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Was jetzt NICHT passiert

Gastautor: Bernd Niquet
13.06.2020, 10:15  |  1803   |   |   

Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, was in der nächsten Zeit mit den Aktien passieren wird. Werden wir noch ein neues Hoch erleben oder kommt die herbe Korrektur? Ich halte es daher mit dem MADchester-Ökonomen und sage: I dunno.

 

Manchmal bringt es allerdings schon eine ganze Menge, wenn man weiß, was NICHT passieren wird. Das gibt Sicherheit, vor allem auf die mittlere und längere Sicht, manchmal aber auch für den Moment.

 

Auf zwei Dinge will ich hier eingehen, das erste ist eine rein logische Überlegung, das zweite hingegen theoretisch.

 

(1) Das Standardargument, warum die Kurse an der Börse jetzt steigen, ist, dass das zusätzliche Geld, dass die Notenbanken durch den Ankauf von Anleihen in den Kreislauf geben, in den Aktienmarkt fließt.

 

Obwohl diese Vorstellung eigentlich komplett falsch ist, weil kein Geld in Aktienmärkte fließen kann, ist da doch etwas Wahres dran. Denn das neue Geld SUCHT natürlich Anlage.

 

Doch in dem selben Moment, in dem das neue Geld Anlage gefunden hat, ist jetzt das alte Geld, das vorher in Aktien gebunden war, frei. Das heißt: Dieser Prozess baut sich NIEMALS ab. Das ist wie ein Krug, aus dem man unbegrenzt schöpfen kann.

 

Nehmen Sie nur die vielen Meldungen, dass große Fonds unterinvestiert seien und händeringend nach einer Anlagegelegenheit suchen würden. Doch in dem Moment, in dem sie diese gefunden haben, sind plötzlich andere große Fonds genau in dem selben Anlagenotstand wie vorher die anderen großen Fonds. Es hat sich also nichts geändert.

 

Die Argumentation mit dem Geld, das an Anlagemärkte fließt, ist daher sinnlos. Sie erklärt alles und nichts und ist damit unbrauchbar. Sie hat in etwa den gleichen Erklärungscharakter wie die medizinische Theorie der Vergangenheit, einen Patienten zur Ader zu lassen. Denn damit heilst du kein Corona.

 

(2) Als wir in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts mit großen Inflationsphänomenen zu tun hatten, kam die Theorie auf, dass Inflationen monetärer Phänomene sind und dass sie auf zu viel Geld beruhen.

 

Ich habe lange darüber gearbeitet und sage bereits seit dreißig Jahren, dass das Unsinn ist. Inflationen sind realwirtschaftliche Phänomene und hängen in der Hauptsache an den Lohnentwicklungen. Das heißt, so lange die internationale Konkurrenz bei der Arbeit so groß ist, dass die Löhne nicht signifikant steigen, wird es keine Inflation in der Lebenshaltung geben.

 

Daran muss ich immer denken, wenn ich die gegenwärtigen Unruhen in den USA und die Proteste weltweit sehe. Natürlich ist es ein Skandal und dringend reformbedürftig, wie die Schwarzen in den USA behandelt werden, doch wenn wir ehrlich sind, müssen wir auch zugeben, dass es gegenüber der Situation in den afrikanischen Kobaltminen oder der fernöstlichen Textilindustrie sicherlich königlich ist, selbst als Diskriminierter in den USA zu leben.

 

Schließlich basiert unser Wohlstand und unsere Stabilität zum großen Teil darauf, die Menschen in den unterentwickelten Ländern nicht hochkommen zu lassen. Je mehr wir von ihnen versklaven, umso besser läuft unsere Wirtschaft. Und je geringer ihre Löhne, umso geringer auch die Löhne weltweit. Und umso besser für diejenigen, die etwas besitzen. Denn so müssen sie keine Angst haben, dass die Inflation kommt.

