Schadensersatzklage für Aktionäre im Fall: Wirecard. Im Gespräch mit Steffen Hahn, Partner der Kanzlei Hahn in Viersen.

Gastautor: Rainer Brosy
17.07.2020, 14:54  |  2724   |   |   

Der Fall der Wirecard AG. Im Gespräch mit Steffen Hahn von der Kanzlei Hahn in Viersen.

Die Wirecard AG ist momentan in aller Munde. Wir sprechen heute mit Herrn Steffen Hahn von der Kanzlei Hahn in Viersen über die brisante Situation und mögliche Chancen von geschädigten (Klein-)Anlegern.
Herr Hahn und seine Partner sind Experten den Bereichen Wirtschaftsrecht, Arbeitsrecht, Insolvenzrecht und Zivilrecht.



Bild: Steffen Hahn. Bildquelle: www.kanzlei-hahn.net

Herr Hahn, ganz einfach erklärt: Was ist im Fall Wirecard passiert?

Die Wirecard AG hat in gigantischem Ausmaß Bilanzfälschung begangen.

Rund ein Viertel der Bilanzsumme, ca. 1,9 Milliarden Euro an Bankguthaben, bestehen nicht. Dies ist am 18.06.2020 bekannt geworden. Am 19.06.2020 ist der bisherige Vorstandschef Markus Braun zurückgetreten, der sich zwischenzeitlich in Untersuchungshaft wegen Bilanzfälschung in Tateinheit mit Marktmanipulation in mehreren Fällen befand. Mittlerweile hat die Wirecard am 25.06.2020 Insolvenzantrag gestellt. Pikant ist, dass Herr Braun selbst oder über Beteiligungsgesellschaften kurz vor Bekanntwerden des Skandals und kurz vor dem Insolvenzantrag umfangreiche Aktienpakete veräußerte.

Seitdem ist der Kurs von ca. 100 Euro auf ca. 2 Euro abgestürzt. Hier fühle ich mich an die Börsencrashs rund um die Jahrtausendwende erinnert - etwa bei EM.TV. Andere wollen Wirecard mit dem Fall FlowTex vergleichen - dem bis 2000 größten Fall der Wirtschaftskriminalität in Deutschland.

Wesentlich ist:

Wirecard ist ein Desaster gerade für die vielen Kleinanleger, die mit ihren Aktieninvestitionen Wirecard zu einer Art modernen „Volksaktie 2.0“ gemacht haben. Auf diese Weise haben viele Kleinanleger entweder über Direktinvestitionen oder über Fonds (z.B. im DWS Deutschland-Fonds) auf das Geschäftsmodell des Zahlungsdienstleisters Wirecard gesetzt. In Zeiten von globaler Digitalisierung und der Abkehr von Bargeld schien das Umfeld „IT-Bezahlsysteme“ enorm vielversprechend.

Welche Rolle spielen die Wirtschaftsprüfer in dem Fall?

Hier ist noch nicht ansatzweise klar, wer welche Fehler gemacht oder gar selbst in diesen gigantischen „Betrug“ verwickelt ist oder wer selbst von Wirecard hinters Licht geführt wurde. Tatsache ist, dass Ernst & Young (EY) die Bilanzen von Wirecard vor Bekanntwerden des Skandals als richtig testierte - etwa für den Jahresabschluss 2018. Hier sind viele Fragen offen.

Es ist natürlich zu berücksichtigen, dass Wirtschaftsprüfer der Verschwiegenheitspflicht unterliegen und insofern vieles noch im Dunklen liegt. Spannend ist zum Beispiel die Frage, ob Medienberichte stimmen, wonach EY für das 2018er-Testat alle Buchprüfungspflichten erfüllt hat, etwa Saldenbestätigungen direkt von den kontoführenden Banken eingeholt hat.

Das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) will jedenfalls aus diesem Fall Konsequenzen ziehen und Prüfungsverfahren engmaschiger, verlässlicher machen. Kein Zweifel - hier stellen sich erhebliche Fragen, warum EY das Testat jeweils abgegeben hat, obwohl nunmehr klar ist: 1,9 Mrd. Euro sind Luftbuchungen gewesen.

Der Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG Ende April 2020 hat übrigens in weiten Teilen aufgezeigt, dass die Wirecard AG im Bereich Corporate Governance schlechterdings mangelhaft unterwegs war. Man muss EY zugutehalten, dass EY die Testierung des Abschlusses 2019 mit dem Hinweis verweigerte, dass Prüfungsnachweise für die 1,9 Mrd. Euro fehlten und so den Stein ins Rollen brachte.

Was bedeutet der Insolvenzantrag von Wirecard für die Aktionäre, Herr Hahn?

