Im Visier von Value-Anlegern Wix.com, Xero und PayPal – warum diesen drei Digital-Diamanten die Zukunft gehören könnte

16.07.2020, 12:14  |  22303   |   |   

Kommt die Gewinnmaschine einmal ins Rollen, kennt sie in digitalen Sphären kaum mehr ein Halten. Ideal für Anleger, die sich zutrauen, diese modernen „Compounder“ zu identifizieren. Drei digitale Compounder, die nur auf den ersten Blick teuer wirken, stellt Christoph Karl im Smart Investor vor.

Value Investing – was ist das überhaupt? Der junge Warren Buffett hatte noch nach sogenannten Zigarrenstummeln gesucht: Unternehmen, die einer auf der Straße liegenden Zigarre gleichen. Diese schmeckt zwar möglicherweise nicht besonders gut, ermöglicht aber ein paar kostenlose Züge. Ein paar Jahrzehnte später – bedingt durch den Einfluss von Charlie Munger – war schließlich das Orakel von Omaha bereit, für Qualität einen gewissen Aufpreis zu zahlen. Besser ein gutes Unternehmen für einen fairen Preis als ein mittelmäßiges Unternehmen zu einem günstigen Preis, das war nun sein Motto.

Mit einer einleuchtenden Begründung: Während bei „Zigarrenstummeln“ zwar möglicherweise der Dollar temporär für 50 Cent zu haben ist, besteht ein hohes Risiko, dass aus diesem Dollar später dennoch 90 oder gar 80 Cent werden. Gibt es einen echten „Compounder“ für 70 Cent auf den Dollar zu kaufen, muss dort jedoch noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht sein. Mit rasantem Wachstum kann dieser Dollar zukünftig auch zwei, drei oder mehr Dollar auf die Waage bringen.

Noch viel mehr gilt dies in der modernen, digitalen Welt, in der Geschäftsmodelle maximal skalierbar sind und hohe Reinvestitionen eine kontinuierliche Ausweitung des Burggrabens zur Folge haben.


Wissen
Unter einem „Compounder“ verstehen Value Investoren ein Unternehmen, das hohe Kapitalrenditen erwirtschaftet und diese Erträge erneut zu hohen Kapitalrenditen reinvestieren kann. Derartige Aktien bieten damit quasi einen eingebauten Zinseszinseffekt.


Bereits seit Jahren spürt der US-Investor Pat Dorsey Unternehmen auf, die nicht nur über einen enormen Burggraben verfügen, sondern diesen auch noch kontinuierlich ausweiten. Schon 2018 stieß der ehemalige Chef des Aktienresearch von Morningstar so auf die Aktie von Wix.com (IK). Die Israelis sind Weltmarktführer im Geschäft mit cloudbasierten Homepage-Baukästen und deren Hosting. Der Fokus von Wix.com liegt darauf, Offlinebusiness in die Onlinewelt zu holen. Dazu dient nicht nur ein modularer Baukasten, sondern auch diverse Add-ons, mit denen Kunden ihren Webauftritt aufwerten können, etwa Module für diverse Industrien wie Restaurants, Hotels oder Eventveranstalter.

Wix.com

Damit kann beispielsweise ein Fitnessstudiobetreiber seine Internetpräsenz um ein Online-Buchungssystem und eine dazugehörige App ergänzen, ein Restaurant ein Bestellsystem integrieren oder ein Händler ein Shopsystem samt Zahlungsfunktion nutzen. Wix.com nutzt ein sogenanntes Freemium-Modell: Die Kunden können das System in seinen Grundzügen gratis nutzen und später auf ein umfangreicheres Abo umsteigen. Neben dem Wix Editor für selbst erstellte Websites gibt es seit Kurzem mit Corvid by Wix ein umfangreicheres System für Agenturen, womit die Israelis nun direkte Konkurrenten der weitverbreiteten Open-Source-Software WordPress sind. Im Shoppingsegment ist durchaus vorstellbar, dass Wix.com sich zunehmend zu einem Konkurrenten von Shopify mausert.

