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NEX24-Herausgeber: Wir sind ein deutsches Medium

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Gastautor: Martin Brosy
20.07.2020, 12:42  |  6085   |   

Weltweit hat das Internet die Medienlandschaft von Grund auf verändert und vielleicht sogar etwas demokratisiert. Wo früher nur einige wenige große Medienunternehmen über die Relevanz einer Meldung und damit über das Tagesgeschehen entschieden haben, erreichen heute auch kleinere Medien weltweit ihre Leser. Hierzu gehört in Deutschland auch das 2015 gegründete Nachrichtenportal NEX24. Mit News aus der Türkei ist es besonders unter Türkeistämmigen in Deutschland sehr beliebt. Oft wird dem Medium jedoch vonseiten der Kritiker Propaganda und „Hass auf deutsche Medien“ vorgeworfen. Wallstreet Online sprach mit dem Herausgeber Polat Karaburan.

Sehr geehrter Herr Karaburan, Kritiker werfen NEX24 „Hass auf deutsche Medien“ und sogar “Hass auf Deutschland“ vor, was sagen sie dazu?

Ich habe absolut nichts gegen deutsche Medien. Ich bin selbst der Herausgeber eines deutschen Mediums. Auch ist NEX24 nicht „deutschlandfeindlich“ eingestellt, wie manche Kritiker behaupten. Ich bin in Deutschland geboren und lebe gerne hier. Der Lebensstandard gehört zu den höchsten der Welt. Es herrscht im Vergleich zu vielen anderen Ländern Demokratie und Freiheit. Auch Pressefreiheit. Außerdem bin ich ein großer Fan der Mülltrennung. Ich verstehe wirklich nicht warum man mir das immer wieder vorwirft.

WSO: Wer hat ihnen das sonst vorgeworfen?

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zum Beispiel fragte mich dies in einem Interview 2017. Der Spiegel stellte mir im selben Jahr eine ähnliche Frage. Dies könnte unter Umständen mit manchen Kommentaren der NEX24-Leser in den sozialen Netzwerken zusammenhängen.

Wenn ich Kritiker mit solchen Vorwürfen konfrontiere und sie auffordere, mir zu zeigen, wo NEX24 etwas Deutschlandfeindliches veröffentlicht haben soll, sind sie dazu nicht imstande. Es werden dann meist irgendwelche Kommentare von Lesern in den sozialen Netzwerken erwähnt. Und dabei wird uns vorgeworfen, dass wir diese Kommentare nicht zeitgleich löschen. Dies würde beweisen, dass auch wir dieses Gedankengut in uns tragen.

Das ist doch absurd. Die Kommentare der Leser binden uns doch nicht. Falls die Beiträge gegen irgendwelche Richtlinien verstoßen, werden diese natürlich so schnell wie möglich gelöscht.

Oft sind allerdings die Kommentatoren so schnell, dass wir Mühe haben, mit der Kontrolle und damit auch dem Löschen hinterherzukommen. Mit diesem Problem sind allerdings auch große Medienportale konfrontiert, und das, obwohl sie teilweise Hunderte Mitarbeiter beschäftigen. Auch werden manche deutschlandkritische Blogger mit uns in Verbindung gebracht. Man glaubt, aus welchen Gründen auch immer, dass sie zu uns gehören. Vielleicht weil sie türkischstämmig sind. Da gehen immer noch viele davon aus, dass Deutschtürken alle irgendwie zusammen gehören, oder besser noch, gleich miteinander verwandt sind und zusammen wohnen. Nein, das tun sie nicht.

WSO: Auf NEX24 gibt es dennoch zahlreiche Beiträge, in denen deutsche Medien kritisiert und verurteilt werden

NEX24 hat keinen einzigen Artikel, in dem deutsche Medien kritisiert werden und deutschlandkritische schon gar nicht. Es gibt höchstens einige eingereichte Gastbeiträge, in denen manche großen Medien kritisiert wurden. Auch Artikel oder Kommentare, in denen Medien in den höchsten Tönen gelobt werden, würde ich gerne veröffentlichen, allerdings hat uns solche Texte noch niemand zukommen lassen.