 

Für das erneute Aufkommen Inflationen, wie wir sie früher gehabt haben, sehe ich derzeit nur drei Möglichkeiten. Erstens wir ändern unser Wirtschaftssystem, zweitens wir schotten unsere Märkte ab und drittens die Menschen verlieren komplett das Vertrauen in sämtliche staatliche Institutionen.

 

Die ersten beiden Punkt sind komplett unrealistisch, ja geradezu unmöglich. Und beim dritten wäre sowieso alles zu Ende. Also. Machen wir daher einfach weiter, vergessen wir die ganzen großen Erklärungen und schauen wir einfach auf die Wirtschaft.

 

Schauen wir dorthin, denn dann sehen wir alles, was wir sehen müssen.

 

 

berndniquet@t-online.de

 



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5 Kommentare

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Kommentare

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15.06.20 09:47:58
Lieber Mr. Spok,
das Problem bei beidem, bei Inflation und Deflation, ist eigentlich immer nur, dass daraus kumulative Prozesse werden. Ein bisschen Preissteigerung oder Preissenkung macht nichts. Doch wenn dann die Preise stärker sinken, die Leute dadurch arbeitslos werden, dadurch der Konsum weiter zurück geht, wird es gefährlich. Heute wird da natürlich vom Staat entegengewirkt durch Kurzarbeitergeld und Staatsinvestitionen, was es ja früher bei den großen Deflationen nicht gab. Von daher haben Sie durchaus Recht, dass auch die Gefahr einer Deflation nicht allzu groß ist. Dennoch würde ich es lieber nicht darauf ankommen lassen, vor allem im internationalen Kontext. Denn dort kann man ja nicht gegensteuern, so wie wir das machen.

Und Norman Price: Herzlichen Dank, sehr nett!

Beste Grüße
Bernd Niquet
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14.06.20 13:45:20
Inflation - Deflation

Schon interessant die Behauptung, die "heilige" Geldmenge kann stark erhöht werden, und das hat kaum Inflation zur Folge. Da fragt man sich, wie denn die Notenbanken die Inflation überhaupt beeinflussen wollen? Also irgendwie ist das schon ein "revolutionärer" Gedanke.

Wenn wir gerade dabei sind: Ich versuche nach wie vor zu verstehen, was diese große Gefahr an der Deflation denn nun ist. Das gängige Argument, keiner kauft mehr was, weil alles in Zukunft noch billiger wird, und darum bleibt die Wirtschaft stehen, kenne ich.

Ich komme aus der Elektroindustrie. Bei "uns" wird seit vielen Jahrzehnten, über 50 Jahre lang, kontinuierlich immer alles billiger. Wir haben doch eine Deflation bei sämtlichen Konsumgütern. Vielleicht sogar bei Autos gleicher Qualität, aber da nicht so deutlich, vielleicht nur Null-Inflation.

Die wirkliche Preissteigerung von aktuell vielleicht knapp 2 Prozent, wo haben wir die denn? Mieten, dass sind doch aber keine Güter. Also vielleicht Nahrungsmittel. Oder Strom und Benzin. Na ja. Wenn Strom und Benzin nicht mehr im Preis steigen würden, verbraucht die Menschheit weniger...??

Also dass soll vielleicht eine Anregung sein, lieber Herr Niquet, wenn Sie hier schon lesen. Was in drei Teufels Namen ist denn wirklich so schlimm an ein bisschen Deflation? Nochmal, in entscheidenden weiten Bereichen der Konsumgüter haben wir die doch über viele Jahrzehnte, und es stört niemanden, im Gegenteil. Warum reden die "Volkswirte" da nie drüber?

Und Lohnentwicklung, oh heilige Kuh, Lohn-Kürzungen, undenkbar. Aber ehrlich, haben wir nicht real eine Absenkung des Lohnniveaus auch in Deutschland? Für Neu-Einsteiger eben. Leiharbeit usw.

Also haben wir nicht in den letzten 20 Jahren eigentlich in Wirklichkeit sowieso Deflation, die uns wieder und wieder zum Export-Weltmeister gemacht hat?