Dank der bestehenden Marktposition fließen knapp 40 Prozent des Umsatzes in die Produktentwicklung. Der „Moat“ der Plattform dürfte damit auch in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Wie „sticky“ das Geschäftsmodell ist, zeigen die Zahlen zum ersten Quartal: Im April, im Höhepunkt der Corona-Krise, konnte Wix.com bei den bezahlten Abos im Vergleich zum Vorjahr um 207 Prozent zulegen; die Abos für das Shoppingsystem nahmen gar um 580 Prozent zu.

Klar, dass so eine Aktie nicht wirklich „günstig“ daherkommt. Es braucht jedoch nicht allzu viel Fantasie, um die Zahlen besser einzuordnen. Unterstellt man für die nächsten Jahre ein dynamisches Umsatzwachstum von 15 oder gar 20 Prozent und reduziert den prozentualen Anteil der Entwicklungs- und Marketingaufwendungen (nicht die absoluten Zahlen!), wird schnell klar, dass es sich hier um ein Unternehmen handelt, das in einigen Jahren 500 Mio. USD und mehr verdienen kann.

Bezogen auf die heutige Marktkapitalisierung entspräche dies einem KGV von etwa 20. Die Rohmarge von mehr als 70 Prozent zeigt bereits heute auf, wie skalierbar das Geschäft ist. Wer sich mit dem Unternehmen befassen möchte, sollte zum Einstieg am besten selbst eine Homepage zusammenbasteln.

Steuerberaters Schreck

Der digitale Schreck für hauptberufliche Erbsenzähler ist das neuseeländische Unternehmen Xero. Ähnlich wie bei Wix ist die Buchhaltungssoftware des Unternehmens cloudbasiert und bietet die Integration von zusätzlichen Modulen für diverse Branchen. Der Markt für Buchhaltungssoftware ist traditionell sehr zersplittert und von regionalen Playern dominiert, die über das nötige steuerliche Know-how verfügen und die gesetzlichen Rahmenbedingungen kennen.

Xero

In diese Nische stößt mit Xero nun ein weltweiter Player vor, der Buchhaltung erstmals intuitiv und modular gestaltet: Beispielhaft hierfür ist eine Erweiterung, die sich speziell an australische Arztpraxen richtet und deren typische Vorgänge ideal abbildet. Zwar hat Xero selbst von vielen dieser Themen keine Ahnung – im Zweifelsfall gibt es jedoch einen lokalen Anbieter, der dieses Wissen auf der Plattform anbietet. Auch bestehen Erweiterungen für Amazon-Händler, Lohnkostenabrechnung, Zahlungsabwicklung, Reisekostenabrechnung und vieles mehr.

Während es sich die Konkurrenten über viele Jahre in ihren Nischen gemütlich gemacht haben, hat Xero mit seinem System die Buchhaltung aus der Sicht der Kundenbedürfnisse neu gedacht. Der Vorsprung dürfte in den kommenden Jahren weiterwachsen – erst recht, wenn die Neuseeländer die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz voll ausspielen, die sich aus den riesigen Datenmengen ergeben, die das Unternehmen verarbeitetet. Sollten sich Prozesse damit weiter automatisieren lassen, greift Xero unmittelbar die Branche der Buchhalter und Steuerberater an, die es sich in ihrem relativ geschützten Biotop ebenfalls gemütlich gemacht haben.

Ein Qualitätsunternehmen wie Xero gibt es freilich nicht zum Schnäppchenpreis. Mit dem rund 17-Fachen des erwarteten 2020er-Umsatzes bewegt sich die Bewertung in Regionen, die vielen Value-Fans Bauchschmerzen bereiten dürften. Allerdings ist Xero verglichen mit einigen US-amerikanischen Software-as-a-Service-Unternehmen eher moderat bewertet. Wie dynamisch es aktuell läuft, zeigt das enorme Kundenwachstum: Zum 31.3.2020 hatten knapp 2,3 Millionen Abonnenten die Software abonniert, was einem Plus von 25 Prozent zum Vorjahr entspricht. Anhand der Erfahrungswerte erwartet Xero mit diesen Kunden in den nächsten Jahren Umsätze von 5,5 Milliarden US-Dollar.

