Marktkommentar: Christian Schmitt (ETHENEA): Was der Brückenbau – manchmal – mit den Finanzmärkten gemein hat
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Marktkommentar Christian Schmitt (ETHENEA): Was der Brückenbau – manchmal – mit den Finanzmärkten gemein hat

Nachrichtenquelle: Asset Standard
06.08.2020, 09:15  |  150   |   |   

Auch in der Finanzmarkttheorie ist die Erkenntnis gereift, dass das menschliche Verhalten oft nicht mit dem, im Lehrbuch erwarteten Verhalten übereinstimmt.

Im Juni 2000, vor also ziemlich genau 20 Jahren, wurde in London feierlich die Millennium Bridge eröffnet. Die 325 Meter lange Fußgängerbrücke verbindet die City of London mit der weltbekannten Tate Gallery of Modern Art, die am südlichen Themseufer liegt. Entworfen wurde die als Hängebrücke konstruierte Millennium Bridge vom britischen Stararchitekten Norman Foster. Die Freude an diesem gleichermaßen ästhetischen und technischen Meisterwerk währte allerdings nur zwei Tage. Nach den ersten praktischen Erfahrungen im Livebetrieb musste die Brücke in den darauffolgenden zwei Jahren gesperrt bleiben und nachgebessert werden. Was war passiert?

Unter dem Publikumsverkehr war die Brücke in heftige seitliche Schwingungen geraten, welche die Ingenieure vorab in ihren Berechnungen nicht berücksichtigt hatten und dem Bauwerk den Spitznamen Wackelbrücke – the wobbly bridge – einbrachten. Die Schwingungen waren derart stark, dass eine bauliche Nachbesserung unumgänglich war und nochmals Kosten in Höhe von 5 Millionen Pfund entstanden (bei vorherigen Gesamtbaukosten von 18,2 Millionen Pfund). Der „Fehler“ in der Ursprungsplanung wurde rasch identifiziert: Die Brücke war in der Konstruktion zwar ausreichend auf das Gewicht von 5.000 Passanten ausgelegt, allerdings unterstellte man diesen in der Theorie ein anderes Verhalten als es sich letztendlich in der Praxis offenbarte. Entgegen aller Annahmen bewegte sich das Gros der Passanten im Gleichschritt, wohingegen bei der Planung von einem heterogenen und unabhängigen Schrittmuster ausgegangen wurde. Äußere Einflüsse wie Windböen sowie zufällig zustande gekommene Anfangsschwingungen führten zu einer Synchronisierung der individuellen Schrittbewegungen, welche die Schwingungen anschließend verstärkte und durch Rückkopplungseffekte und menschliche Ausgleichsbewegungen nochmals aufbauschte. Die im Jahre 2000 mit der Millennium Bridge gemachten Erfahrungen zum menschlichen Verhalten in solchen Situationen fließen seitdem in alle neueren Brückenkonstruktionen mit ein.

Auch in der Finanzmarkttheorie ist über die vergangenen Jahrzehnte die Erkenntnis gereift, dass das menschliche Verhalten in der Praxis bei weitem nicht mit dem im Lehrbuch erwarteten Verhalten des Homo oeconomicus übereinstimmt. In der Zwischenzeit wurden vielfältigste Anomalien, die die klassische Wirtschaftslehre nicht in ihren Grundannahmen berücksichtigt hatte, empirisch nachgewiesen und wissenschaftlich dokumentiert. Der daraus entstandene Forschungszweig der verhaltensorientierten Finanzmarkttheorie (englisch Behavioral Finance) bzw. allgemeiner der Verhaltensökonomik wurde anfangs noch belächelt, hat jedoch spätestens mit der Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises an den Psychologen Daniel Kahneman im Jahr 2002 einen festen Platz in den Wirtschaftswissenschaften gefunden.

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