Heftige Anschuldigungen gegen Börsenliebling Northern Data: Überteuerter Stromlieferant oder Premium-Rechenzentrum-Player?

22.07.2020, 17:36  |  12248   |   |   

„Northern Data – ein zwielichtiger Bitcoin-Mining-Host“ lautet die Überschrift des Artikels auf der Content-Plattform Medium vom vergangenen Mittwoch. Ausführlich erklärt ein anonymer Autor namens Ken L. darin, warum die deutsche Tech-Hoffnung – die kurz zuvor erst mit einer Marktkapitalisierung von einer Milliarde Euro zum Einhorn gekrönt wurde – nicht mehr als ein Krypto-Mining-Provider mit zu hohen Preisen sei.

Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Der Aktienkurs rauschte in den Tagen nach der Veröffentlichung fast 40 Prozent in den Keller. Das Unternehmen kontert mit einer kraftvollen Klarstellung und sogar die Financial Times berichtet über den Fall.

Northern Data hat im Jahr 2020 bereits für viel Furore am Aktienmarkt gesorgt. Der Kurs stieg von 20 Euro zu Jahresbeginn auf 80 Euro Anfang Juli. Innerhalb weniger Tage hat die Erfolgsstory vom innovativen Anbieter von hochleistungsstarken Rechenkapazitäten Kratzer bekommen. Aktuell verharrt der Kurs knapp unter der 50-Euro-Marke. Die Financial Times spricht von einem "Wirecard-Effekt". Möglicherweise seien Anleger sensibel geworden, wenn bei einem hoffnungsvollen deutschen Tech-Unternehmen Fragezeichen aufkommen.

Das Frankfurter Unternehmen wirbt damit, branchenführende Infrastruktur für Rechenleistungen anzubieten. „Das Geschäftsmodell ist relativ einfach: Man baut riesige Fabriken, stellt die Hardware auf und vermietet sie. Theoretisch ist das Geschäftsmodell hochgradig skalierbar“, erklärt Analyst Peter Thilo Hasler von Sphene Capital gegenüber wallstreet:online.

Der jetzt kursierende Bericht erhebt schwere Vorwürfe gegen den Börsenliebling. Anhand von Daten aus einer Roadshow-Präsentation von Northern Data rechnet der Autor vor, dass das Unternehmen pro Kilowatt Rechenleistung um die sechs Cent berechnet – deutlich mehr als der branchenübliche Tarif. Die Schlussfolgerung des Berichts lautet: Entweder habe Northern Data die Zahlen frisiert oder die dümmsten Kunden der Krypto-Industrie gefunden. Im Übrigen verschleiere das Unternehmen seine Abhängigkeit vom volatilen Krypto-Geschäft.

Für Analyst Hasler ist das ein ausschlaggebender Punkt. „Die Frage, ob es nur um Bitcoin Mining geht oder um ein richtiges HPC-Geschäft, ist entscheidend. Denn hochleistungsfähige Rechner kommen in vielen Branchen zum Einsatz. Das Krypto-Geschäft ist nur eines von vielen, hat jedoch den Nachteil, stark vom Bitcoin-Kurs abhängig zu sein. Daraus können für Northern Data erhebliche Risiken entstehen. Wenn nun das Unternehmen den Anteil von Krypto-Mining auf das eigene Geschäft nicht deutlich macht, können Anleger eine völlig falsche Risikoeinschätzung des Unternehmens haben.“

Das Unternehmen reagierte mit einem ausführlichen Post auf der eigenen Webseite auf die Kritik an seiner Preispolitik: Man mache keine Angaben zu genauen Vertragsinhalten, doch die Preise aus dem anonymen Post seien eindeutig falsch. Im Übrigen zahlten die Kunden bei Northern Data nicht nur für den Energieverbrauch, sondern auch für einen „Premium Hosting Service“.

Für Analyst Hasler wirft die Analyse einige wichtige Fragen auf: „In den beiden Artikeln steckt jede Menge an Fachwissen, das sieht man. Um ihre Glaubwürdigkeit zu untermauern, müssen die Autoren jetzt aber aus der Deckung kommen und sich namentlich outen. Gravierende Vorwürfe anonym zu machen, ist wenig seriös.“

Fehler sieht er aber auch auf Seiten von Northern Data. „Bei anonymen Vorwürfen wie hier hätte der Vorstand wesentlich souveräner agieren müssen. Jetzt ist das Unternehmen unnötig in der Defensive. Der Vorstand sollte sich gute Berater suchen, um seine Glaubwürdigkeit wiederherzustellen.“

Zur Klarstellung könnten nun auch die Analysten beitragen, die Northern Data empfohlen haben. „In dieser Situation müsste eine Institution wie die Baader Bank eigentlich nochmal klarstellen, ob sie trotz der Kritik bei ihrer Einschätzung zu Northern Data bleibt oder ob sie das Unternehmen neu bewertet.“ Baader Research hatte im Juni ein Kursziel von 184 Euro für Northern Data aufgerufen.

Die Autoren, die mit ihrer Analyse den Stein ins Rollen brachten, legten mit einem weiteren Post auf der Medium-Plattform am Montag nochmal eine Schippe drauf. Northern Data fahre eine „gut orchestrierte Kampagne“, um das schmuddelige Bitcoin-Image abzulegen und sich als starker Player im HPC-Geschäft zu präsentieren.

Autor: Julian Schick, wallstreet:online Zentralredaktion

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