“Es ist nie zu spät” für die Börse Finanzexperte Gerd Kommer: “Unmöglich, zukünftige Gewinner-Branchen herauszufiltern” – Warum Indexfonds für die Mehrheit die beste Altersvorsorge sind

11.06.2020, 17:14  |  23867   |   |   

Dass deutsche Sparer oft mit Aktien fremdeln, ist kein Geheimnis. Finanzexperte und Bestsellerautor Gerd Kommer spricht im Interview mit wallstreet:online von einer “fatalen Aktienaversion”. Er glaubt, dass man das breite Publikum am besten mit breit diversifizierten ETFs für den Aktienmarkt begeistern kann. Und er ist sich sicher, dass die Weltwirtschaft wieder in die Erfolgsspur zurückkehrt.

wallstreet:online: Herr Kommer, Sie beschäftigen sich schon seit Jahrzehnten mit Aktienmärkten. Haben Sie ein solches Auf und Ab wie im Corona-Crash schon einmal erlebt?

Gerd Kommer: Ich glaube, die aktuelle Volatilität ist so ungewöhnlich nicht. In den vergangenen 25 Jahren gab es ähnlich volatile Zeiten und in der Great Depression ab 1929 sogar eine weit höhere Volatilität. Allerdings war der Absturz ab dem 20. Februar in seiner Schnelligkeit in der modernen Börsengeschichte einmalig. Das hat es in der Form noch nicht gegeben.

 

wallstreet:online: Können Sie sich erklären, warum die Aktienmärkte schon wieder auf Erholungskurs sind, obwohl eine Rezession ja in den kommenden Monaten unvermeidlich scheint. Haben sich die Märkte von der Realwirtschaft entkoppelt?

Gerd Kommer: Ich würde nicht von entkoppeln sprechen. Wir sind jetzt beim MSCI World Index per 8. Juni noch etwa zehn Prozent unter dem Peak vom Februar. Das ist ein nicht geringer Rückgang. Der Wert des globalen Eigenkapitals von Unternehmen liegt damit um 10 Prozent niedriger als vor dreieinhalb Monaten. Eigentlich immer noch eine gigantische Einbuße. Auf alle Fälle sind Aktienkurse ja letztlich nur die abgezinsten Cashflows der nächsten Jahrzehnte. Es zählen also nicht nur die nächsten ein, zwei Jahre, sondern auch die Erwartungen an die Zeit lange danach.

Der Markt geht offenbar davon aus, dass der Wachstumspfad der Weltwirtschaft auf dem wir uns vorher befunden haben, langfristig wieder erreicht wird. Ich persönlich gehe davon aus, dass das Corona-Virus nicht die ultimative Endzeit-Katastrophe war.

Hinzu kommt, dass die massiven Fiskal-Programme, ergänzt durch das Handeln der Zentralbanken, die Erholung unterstützt haben. Sonst wäre es sicher nicht so schnell gegangen.

Aber man sollte auch nicht vergessen, dass wir noch nicht wissen, wann und wie diese Krise zu Ende geht. Es kann selbstverständlich nochmal deutlich nach unten gehen.

wallstreet:online: In der Krise werden Unternehmen vom Steuerzahler gerettet, mit Rettungspaketen halten sich ganze Teile der Wirtschaft über Wasser. Viele Beobachter sprechen angesichts solcher Umbrüche an einen langfristigen Wandel des Wirtschaftssystems. Wie schätzen Sie diese Eingriffe in die Wirtschaft ein?

Gerd Kommer: Ich sehe das weniger dramatisch. Ich glaube nicht, dass es da einen fundamentalen Strukturbruch gegeben hat.

Und in den kommenden Jahren werden diese hohen Ausgaben die Bewegungsspielräume der Staaten erstmal stark einschränken. Die Staatsverschuldung ist hoch und hat sich jetzt nochmal erhöht. Unter anderem deshalb glaube ich nicht, dass nun ein neues Zeitalter der Intervention anbricht.

Die beschlossenen Konjunkturprogramme müssen übrigens erstmal umgesetzt werden. Das Geld ist ja zum Großteil noch gar nicht ausgegeben.

 

wallstreet:online: Wird die globale Wirtschaft nach der Pandemie robuster sein als vorher?

Gerd Kommer: Wenn viele Mitarbeiter auch nach Corona dauerhaft im Homeoffice arbeiten können, dann ist das keine Katastrophe, im Gegenteil. Das bedeutet ein gigantisches Einsparungspotenzial. Wenn ein Unternehmen bei einem der größten Kostenblöcke - den Büroräumen - einsparen kann, dann verdient es deutlich mehr Geld. Es kann mehr Steuern und höhere Gehälter zahlen. Und bei den Arbeitnehmern sinken erfreulicherweise die Kosten fürs Pendeln.
Dass natürlich manche Branchen wie die Gewerbeimmobilien darunter leiden, ist ein normaler "Prozess der kreativen Zerstörung". Ohne diesen würde es die Marktwirtschaft und würde es Wachstum und Fortschritt nicht geben.

 

wallstreet:online: In Ihren Büchern geht es ums „souverän investieren“ mithilfe von Indexfonds. Sie haben ETFs und Indexfonds schon vor 20 Jahren angepriesen, als diese noch eine Nische waren. Warum fällt es den Deutschen so schwer, ihr Vermögen in Aktien anzulegen?

Gerd Kommer: Zunächst mal liegt das an der Volksseele der Deutschen. So banal es klingt, das ist eine Frage der Mentalität. Die Deutschen sind sehr vorsichtig und sicherheitsorientiert. Die größte Versicherung der Welt ist nicht zufällig ein deutsches Unternehmen. Es gibt kein Land, das mehr Lebensversicherungen pro Kopf hat als Deutschland.

