Wirecard vor Zerlegung - Neue Durchsuchungen und Kritik an Aufsicht

Nachrichtenagentur: dpa-AFX
01.07.2020, 16:51  |  1809   |   |   

(durchgehend aktualisiert)

MÜNCHEN (dpa-AFX) - Der in einen milliardenschweren Bilanzskandal verwickelte Dax -Konzern Wirecard wird voraussichtlich in Einzelteile zerlegt und verkauft. Der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé meldete in der Nacht zum Mittwoch, dass sich bereits "zahlreiche Interessenten weltweit für den Erwerb von Geschäftsbereichen gemeldet" hätten. Wenig später durchsuchten Dutzende Staatsanwälte, Polizisten und Computerfachleute auf der Suche nach Beweisen für mutmaßlich frei erfundene Scheingeschäfte im Mittleren Osten und in Südostasien fünf Gebäude in Deutschland und Österreich, darunter zum zweiten Mal innerhalb eines Monats die Wirecard-Zentrale im Münchner Vorort Aschheim.

Im Bundestag ließen die Erklärungsversuche des Präsidenten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) Felix Hufeld zur Rolle seiner Behörde viele Fragen offen. Das kritisieren zumindest mehrere Oppositionsfraktionen nach einem nicht öffentlichen Bericht Hufelds im Finanzausschuss.

Ein schwacher Trost für die weltweit 5800 Wirecard-Mitarbeiter: Der Betrieb soll nach Möglichkeit nicht unterbrochen oder eingestellt werden. Einer Abspaltung von Wirecard-Tochterfirmen in Eigenregie will der vorläufige Insolvenzverwalter ganz offensichtlich vorbeugen: Der "Transaktionsprozess" soll von der deutschen Muttergesellschaft "konzertiert" werden. Die US-Tochter Wirecard North America hatte sich am Dienstag selbst zum Verkauf gestellt und ihre Autonomie betont.

Bei den Durchsuchungen ging es laut Staatsanwaltschaft in erster Linie um die Vorwürfe, die unter anderem gegen Ex-Vorstandschef Markus Braun erhoben werden - falsche Angaben in den Wirecard-Büchern und Marktmanipulation. In Österreich wurden zwei Objekte durchsucht. Ex-Vorstandschef Markus Braun ist Österreicher, ebenso Jan Marsalek, ehedem im Wirecard-Vorstand für das Tagesgeschäft zuständig. Marsaleks Spur verliert sich nach derzeitigem Kenntnisstand auf den Philippinen.

Auch jenseits der strafrechtlichen Ermittlungen mehren sich die Anzeichen, dass der Wirecard-Aufsichtsrat Braun und Marsalek zumindest Mitverantwortung für die Affäre um mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro gibt. Der Aufsichtsrat hat Braun nachträglich fristlos entlassen. Der Anstellungsvertrag des langjährigen Konzernchefs sei "mit sofortiger Wirkung" außerordentlich gekündigt worden. Auch Marsalek war schon fristlos gefeuert worden. In dieser Hinsicht gelten bei Managern ähnliche Standards wie für normale Angestellte, üblicherweise gehen fristlosen Kündigungen Vorwürfe gravierenden Fehlverhaltens voraus.

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