Stark ist das Unternehmen bislang vor allem in seinen Heimatmärkten in Neuseeland und Australien; in Europa hat man vor allem Großbritannien in Angriff genommen. Global ausgerollt dürfte sich jedoch zeigen, welches Potenzial in der Plattform steckt. Die Rohmarge beträgt beachtliche 85 Prozent und konnte 2019/20 sogar weiter gesteigert werden. Die größten Kostenblöcke stellen auch hier Marketing und die Weiterentwicklung der Plattform dar – beides GuV-wirksam, genau genommen aber eine zu kapitalisierende Investition. Sollte sich Xero tatsächlich zur Bedrohung aller Buchhaltungsdienstleister und Steuerberater entwickeln, haben wir es hier tatsächlich mit einem „Unicorn“ zu tun, um in Silicon-Valley-Jargon zu sprechen.

Zahlen = PayPal

Einen fast unüberwindbaren Burggraben rund um sein Geschäftsmodell hat auch der Zahlungsdienstleister PayPal errichtet. Die ehemalige eBay-Tochter ist heute quasi der Goldstandard für das digitale Bezahlen. Etwas per PayPal schicken ist unter jungen Menschen fast schon ein feststehender Ausdruck für „bezahlen“ – ganz anders als mit den bis heute im realen Leben praktisch nicht vorkommenden Kryptowährungen. Es dürfte an der einfachen Handhabung und dem enormen Lock-in-Effekt liegen, der greift, wenn die App des Unternehmens erst einmal auf dem Mobiltelefon installiert ist.

PayPal Holdings

Geldtransfers zwischen Privatpersonen werden zum größten Teil kostenlos angeboten, was quasi als Marketing für das System zu verstehen ist. Im Gegenzug gehört es für Händler online fast schon zum guten Ton, Zahlungen per PayPal zu akzeptieren. Doch damit nicht genug: PayPal versucht zunehmend, die Größe seines Netzwerks unabhängig von der Zahlungsfunktion zu Geld zu machen. Diverse Onlineshops erfordern heute keine eigene Anmeldung mehr, sondern offerieren einen Login per PayPal. Damit fährt der Händler quasi Trittbrett auf dem Account des Zahlungsdienstleisters und bietet ein Einkaufserlebnis, das sich kaum von dem auf Amazon unterscheidet.

Die Zahlen sind selbst für die erfolgsverwöhnte Zahlungsdienstleistungsbranche beachtlich: PayPal erwirtschaftete im ersten Quartal einen Free Cashflow von 1,3 Milliarden US-Dollar. Das abgewickelte Zahlungsvolumen wuchs um 19 Prozent und der Umsatz um 12 Prozent. 325 Millionen Menschen nutzen heute die Services des Unternehmens. Im Jahr 2020 dürften Zahlungen für weit mehr als 500 Milliarden US-Dollar abgewickelt werden.

Natürlich ist all dies zum Neunfachen des Umsatzes und mit einem KGV von 93 für 2020 kein Schnäppchen. Für PayPal gilt jedoch das Denkmodell der „Moat-Attacke“: Je mehr Konkurrenten sich erfolglos daran abarbeiten, den Burggraben eines Unternehmens zu überwinden, umso stabiler ist derselbe. PayPal dürfte diesen Beweis in der hart umkämpften Zahlungsdienstleistungsbranche eindeutig erbracht haben.

Fazit

Moderne Compounder bieten beides: attraktives Wachstum, aber auch eine Bewertung, die mit den nächsten Wachstumsschritten der Unternehmen weiteren Spielraum eröffnet. Value-Anleger, die ihren Horizont erweitern wollen, sollten daher auch in diesem Teich fischen.

Autor: Christoph Karl

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Dieser Artikel aus der Smart Investor-Ausgabe 07/20 bezieht sich auf Daten, die bis zum 19.06.2020 erfasst wurden.

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