Der Insolvenzantrag bedeutet, dass die Aktionäre einen möglichen Weg zu Entschädigungen nicht mehr gehen können - die WirecardAG wird hier keinen Schadensersatz mehr leisten, da sich die Aktionäre als Schadensersatzgläubiger als Insolvenzgläubiger keine große Hoffnung auf eine befriedigende Entschädigung im Insolvenzverfahren machen dürfen.

Es droht also der Totalverlust, zumindest besteht für Aktionäre keine Nachschusspflicht.

Wie stehen die Chancen auf Schadensersatz für Anleger?

Die Chancen stehen hoffnungsvoll - aber garantieren kann man nichts!

Es handelt sich um einen der größten Wirtschaftsskandale der letzten 20 Jahre. In Frage kommt eine Haftung von einzelnen Vorstandsmitgliedern - und eine Haftung von EY als Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Bei EY gibt es Anhaltspunkte zu einer Durchgriffshaftung gegenüber den Aktionären.

Die Frage, warum EY Testate erteilten, obwohl keine hinreichenden Nachweise für die Treuhandkonten mit Guthaben von 1,9 Mrd. Euro, bestanden, wiegt schwer.
War nicht EY verpflichtet, unmittelbar Informationen bei asiatischen Banken einzuholen? Hier stellt sich die Frage, ob dies dem pflichtgemäßen Vorgehen eines ordentlichen Wirtschaftsprüfers entsprechend kann.

Außerdem drängt sich die Frage auf, warum EY die von KPMG Ende April aufgelisteten Mängel nicht bemerkt oder jedenfalls als Anlass zu einem deutlich strengeren Vorgehen veranlasste.

Bei dem vorliegenden Fall ist zu berücksichtigen, dass die Testierungen der jeweiligen Jahresabschlüsse massiven Einfluss auf den Kapitalmarkt und damit auf den Wert der Wirecard-Aktie hatten. Allerdings ist immer auch Vorsicht geboten! Eine Durchgriffshaftung gegenüber Dritten und hier den Aktionären - sei es aufgrund vertragsrechtlicher oder deliktsrechtlicher Überlegungen - ist im Deutschen Recht immer auch mit hohen Darlegungsanforderungen verbunden.

Was können Anleger mit Wirecard-Aktien jetzt tun?

Der Fokus sollte sicherlich darauf liegen, Schadensersatzansprüche wegen des enormen Kursverlustes rund um den 18.06.2020 durchzusetzen - und zwar gegenüber EY. Letztlich hilft nur eine ausführliche Beratung im Einzelfall und ein umsichtiges, seriöses Vorgehen gemeinsam mit einem versierten Anwalt. Ich selbst biete hier als Rechtsanwalt gerne eine ausführliche Beratung und seriöse Vertretung an.

Vielen Dank für das sehr spannende Gespräch zu diesem sehr aktuellen Thema, Herr Hahn. Ich hoffe, dass wir einigen Anlegern hilfreiche Tipps und Anregungen geben konnten.

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5 Kommentare

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Kommentare

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17.07.20 20:01:10
Man kann dem verlorenem Geld natürlich noch mehr hinterherwerfen.

Klar, dass die Anwälte da Chancen sehen. Ihr Honorar ist sicher. Selbst wenn die Vorstandsmitglieder erfolgreich verklagt werden sollten: Dauert Jahre, kostet nen Riesenbatzen und wieviel Millionen sollen denn da reinkommen? Auch wenn man ein Urteil hat, müssen die erstmal zahlen. Und dann muss der Kleinanleger noch ein Stück vom Kuchen abbekommen.

Genauso bei EY. Nach meinem Kenntnisstand haben die Verträge in dieser Branche eine Haftunsgbegrenzung auf ein paar Millionen Euro. Klingt viel, aber verteilt auf alle Aktienbesitzer bleibt da nichts übrig.

Man muss hier m.E. der bitteren Realität ins Auge sehen: Das Geld ist futsch.
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17.07.20 19:46:00
Was für ein Blödsinn der lebt davon
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17.07.20 17:17:36
Eine Frage bitte! Ich lebe im Ausland, bin Deutscher. Ichhabe meinen Erbe bekommen im Mai 2020 und habe direkt Wirecard gekauft, und Die Wirecard ist nur runter, dann habe ich nachgekauft, und habe alles verloren, steht mir etwas zu, wenn ich Klage einreiche?

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Rainer Brosy
Geschäftsführer

Rainer Brosy (B.Eng.) ist seit 10 Jahren Geschäftsführer einer Digital-Agentur und führt gerne Interviews mit Köpfen aus der Businesswelt.

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