Ein zweiter wichtiger Grund ist die gesetzliche Rentenversicherung. Bis vor ungefähr 15 Jahren galt die als ausreichende und akzeptable Altersvorsorge für den kleinen Mann und die kleine Frau. Deutschland hat 1891 weltweit als erstes Land überhaupt eine staatliche Rentenversicherung eingerichtet. In anderen Ländern, zum Beispiel im angelsächsischen Raum, würde kein Mensch – weder vor 30 Jahren, noch heute – auf die Idee kommen, dass die staatliche Rentenversicherung im Alter alleine ausreicht, wenn man seinen Lebensstandard halten möchte.

Ein so etabliertes und umfassendes System wie in Deutschland geht in die DNA der Menschen über. Natürlich haben auch andere Ereignisse zu dieser Skepsis gegenüber Aktien beigetragen. Die Ende der 90er Jahre von der Regierung propagierte Telekom-"Volksaktie" ging schief, und dazu gab es in den letzten zwei Jahrzehnten drei Börsencrashs - das hat sicher nicht geholfen.

Es braucht wohl noch Jahrzehnte bis die Deutschen ihre fatale Aktienaversion ablegen.

wallstreet:online: Dass angesichts von Niedrigzinsen kein Weg an Aktien vorbeiführt, scheint ja gesichert. Aber wieso sollten Anleger nicht speziell nach Branchen oder Unternehmen Ausschau halten, die unbestritten die Zukunft prägen werden – anstatt in einen breiten Aktienindex mit Öl und Kohle-Werten zu investieren? Geschäftsmodelle also, die ein Ablaufdatum haben.

Gerd Kommer: Ich glaube, "Branchen-Picking" und auch Market-Timing sind für Privatanleger eine Überforderung. Man fährt ja auch nicht gleich am ersten Tag des Skikurses die schwarze Piste runter.

Wer begeisterter Börsianer ist und viel wallstreet:online liest, für den sind Investments in einzelne Aktien oder Branchen vielleicht okay. Wenn man sich das zutraut, sollte man sich die Aktien und Sektoren aussuchen, die für einen die Richtigen sind. Aber die anderen 90 Prozent der Deutschen, die keinen Aktienbesitz hatten und haben: diese Menschen muss man zunächst Mal an den Aktienmarkt - die wichtigste Quelle von langfristigem Vermögensaufbau - heranführen. Und das geht am Besten mit einem breit diversifizierten Portfolio auf Buy-and-Hold Basis. Wenn man dann auf diese Weise einige Jahre Erfahrungen gesammelt hat, kann man immer noch sagen: ‘Ich glaube, Tesla ist die Zukunft und da möchte ich investieren.’

 

wallstreet:online: Sie lehnen es ab, gezielt in bestimmte Branchen zu investieren. Wie stehen Sie zu ETFs, die gezielt versuchen, Trendthemen wie Nachhaltigkeit oder Künstliche Intelligenz abzubilden?

Gerd Kommer: Auch hier hängt es wieder von der Erfahrung der Anleger ab. Die 90 Prozent, die sich mit der Börse nicht auskennen, werden solche kurzfristigen Tipps und Trends vermutlich falsch interpretieren. Ich würde allerdings darüber hinausgehend behaupten, dass es generell unmöglich ist, zuverlässig künftige Gewinner-Branchen herauszufiltern.

Dazu ein Beispiel: Apple ist in den ersten 20 Jahren seiner Unternehmensgeschichte ab 1981 zweimal fast pleite gegangen, und das obwohl Computer damals eine offen erkennbare Zukunftsbranche waren. Der IPO-Aktienpreis von 1981 wurde inflationsbereinigt erst 22 Jahre später wieder erreicht und erst nach mehr als zweieinhalb Jahrzehnten lausiger Renditen wurde Apple in den letzten 15 Jahren zu einer der erfolgreichsten Aktien der Welt.

Genauso gibt es heute viele Leute die glauben, dass Elektromobilität eigentlich ein Strohfeuer ist und nur ein Zwischenstopp auf dem Weg zur eigentlichen Zukunftslösung Wasserstoff. Aber so etwas verlässlich vorherzusagen, ist meines Erachtens unmöglich.

wallstreet:online: Zeit gilt als wichtigster Faktor bei der Geldanlage. Junge Menschen von einem Buy and Hold zu überzeugen, scheint einleuchtend. Was können Menschen tun, die erst Mitte 40 anfangen (können) für das Alter vorzusorgen?

Gerd Kommer: Ein normaler 40-Jähriger hat eine Restlebenserwartung von über 40 Jahren. Das ist noch ein sehr langer Anlagehorizont. Man gibt ja nicht gleich beim Renteneintritt mit 65 Jahren schon all seine Ersparnisse aus. Sogar eine 90-jährige Oma könnte noch 10 Prozent ihres Gesamtvermögen in ein breit diversifiziertes Aktienportfolio investieren, ohne ein unangemessen großes Risiko einzugehen. Menschen aus der Mittelschicht, die Vermögen haben, könnten sich im Alter von 50 oder 60 Jahren eigentlich problemlos noch eine Aktienquote von 20 bis 30 Prozent leisten und am Kapitalmarkt aktiv werden – vorausgesetzt sie haben ein gewisse Vertrautheit mit dem Aktienmarkt. Wirklich zu spät ist es also nie.

 

wallstreet:online: Herr Kommer, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 

Das Gespräch führte Julian Schick, wallstreet:online Zentralredaktion

Gerd Kommers Beiträge als wallstreet:online-Gastautor lesen Sie hier.

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