Ich sehe uns, NEX24, als Teil der deutschen Medienlandschaft. Ich würde sogar sagen, dass wir Mainstream sind. Ich möchte mich nicht als Alternativmedium bezeichnen. Mainstream in klein eben. Viele neue Leser sind auch enttäuscht, bei uns keine sogenannten Verschwörungstheorien oder dergleichen vorzufinden und verlassen daraufhin die Seite wieder. Mein Vorbild ist die Tagesschau. Wenn wir uns die deutsche Mainstreamlandschaft als großes Gebäude vorstellen, sitzen wir ganz unten in einer kleinen Redaktion. Ganz oben sind dann die großen Medienunternehmen wie Springer und Co. Zuhause. Die meisten haben vermutlich unser Dasein noch gar nicht bemerkt.

WSO: Sie sagten, sie sehen sich als deutsches Medium. Ihre Kritiker werfen ihnen jedoch vor, ein türkisches Medium zu sein und sogar von der Türkei aus gesteuert zu werden.

Ich wurde vor über vierzig Jahren bei Düsseldorf in Deutschland geboren und bin hier aufgewachsen und zur Schule gegangen. Meine Kindheit verbrachte ich spielend am Rhein. NEX24 wurde in Dortmund gegründet. Auch die Autoren, die uns übrigens alle ehrenamtlich unterstützen, wurden in Deutschland geboren. Ein ehemaliger Kollege kommt aus Österreich. Ich verstehe nicht, warum man uns unbedingt einen Türkenstempel aufdrücken möchte.

Weder sind wir ein Türkenblatt noch eine Türkenzeitung, wie manch Kritiker uns mit einem despektierlichen Ton schon genannt hat. Der Vorwurf der Steuerung ist lächerlich und verstummte auch, nachdem der türkische Sender TRT in diesem Jahr eine Niederlassung in Deutschland eröffnete. Daraufhin wandten sich die im Netz sehr aktiven Erdogankritiker auch von uns ab und widmen sich seither TRT. Vorher haben sie auf Wikipedia noch einen rufmordartigen Text über NEX24 verfasst. Ich finde das unfair.

Wir sind ein zu hundert Prozent unabhängiges Medium. Wir sind auch nicht an irgendwelche Parteien oder Unternehmen gebunden, so wie manch andere Medien, etwa die SPD und das Multimillionen schwere Medienunternehmen Madsack, die Tageszeitung Neues Deutschland und die Linke oder das Compact-Magazin und die AfD, um nur einige zu nennen.

WSO: Aber es ist doch nun mal nicht von der Hand zu weisen, dass die Mehrheit ihrer Meldungen Themen der Türkei betreffen

Das stimmt so nicht. Unsere Themen behandeln genauso viele News aus Deutschland, dem Balkan, dem Nahen Osten oder anderswoher. Es ist zwar richtig, dass wir bisweilen über die Türkei berichten, aber das liegt auch daran, weil dazu eine große Nachfrage besteht.

Wir haben auch über den Geburtstag des Königs von Tonga berichtet, das Interesse der Leser für diese Meldung hielt sich jedoch in Grenzen. Sowohl in den sozialen Netzwerken als auch über Google. Wir sind ein Dienstleister, der News präsentiert und wir sind weder ideologisch noch politisch unterwegs. Wenn zum Beispiel morgen ein großes Interesse für News aus Liechtenstein bestünde, berichte ich selbstverständlich auch gerne über Liechtenstein.

WSO: Berichten andere Medien denn nicht über die Türkei?

Doch das tun sie. Der Spiegel, die taz und andere, teilweise sogar auf Türkisch. Jedoch gibt es eben noch sehr viel mehr zu berichten und wie schon erwähnt, die Nachfrage hierzu ist groß.

WSO: In einer Pressemitteilung sagten Sie, dass Sie bedroht wurden. Wann begannen diese Bedrohungen und halten diese immer noch an?