Ich werde das vermutlich nie verstehen...
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14.06.20 10:51:04
Ok, Ihre Aussage bzgl. Wirtschaftssystem hatte ich auf die Volkswirtschaft bezogen.
Wenn der internationale Handel gemient ist, dann bin ich grundsätzlich bei Ihnen. Selbst wenn es immer wieder Versuche geben wird die eigene Wirtschaft durch Handelsbeschränkungen zu bevorteilen. Es geht grundsätzlich kein Weg am Freihandel vorbei. Das weiss sogar ein Hr. Trump (im Grunde müsste man ihm sogar dankbar dafür sein dass er den Chinesen - im Gegensatz zur EU - mal die Stirn bietet).

Ihrer Aussage zum Thema Löhne in D könnte ich nur unter der Voraussetzung zustimmen dass es dazu eine innovative Wirtschaft und eine Politik braucht, die Unternehmertum fördert. Ob diese Voraussetzungen aktuell noch gegeben sind wage ich zu bezweifeln. Sollte der Euro tatsächlich doch mal 30% aufwerten, dann hätte das sicherlich Massenarbeitslosigkeit in D zur Folge.

Ansonsten machen Sie bitte weiter so, ich lese Ihre Beiträge immer sehr gerne (auch wenn ich nicht immer Ihrer Meinung bin).

Schönen Sonntag.
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14.06.20 08:49:49
Sehr geehrter Norman Price,
meine Kolumnen sind natürlich immer bewusst überpointiert. Das Benz-Argument zieht natürlich, doch entscheidender scheint mir der Effekt zu sein, die Löhne bei uns in Schach zu halten. Wobei ich denke, dass wir uns auf lange Sicht sicherlich positiv entwickeln werden, mit moderat steigenden Löhnen und moderat steigendem Wohlstand.
Und damit, das Wirtschaftssystem zu ändern, meine ich eine Rückkehr zur Abschottung, zu festen Wechselkursen und Kapitalverkehrskontrollen. Denn das war der Grund für die Inflationsprozesse in den 70er Jahren, weil hier der internationale Konkurrenzmeachismus ausgeschaltet gewesen ist.
Beste Grüße
Bernd Niquet
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13.06.20 14:45:56
'Das heißt, so lange die internationale Konkurrenz bei der Arbeit so groß ist, dass die Löhne nicht signifikant steigen, wird es keine Inflation in der Lebenshaltung geben.'
--> das ist korrekt.

'Schließlich basiert unser Wohlstand und unsere Stabilität zum großen Teil darauf, die Menschen in den unterentwickelten Ländern nicht hochkommen zu lassen. Je mehr wir von ihnen versklaven, umso besser läuft unsere Wirtschaft.'
--> das ist kompletter Quatsch. Der Zuwachs an Wohlstand bspw. in China hat nicht dazu geführt dass es uns schlechter geht, sondern das Gegenteil ist der Fall. Würde es in anderen Schwellenländern besser laufen, dann könnte dort auch mehr Leute Benz fahren. Es braucht verlässliche Institutionen anstatt linke Verschwörungstheorien.

Dasss es komplett unrealistisch ist dass wir unser Wirtschaftssystem ändern sehr ich übrigens auch anders - wir sind schon seit Jahren dabei dies zu tun. Je besser es uns geht umso härter arbeiten wird daran. Die Marktwirtschaft hat uns den Wohlstand gebracht, vor 20 Jahren hatten wir die Krise und marktwirtschaftliche Reformen und jetzt haben wir den billigen Euro und können es uns (noch) lesten immer mehr umzuverteilen und unsere wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Sollte der Euro doch mal aufwerten (was ich nicht glaube solange Italien im Euro-Club dabei ist), dann hätten wir ein Problem.

Disclaimer

Was jetzt NICHT passiert Kein Crash, aber auch keine Erlösung