Was wusste eigentlich Tobias Bosler? Wirecard: Hartnäckiger Investor und Journalisten witterten früh Betrug – über Casinos im Blumenladen

20.07.2020, 16:09  |  35779   |   |   

Hätte der Wirecard-Skandal schon vor Jahren aufgedeckt werden können? Dass es beim einstigen Wunderkind der deutschen Tech-Branche Ungereimtheiten gab – und möglicherweise sogar Geldwäsche und Bilanzmanipulation – diese Hinweise häuften sich schon früh bei Investoren, Journalisten und Geschäftspartnern. Nachdem das Aschheimer Kartenhaus zusammengefallen ist, kommen diese Vorwürfe jetzt erneut ans Licht der Öffentlichkeit.

Zu den wenigen, die Wirecard schon früh auf die Schliche kamen, gehört der Investor Tobias Bosler. „Er hat Euch gewarnt“ schreibt das Fachmagazin Capital in einem Porträt über Bosler, der als Shortseller auch schon früher Bilanzskandale aufdeckte, beispielsweise bei MLP und beim Flugzeugzulieferer Thielert.

Im Falle von Wirecard stellte Bosler im Jahr 2010 Strafanzeige wegen Geldwäsche gegen den Zahlungsdienstleister. Dabei stützte er sich unter anderem auf Unterlagen des Kreditkartenunternehmens Mastercard. Wirecard, so der Vorwurf, habe möglicherweise Glücksspielumsätze illegal abgerechnet.

Bosler lernte einen Wirecard-Mitarbeiter kennen, der ihm das System erklärte. Wirecard gründet selbst kleine Onlineshops wie Blumenläden oder Reisebüros. Die verbotenen Zahlungen von Online-Casinos werden über diese unverdächtigen Firmen abgerechnet. In einem geleakten Dokument, das Bosler in die Hände fällt (und das unter anderem auch im Forum von wallstreet:online kursierte), droht Mastercard den Deutschen daraufhin eine Vertragsstrafe an.

Doch anstatt Ermittlungen gegen Wirecard aufzunehmen, steht Bosler selbst im Visier der Ermittler. Der Vorwurf: Kursmanipulation. Bosler bekennt sich in 47 Fällen schuldig, nicht aber im Fall von Wirecard – der Vorwurf, der die Ermittlungen ins Rollen gebracht hatte. 2010 wird er wegen nicht ausreichender Risikohinweise in seinen Börsenbriefen verurteilt, zahlt 127.000 Euro Strafe und kommt in Untersuchungshaft. Gleichzeitig stellt das Gericht klar: Bosler hat keine Unwahrheiten über Aktien verbreitet.

Nicht immer versteckten sich die Warnsignale in geheimen Unterlagen. Wie ein Capital-Artikel deutlich macht, gab es bereits im Jahr 2008 eine öffentliche Ad-Hoc Meldung, die Fragen aufwirft. Damals wies die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) auf Ungereimtheiten im Konzernabschluss hin. Da hatte Wirecard ein Unternehmen namens „Wire Card Technologies AG“ übernommen, ohne Angaben zum Kaufpreis, zu den Vermögenswerten oder Schulden der zugekauften Firma zu machen.

In den Jahren darauf kommen ähnliche „Ungenauigkeiten“ in den Bilanzen hinzu. Für langjährige Beobachter ist der Kollaps von Wirecard daher nicht überraschend. Für die meisten geschädigten Privatanleger allerdings umso mehr. Ob Wirtschaftsprüfer und Behörden früher hätten Alarm schlagen müssen und inwieweit Aktionäre entschädigt werden, das prüfen derzeit auch Anwälte und Aktionärsschützer (mehr dazu hier).

