen Unternehmen, die auf der Suche nach gut bezahlten Fachkräften mit IT- oder Tech-Fokus waren, haben allzu häufig weder Kosten noch Mühen gescheut, um die Konkurrenz in Sachen Wohlgefühl am Arbeitsplatz zu überbieten. Einige Ergebnisse dieses Wetteiferns ließen und lassen nicht nur Mitarbeiter-, sondern auch Designerherzen höherschlagen. Kein Wunder also, dass zahlreiche Unternehmen aus anderen Branchen nachgezogen haben und verstärkt auf den Prestigefaktor des eigenen Büros setzten.

Aber wie sieht es jetzt angesichts der Coronarezession aus? Bis zur kompletten Rückkehr der Normalität werden zahlreiche Unternehmen gezwungen sein, stärker auf die eigenen Kosten zu achten als bislang. Das kann dazu führen, dass zum Beispiel eingeplante Neuanmietungen verschoben werden - oder dass beispielsweise bei Coworking-Spaces nicht mehr das teuerste Angebot in einem der Glastürme der Innenstadt ausgesucht wird.

Die Randlagen rüsten auf
Gleichzeitig wollen weder die Unternehmen noch ihre Mitarbeiter den einmal errungenen Wohlfühlfaktor wieder verlieren. Gleichbleibender Komfort bei niedrigerem Preis bedeutet jedoch zwangsläufig eines: Eine Ausweichbewegung hin zu den aufstrebenden Kiezen beziehungsweise stärker in die Randlagen der Metropolen. Aufgrund der niedrigeren Mietpreisniveaus bietet sich dort für die Unternehmen die Möglichkeit, bei steigendem Kostendruck ein modernes Arbeitsumfeld zu bieten.

Es gibt aber nicht nur Push-, sondern auch zahlreiche Pull-Faktoren, die angesichts der Coronarezession an Relevanz gewinnen. Flexibles und dezentrales Arbeiten hat sich in der Zeit des Lockdowns durchgesetzt. Wenn Arbeitnehmer nun regelmäßig zwei bis drei Tage pro Woche im Homeoffice verbringen und die restlichen Tage im Büro, kann dies ein wichtiger Pluspunkt für die Randlagen sein: Schließlich gewinnt das eigene Arbeitszimmer mit Blick ins Grüne enorm an Bedeutung - und wahrscheinlich werden sich auch viele jüngere Arbeitnehmer für die hohe Lebensqualität der Vorstadt beziehungsweise des Speckgürtels entscheiden. Für die Büroarbeitstage wird dann nicht mehr von der Randlage in die Innenstadt gependelt, sondern eben von der Vorstadt in die Randlage.

Zumal die Immobilientypen in den Randlagen deutlich vielseitiger sind. Städte wie Berlin sind in den vergangenen Jahrhunderten organisch gewachsen, und ehemalige Industrieareale haben sich zu vielseitigen Stadtquartieren gewandelt. Nach wie vor gibt es beispielsweise ehemalige Fertigungshallen, die ihre Renaissance als modernes Büroloft erleben. Auf diese Weise entstehen zahlreiche spannende Immobilienprodukte, die in Konkurrenz zu den Prime-Objekten treten - vorausgesetzt, dass die Flächen den Anforderungen der modernen Arbeitswelten entsprechen.

Coworking in der Peripherie?
Die Dezentralisierung des Arbeitens endet aber keinesfalls an der Stadtgrenze. Auch in den kleineren Gemeinden der Speckgürtel können auf einmal zahlreiche neue Arbeitsplätze entstehen und die Pendelei überflüssig machen. Dafür muss New Work jedoch in der Peripherie Einzug halten, unter anderem in Form von Coworking-Spaces und anderen flexiblen Mietmodellen. Dabei darf es allerdings nicht darum gehen, die Angebote in den innerstädtischen Glastürmen eins zu eins zu übernehmen. Vielmehr bietet sich die Gelegenheit, die historische Landidylle mit dem modernen Arbeiten zu verbinden. Wie das funktionieren kann, zeigt beispielsweise die "Rote Scheune Fergitz" in der Uckermark. Dort ist ein ehemaliger Kuhstall inzwischen zum Arbeits-Hotspot für kreative Köpfe geworden - Gästehaus inklusive.



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