DSW fordert Transparenz Wirecards Wirtschaftsprüfer am Pranger - „Alle stochern im Nebel“

31.07.2020, 16:27  |  17304   |   |   

Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), forderte diese Woche volle Transparenz bei der Aufklärung des Wirecard-Skandals. Dazu müssten das vollständige KPMG-Gutachten und die Unterlagen von EY auf den Tisch. Im Gespräch mit wallstreet:online erklärt Tüngler, was für geschädigte Anleger auf dem Spiel steht.

„Letztendlich stochern noch alle im Nebel“, erklärt Tüngler. „Die häufigsten Fragen, mit denen sich Anleger derzeit an die DSW wenden lauten: „‚Gehe ich leer aus, wenn ich jetzt nicht schnell klage?‘ und ‚Soll ich meine Wirecard-Aktien verkaufen?‘“

Aktionärsschützer Tüngler schätzt, dass 250.000 Privatanleger potenziell geschädigt wurden. Viele von ihnen hätten große Hoffnungen in das Unternehmen gesetzt. „Es ist auffällig, dass die Anleger bei Wirecard stärker investiert waren, als das normal ist. Das Unternehmen emotionalisierte stark, es gab nur ein „alles oder nichts“. Das Schreckliche daran: Teilweise haben die Leute ihr ganzes Geld in Wirecard investiert.“

Für die Anleger sei es jetzt enorm wichtig, sich zunächst ein genaues Bild von der Lage zu machen. „Es ist richtig und wichtig, dass Anleger sich jetzt wehren“, so Tüngler. „Doch bevor sie entscheiden können, was sie tun, muss zunächst mal der Sachverhalt klarer sein. Auch muss man genau prüfen, wo etwas zu holen ist. Und deshalb fordern wir vollständige Einsicht in das KPMG-Gutachten und die Unterlagen von EY.“

Der Wirtschaftsprüfer EY hatte seit 2009 die Jahresabschlüsse von Wirecard geprüft und testiert, offensichtlich ohne dabei die Bilanzmanipulationen des Zahlungsdienstleisters zu bemerken. Die Staatsanwaltschaft geht inzwischen davon aus, dass Luftbuchungen bei Wirecard schon seit Jahren zur Praxis gehörten. „Neben dem Testat und dem Geschäftsbericht gibt es auch einen Prüfbericht, in dem EY dem Aufsichtsrat (als Auftraggeber der Prüfung) Hinweise erteilt. Was in diesem Prüfbericht steht, ist von höchster Relevanz“, sagt Marc Tüngler.

Der Vorwurf laute, dass EY nicht richtig hingeschaut habe, so der Experte weiter. „Für den Prozess ist es wichtig, dass man auch beleuchtet und weiß, was die andere Seite tatsächlich getan hat. EY hat das Testat noch im Jahre 2019 für 2018 nicht eingeschränkt. Warum und wie kam es zu dieser Entscheidung? All das muss zunächst geklärt werden.“

Kritik und Anschuldigungen wegen Ungereimtheiten bei Wirecard gibt es schon seit Jahren. Das Unternehmen selbst hatte eine Sonderprüfung beim Wirtschaftsprüfer KPMG in Auftrag gegeben. Diese konnte die Vorwürfe jedoch nicht ausräumen. Im Juni schließlich musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. Von Treuhandguthaben in Höhe von 1,9 Milliarden Euro fehlte jede Spur. Führende Wirecard-Köpfe wurden seither verhaftet.

 

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Zur Aufklärung fordern Interessengruppen wie die DSW deshalb, den KPMG-Bericht ungeschwärzt zu veröffentlichen. „Das Problem ist, dass einzelne Personen Zugang zum KPMG-Bericht haben“, erklärt Tüngler. „Dazu gehört auch der Insolvenzverwalter. Der ist jedoch kein Freund der Anleger, und hat nur die Interessen der Gläubiger im Blick. Hinzu kommt: Er kann nun mit deutlichem Informationsvorsprung mit EY und deren Versicherung verhandeln. Welche Einigung auch immer dabei rauskommt, sie wird vollkommen an den Anlegern vorbeigehen.“

Ob KPMG und EY juristisch belangt werden, hänge davon ab, wie kooperationsbereit sich die Unternehmen bei der Aufklärung des Wirecard-Skandals zeigten. „Man muss mit EY verhandeln und sie dazu bringen, sich alternativen Lösungen zu öffnen. Doch natürlich bereiten auch wir Klagen vor und haben damit alle Möglichkeiten in der Hinterhand. Schließlich müssen wir den Druck jetzt aufbauen und aufrechterhalten.

 

Autor: Julian Schick, wallstreet:online Zentralredaktion

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1 Kommentare

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Kommentare

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01.08.20 13:20:08
KPMG wird man wohl kaum juristisch belangen können, da deren Sonderprüfung auf freiwilliger Basis von Wirecard erfolgte und sie auch Mängel offengelegt haben. In der freiwilligen Prüfung wird genau festgelegt, was das Ziel der Prüfung ist und die Haftungsfrage sieht deutlich anders aus als bei einer gesetzlich verpflichtenden Prüfung wie im Falle von EY. Basierend auf den verfügbaren Medienberichten wollten die Partner bei EY wohl auch noch Anfang Juni 2020 uneingeschränkt testieren - trotz der Erkenntnisse von KPMG. Falls das stimmt, dann haben sie wohl wirklich in der Luft gestochert und sind vielleicht belangbar...

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