Autor: Julian Schick, wallstreet:online Zentralredaktion

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3 Kommentare

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Kommentare

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25.07.20 21:57:41
Naja, man braucht da eigentlich nciht so weit zu reisen! Nach München ins P1 hätte gereicht, um erschöpfende Informationen zu erhalten:laugh:
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21.07.20 18:46:36
Warum erwähnt ihr nicht jenen Anleger, der schon 2008 hier bei W:O mit harten Fakten auf die Probleme bei Wirecard hingewiesen hat?
Vielleicht, weil W:O auf Druck von Wirecard hin den Thread gelöscht hat?
Kein Problem: Der Beitrag wurde damals in ein anderes Forum kopiert und hat dort im stillen überlebt (siehe Beitrag 503): http://onvista.ariva.de/forum/Auf_gehts-t219463?page=20

Hier ein Fullpost jenes alten W:O-Beitrags:

#1 von memyselfandi007 Benutzerinfo Nachricht an Benutzer Beiträge des Benutzers ausblenden 01.05.08 15:13:34

Auf den ersten Blick eine der Wachstumsstories:

Hervorgegangen aus dem CallCenter Betreiber "Infogenie" wurde durch Übernahmen der extrem profitable und schnell wachsende "Spezialist für elektronische Bezahllösungen".

Gewinn in 2007 fast verdoppelt, im ersten Quartal Umsatz um 52,6 % und Gewinn um 65% gesteigert. EBIT MArge bei 25% bei 0% Steueraufwand. Einfach paradisisch !!!

Der "Spezialist für elektronische Bezahllösungen" notiert mit 13,50 EUR nahe am ATH, KGV (2007) ungefähr 35, KBV ungef. bei 7,5, KUV ungef. bei 9. Bischen teuer zwar,aber für so einen tollen Wachstumswert kein Problem, oder ?

Die Kursentwicklung spricht für sich:

http://aktien.wallstreet-online.de/charts/instinformer.php?&…

Finanzkrise ? Kein Problem für Wirecard. Von den Analysten gibt es wie es sich gehört fast nur Kaufempfehlungen, die Kursziele werden regelmässig nachgezogen.

Interessant wird es, wenn man sich wirklich mal den 2007er Geschäftsbericht ansieht.

Neben den zig Seiten üblichen Bullshit mit bunten Bildchen versteht man beim Lesen erstmal nur Bahnhof. Die wichtigste Einheit des Unternehmens scheint zwar die Bank zu sein, reported wird aber wie für ein normales Unternehmen. Seitenweise werden irgendwelche Umbuchungen in der Vergangenheit erklärt, die aber auch nach mehrmaligen lesen nicht verständlich sind. In der Konsolidierung verschwindet plötzlich fast 20% des Umsatzes.

Lässt man dies alles mal aussen vor, findet man aber Erstaunliches:

- dem Eigenkapital von 168 Mio. EUR stehen mittlerweile immaterielle Vermögensgegenstände von 149 Mio. EUr gegenüber
- Der ausgewiesene Gewinn von 30 Mio. EUR für 2007 geht größtenteils auf
+ die Erhöhung selbsterstelleter imm. Vermögensgegenstände (+4 Mio.)
+ Erhöhung sonstiger imm. Vermögensgegenstände (+18 Mio) zurück
+ Steuern fallen auf wundersame Weise gar nicht an bzw.

D.h. ohne diese erfolgswirksame Aktivierung von Unterschiedbträgen ala Arques hätte Wirecard maximal 8 Mio.vor Steuern verdient.

EIn besonderes "Zuckerl" ist auf Seite 124-125 zu finden, nämlich die Beschreibung der Erwerbe von sog. Kundenportfolios. Das Ganze sieht wohl im Prinzip so aus, dass jeweils zum Jahresende von wem auch immer irgendwelche Portfolios erworben werden, deren Hauptwert in hohen immateriellen Vermögensgegenständen besteht. Dann werden im Jahr darauf noch Nachzahlungen fällig, die dann natürlich wiede als Geschäftswert aktiviert werden.

Wenn ich den 2007er Deal richtig lese, werden für gut 43 Mio. ca. 20 Mio Geschäftswert und 15 Mio. Nettoassets erworben, die Differenz wird dann einfach wieder dem Geschäftswert zugeschlagen. Darauf wird dann nochmals eine Gewinnwirksame Aktivierung vorgenommen......

Vom Kaufpreis wurde erst die Hälfte bezahlt (finanziert durch eine Kapitalerhöhung !!!), der Rest folgt 2008. Wer immer der Verkäufer dieser Portfolio ist, scheint einen ganz guten Reibach zu machen, bekomt er doch ungefähr midestens das 3 fache des Buchwerts vor Nachzahlungen.