Die Bedrohungen begannen eigentlich schon ziemlich zu Beginn unserer Arbeit. Ich habe sie allerdings anfangs ignoriert, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Verfasser mehr tun würden, als nur E-Mails zu schreiben. Erst als auch mein privates Umfeld davon betroffen wurde, ging ich 2017 sicherheitshalber zur Polizei. Es hat mich dann doch positiv überrascht, dass die Person einige Monate später in Kiel gefasst wurde. Danach stoppten auch die Drohungen und seit einigen Jahren kommen nur noch ab und zu ein paar fremdenfeindliche E-Mails. Es schockierte mich damals wie heute immer noch sehr, dass es solche heftigen Reaktionen gab, nur weil kritisch über die PKK berichtet wurde. Von Zeit zu Zeit erhalte ich auch Drohungen von mutmaßlichen Erdogan-Anhängern, die wohl wieder nur die Headlines, anstatt den gesamten Artikel gelesen haben.

WSO: Kritiker werfen ihnen vor, Propaganda zu betreiben und nur Positives über die Türkei oder die türkische Regierung zu berichten. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen.

Auch das entspricht nicht der Wahrheit. Es gibt zahlreiche negative Meldungen über die Türkei, die positiven oder neutralen überwiegen jedoch, das stimmt. Auch hier entscheide ich als Dienstleister sehr leserorientiert. Bei den negativen oder kritischen Meldungen sind große Medien nun mal viel schneller. Es hat dann absolut keinen Mehrwert für die Leser mehr, wenn über diese Meldung schon bereits 99 Prozent der hiesigen Medien berichtet haben und wir dann auch noch berichten. Der heutige Leser bekommt seine News aus den sozialen Netzwerken, aus Apps und Messengerdiensten. Das geht so schnell, da kommen wir leider nicht mit.

Bei positiven Meldungen über die Türkei sieht das schon ganz anders aus. Das ist viel einfacher, weil über die hier niemand berichtet. Da können wir uns Zeit lassen und in Ruhe recherchieren und unsere Meldungen schreiben. Da gibt es keinen Zeitdruck. Wir selbst loben aber weder die Politik noch das Land, sondern berichten lediglich darüber, dass sich zum Beispiel ein Prominenter oder ein Politiker positiv zur Türkei geäußert hat. Etwa über die Behandlung der Flüchtlinge. “Mesut Özil sitzt wieder auf der Bank”, titeln etwa viele Medien an einem Tag. Jedoch habe er in der Woche auch etwa bedürftigen Kindern in Afrika eine Augen-OP bezahlt. NEX24 berichtet dann darüber. Für manche gilt dies jedoch schon als Propaganda. Ich biete diesen Leuten dann an, eigene Kommentare einzureichen und in diesen dann auch gerne kritisch über die Lage in der Türkei hinzuweisen. Darauf bekomme ich jedoch meist keine Antwort.

WSO: In deutschen Medien gibt es keine positiven Meldungen über die Türkei?

Nein.

WSO: Nie?

Bis etwa 2013, danach war Schluss. Sie können mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen.

WSO: Sie würden also auch kritische Meldungen über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan oder die Regierung in Ankara veröffentlichen, falls dies sonst keine deutschen Medien veröffentlicht haben?

Aber natürlich. Dann macht es ja auch Sinn und hätte einen Mehrwert für die Leser. Vor einigen Wochen etwa waren wir die Ersten, die über einen neuen Tiefstand der türkischen Währung berichteten.

Ich recherchiere dann, ob es schon von einem anderen Medium veröffentlicht wurde. In diesem Fall waren wir wirklich die Ersten, also wurde auch dazu eine Meldung geschrieben. Einige türkischstämmige Leser beschwerten sich jedoch danach in den Kommentarbereichen, dass wir „immer nur gegen die Türkei hetzen“ würden und verließen uns zu Hunderten. Eine weitere Meldung war der Einbruch der türkischen Industrieproduktion aufgrund der Coronakrise im Juni. Oder die fallende Geburtsrate und alternde Bevölkerung. Das türkische Statistikamt veröffentlichte hierzu Zahlen. Auch das führte zu einem Shitstorm und viele Abonnenten in den sozialen Medien löschten uns. Wir sitzen immer zwischen den Stühlen. Jeder fühlt sich irgendwann durch eine Meldung auf den Schlips getreten.

