Mini-Wachstum, Mini-Zinsen und Mini-Inflation Trotz viel Geld vom Staat: Japans Top-Firmen leiden unter Ladehemmung an Tokioter Börse

09.07.2020, 14:32  |  8410   |   |   

Japanische Firmen sind krisenerprobt und können in der Corona-Krise auf ein gutes Finanzpolster zurückgreifen. Auch die Arbeitslosigkeit ist traditionell niedrig. Doch das jahrzehntelang niedrige Wachstum stellt das Land vor große Herausforderungen, analysiert Jürgen Büttner im neuen Smart Investor.

Bonsai – eine über 800 Jahre alte Kunst der Reproduktion der Natur – ist in Japan sehr beliebt. Dabei geht es darum, Miniaturpflanzen zu züchten. Leider scheint diese Kunst auf die lokale Volkswirtschaft abgefärbt zu haben – denn Letztere ist fast schon seit Jahrzehnten geprägt von Mini-Wachstum, Mini-Zinsen und Mini-Inflation. Das Problem dabei: Während Miniaturisierung bei Bonsai als Erfolg gilt, stellt sie für die Wirtschaft eine Gefahr dar.

COVID-19 erschwert die Lage
Das sehen auch die Verantwortlichen in Japan so. Sie versuchen deswegen seit einer halben Ewigkeit mit hohem Einsatz, das Wirtschaftswachstum nachhaltig anzukurbeln und die Inflationsrate zumindest auf 2 Prozent zu hieven. Geklappt hat beides bisher nicht; dafür ist der Schuldenstand auf über 230 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und damit den höchsten Stand weltweit gestiegen.

Besserung ist nicht in Sicht. Vielmehr sind die Herausforderungen zuletzt noch gewachsen: Im Sog der Corona-Krise sank das BIP im ersten Quartal 2020 auf das Jahr hochgerechnet um real 2,2 Prozent. Das war zwar besser als befürchtet, aber die weltweit drittgrößte Volkswirtschaft war schon im Schlussquartal 2019 wegen einer Erhöhung der Mehrwertsteuer geschrumpft, sodass man sich in einer Rezession befindet. Im Kampf gegen die Pandemie setzt die Politik auf ein Fiskalpaket. Damit kann sie laut DZ Bank zwar die trübe Stimmung aufhellen, aber nicht alle Konjunkturprobleme lösen. Daher prognostiziert man dort für dieses Jahr einen BIP-Rückgang um 5,5 Prozent.

Markt befürchtet erneut eine Deflation
Darüber hinaus gibt Commerzbank-Analyst Thu Lan Nguyen Folgendes zu bedenken: „Die Corona-Krise hat die Position des Yen in seiner "Sicherer-Hafen-Rolle" nochmals gefestigt, da sie bewiesen hat, dass die Bank of Japan an ihrer effektiven Zinsuntergrenze angelangt ist. Denn sie ist eine der sehr wenigen Notenbanken, die ihren Leitzins, obwohl die Wirtschaft derzeit die schwerste Krise der Nachkriegszeit erlebt, nicht weiter gesenkt hat.“



Dafür sei – wie 2019 – die Finanzpolitik aktiv geworden. Die Regierung habe ein Fiskalpaket in Höhe von satten 20 Prozent des BIP verabschiedet; weitere Hilfen würden diskutiert. Die Staatsverschuldung werde somit weiter steigen. Auch wenn der fiskalische Impuls ordentlich ist, so hegt der Markt laut Nguyen dennoch erhebliche Zweifel, dass er hinreichend Schwung bringen wird. Ein Indikator hierfür seien die niedrigen langfristigen Inflationserwartungen. Der Markt glaube also, dass Corona Japan in eine dauerhafte Deflation stürzt.

Krisenerprobte Unternehmen
Vergleichsweise gut steht Japan dafür aber immerhin in Sachen Arbeitslosenquote da. Im April stieg diese zwar auf 2,6 Prozent und damit den höchsten Stand seit Ende 2017 – das ist aber immer noch sehr niedrig und im internationalen Vergleich sogar hervorragend. Einen wichtigen Vorteil hat Japan zudem auf Mikroebene, nämlich die im Schnitt robusten Firmenbilanzen – denn die damals hoch verschuldeten Unternehmen fingen nach dem Absturz der Vermögenspreise ab dem Jahr 1990 an, erhebliche Mittel für schlechte Zeiten anzusammeln. Wie Capital Research vorrechnet, machten die Barreserven japanischer Unternehmen (exkl. Finanzsektor) im vierten Quartal 2019 ca. 49 Prozent ihrer Verbindlichkeiten aus Schuldverschreibungen und Krediten aus. Das sei weit höher als die 23 Prozent bei Nicht-Finanzunternehmen in der Eurozone und die 12 Prozent bei US-Unternehmen.

Vielleicht ist das mit einer der Gründe dafür, dass sich der Nikkei 225 jüngst fast schon wieder bis an das Vor-Coronavirus-Niveau zurückkämpfen konnte. Allerdings ist beim Blick auf den Langfristchart vor allem zu konstatieren, dass dieser noch immer meilenweit entfernt vom Rekordhoch von 38.916 Punkten (Ende 1989) notiert. Damit zeigt das Beispiel Japans, dass eine ultraexpansive Geldpolitik nicht zwingend einen ungebremsten Börsenboom bewirken muss.

Autor: Jürgen Büttner

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