Die übernommene Trustpay AG kann man googeln wie man will, man findetausser der Wirecard News keine Infos. Nichts, gar nichts. und dafür 40Mio Firmenwert ?

Das sieht fast wie eine systematische Ausplünderung der Erlöse aus den Kapitalerhöhungen aus, v.a. wenn man bedenkt,dass das erworbene Unternehmen seinen Sitz ebenso wie Wirecard in Grassbrunn hat......

Die Erhöhung der sonst. imm.Vermögensgegenstände lässt sich ebenso wenig nachvollziehen wie die der Geschäftswerte.

Das Highlight ist aber die Cash Flow Rechnung. Der Korrekturposten "Anpassung aus Erstkonsolidierung" in Höhe von 33 Mio. soll eigentlich ja den Gewinn korrigieren, in der GuV ist allerdings davon nichts zu sehn. Meine Vermutung ist, dass es sich hier noch um zusätzliche Aktivierung von Unterschiedsbeträgen handelt, die in den Umsätzen (!!!!!) stecken und deshalb natürlich Cash unwirksam sind.

Deshalb fallen natürlich auch keine Steuern an, weil eine Aktivierung ja nicht steuerpflichtig ist. Da ist Arques ja noch ein Musterknabe. Wie üblich werden dann die Erhöhung der Kundeneinlagen als operativer Cashflow gezeigt anstatt als Finanzierungscashflow.

Dazu passt die EK Entwicklung auf Seite auch wieder nicht, hier sieht man neben den erworbenen Geschäftswerten nur einen weiteren Zugang von sonst. immateriellen Vermögensgegenständen (vmtl. Aktievierung von Kundenstämmen) in der Höhe von 18 Mio. EUR.

Sehr seltsam, dass der Kauf des Portfolios trotz 115 Mio. Cashbestand und 80 Mio. positivem Cashflow aus einer Kapitalerhöhung finanziert werden müssen, oder ?

Das erklärt sich meiner Ansicht nach durch die starke Zunahme der Verbindlichkeiten aus LuL sowie der sonstigen Verbindlichkeiten und der Bank. Genaues weiss man nicht, aber es stinkt zum Himmel. Ich vermute, das die Verbindlichkeiten aus Zahlungen der Kunden resultieren, die vmtl. irgendwo verpfändet oder anderweitig vor dem freien Zugriff von Wirecard geschützt sind, wie z.B. die Einlagen bei der BAnk. Da allerdings die Bank ja nicht separat ausgewiesen wird, hat man auch keine Chance das zu überprüfen.

Fazit:
- Aus meiner Sicht eine groteske Bumsbude, schlimmer als Arques eher schon Kategorie Thielert.
- Kaum "tangible" EK, dubiose Transaktionen und nicht nachvollziehbarer Cashflow.
- Gewinne werden nur fast ausschliesslich durch gewinnwirksame Aktivierungen bei Unternehmenskäufen ausgewiesen
-Trotz Cashflow von angebl. 80 Mio. EUR und einem Cashbestand von 115 Mio. muss für den Kaufpreis von 20 Mio. eine Kapitalerhöhung durchgeführt werden
- Aktionäre fast ausschliesslich Angelsächsische oder Holländische Adressen, wie bei Thielert

Warten wir mal ab, wie lange das Spielchen noch funktioniert, langsam dürfte die Luft allerdings dünn werden. Der AR Vorsitzende hat zum Jahresende schon mal fleissig Kasse gemacht.
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21.07.20 08:39:04
Bei allem Respekt. Herrn Bosler vom Saulus zum Paulus zu transformieren ist sehr kurz gesprungen. Man sei daran erinnert was für drittklassige BBB-/C-Buden auf den als Konferenzen getarnten Treffen in Kitzbühel und Co, verastaltet durch den nun als investigativen Aufklärer verklärten Herrn, durchs Dorf getrieben wurden. Da wären Zweifel an deren Geschäftsmodellen an der Tagesordnung und im Vorfeld zur Auswahl nötig gewesen. Aber frei nach Adenauer ,.... .

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