WSO: Auch der Vorwurf der Fake News taucht immer wieder auf.

Solange ich die Verantwortung trage, wird es auf NEX24 keine Fake News geben. Das Einzige was passieren kann ist, dass wir die Meldungen anderer Medien übernehmen und diese sich dann als falsch herausstellen. Dafür können wir aber nichts. Einen Relotius wird es bei uns nicht geben.

Ich achte stets darauf, dass etablierte Medien als Quellen genommen oder zitiert werden. Wenn aber diese, bewusst oder unbewusst, Fehler machen, dann liegt die Schuld nicht bei uns. Wie erwähnt, deklarieren manche Leser alle News als unwahr, die nicht ihren Meinungen entsprechen. Bei PKK-kritischen Berichten rufen Kritiker oft „Fake News“, obwohl wir im Artikel selbst kurdische Medien, wie etwa die Rudaw, oder Meldungen von Menschenrechtsorganisationen, zitieren. Viele lesen leider nur die Headlines. Zahlreiche Menschen scheinen nicht wirklich an News interessiert zu sein, die nicht deren Sichtweise widerspiegeln, auch wenn die Meldung den Tatsachen entspricht. Diese Wutbürger suchen meist nur nach Bestätigung ihrer Meinungen. Alles andere wird einfach als „Fake News“ deklariert.

Besonders bei Meldungen zur Corona-Pandemie ist mir das sehr bewusst geworden. Ich hatte mich in einem persönlichen Kommentar zu den Verschwörungstheorien zum Coronavirus, zu Bill Gates und seinen angeblichen geheimen Plänen zur Bevölkerungsreduktion sehr kritisch geäußert. Ich schrieb, dass die Behauptungen über Gates zumeist auf wenigen Zitaten, die aus dem Kontext gerissen oder bewusst falsch interpretiert werden, basieren. Zum Beispiel, dass er ,„Impfen ist die beste Art der Bevölkerungsreduktion“, gesagt haben soll. Die Aussage wird in verschiedenen Versionen verbreitet, mitunter ohne Quellenangabe. Nicht erst seit der Corona-Krise sieht sich Gates persönlich dem Vorwurf ausgesetzt, verborgene niedere Beweggründe zu verfolgen.

Gates hielt 2010 auf der Innovations-Konferenz „TED-Talks“ in Monterey, Kalifornien, eine Rede, in der er verschiedene Ideen erörterte, wie die globalen Kohlenstoffemissionen auf Null reduziert werden können. Er stellt eine Gleichung für den globalen Kohlenstoffausstoß auf, die besagt, dass der globale Kohlenstoffausstoß mit der Anzahl der Menschen auf der Erde in Beziehung stehe. Er hat sich bei dem im Netz millionenfach geteilten Satz etwas unglücklich ausgedrückt. Er sagte, dass man mit neuen Impfstoffen, Gesundheitsfürsorge und reproduktiver Gesundheitsfürsorge, den Bevölkerungsanstieg etwas reduzieren könne. Den Zusammenhang von Impfungen und einem schwächeren Bevölkerungswachstum hat Gates bereits in einem offenen Brief aus dem Jahr 2009 beschrieben. Je mehr Kinder demnach geimpft werden, desto länger leben sie. Wenn mehr Kinder überleben, müssen Eltern weniger Kinder in die Welt setzen, um von ihnen später, wenn sie alt werden, Unterstützung zu bekommen. Eine geringere Kindersterblichkeit führt demnach dazu, dass Frauen weniger Kinder bekommen, so Gates. Die Menschheit erlebt seit Tausenden von Jahren Epidemien, dafür braucht es keinen Bill Gates. Ganz im Gegenteil, durch viele Spenden und Kampagnen des Microsoft-Gründers blieben Millionen Kinder, die sonst beispielsweise an Polio gestorben wären, am Leben.

WSO: Wir bedanken uns für das Gespräch.

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