SI-Analyse zur Tourismus-Krise Tourismus-Branche mit Vollbremsung - Zwingen Italien und Spanien den Euro in die Knie?

13.08.2020, 12:09  |  2976   |   |   

Die Volkswirtschaften aus dem Mittelmeerraum sind auf den Tourismus angewiesen, ebenso die Millionen Beschäftigten. Mit Hilfspaketen von historischem Ausmaß versucht Brüssel, gegen die wirtschaftliche Vollbremsung, die Corona ausgelöst hast, anzusteuern. Für die Gemeinschaftwährung ist das nicht ungefährlich, erklärt Carsten Priebe in einem Beitrag für den Smart Investor.

Schwerste Verwerfungen
Der Lockdown hat in der EU schwere wirtschaftliche Schäden hinterlassen. Besonders betroffen waren Italiens und Spaniens Tourismusindustrie: Geschlossene Strände, Städte und Hotels haben den Tourismus in beiden Ländern in die Knie gezwungen. In Spanien wird der Beitrag dieser Branche zum BIP mit rund 14,6 Prozent beziffert; in Italien beträgt er immerhin noch 13,2 Prozent (Daten für 2018). Der heftige Einbruch in diesem Sektor hat demnach massive Auswirkungen auf das BIP beider Länder. So ist der direkte Beitrag der Tourismusbranche in Italien mit ca. 96 Milliarden Euro zu beziffern, der indirekte mit geschätzten 227 Milliarden Euro – also mehr als dem Doppelten.

Italiens Tourismus am Boden
Insgesamt dürfte das italienische BIP um 9,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr einbrechen, nicht zuletzt wegen des Kahlschlags im Tourismus. Das BIP pro Einwohner fällt damit auf das Niveau des Jahres 2015 zurück. Auch die Bruttoanlageinvestitionen des Landes dürften im laufenden Jahr um 14,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr sinken. Das kostet Zukunftschancen. Die Arbeitslosenquote unter den Jugendlichen bis 24 Jahre lag bereits in den Jahren zuvor bei rund 30 Prozent – schon bisher war schwer vorstellbar, wie diese auf absehbare Zeit überhaupt gesenkt werden könnte. Mehr als die Hälfte der Arbeitslosen waren bereits vor der Krise Langzeitarbeitslose.

Der Dienstleistungssektor ist in Italien derjenige mit dem höchsten Beschäftigtenanteil. Rund 70 Prozent der Italiener arbeiten, oder vielmehr: arbeiteten, in diesem Bereich, der nun von Corona besonders hart getroffen wurde. Das Land zählt rund 216.000 Tourismusbetriebe, die über 5 Millionen. Betten bereitstellen. Im Jahr 2018 gab es rund 428 Millionen touristische Übernachtungen; dabei ging die Hälfte auf das Konto ausländischer Touristen. Allein durch den bisherigen Lockdown fielen damit schätzungsweise rund 54 Millionen Übernachtungen ausländischer Gäste weg.

Spanien schmiert ab
Auch in Spanien dürfte das BIP in diesem Jahr um über 9 Prozent zurückgehen, wozu der Einbruch im Tourismus massiv beiträgt. Der wichtigste Arbeitgeber ist hier ebenfalls der Dienstleistungssektor, in dem rund 75,5 Prozent der Erwerbstätigen tätig sind. Es gibt in Spanien rund 51.500 Tourismusbetriebe, die 3,6 Millionen Betten bereitstellen. Etwa 65 Prozent der insgesamt 467 Millionen Übernachtungen erfolgten durch ausländische Touristen. Der Tourismussektor beschäftigt direkt 409.000 Menschen – der Ausfall bei den Übernachtungen ist also noch höher als in Italien. Die Bruttoanlageninvestitionen in Spanien dürften in diesem Jahr um 20,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgehen. Die Arbeitslosenquote der Jugendlichen liegt bei ca. 32 Prozent; von ihnen waren bereits vor der Krise rund 40 Prozent Langzeitarbeitslose.

Gravierende Eurofolgen
Schon an diesen offiziellen Zahlen lässt sich ermessen, wie dramatisch sich die Lage in Italien und Spanien gestaltet – und dabei ist der tourismusnahe Schattensektor noch gar nicht berücksichtigt. Wenn der Tourismus aufgrund des Lockdowns mindestens ein Viertel des Jahres nichts zum BIP beitragen wird und es für den Rest des Jahres fraglich ist, wie stark der tatsächliche Beitrag überhaupt noch sein wird, muss das weitreichende Folgen haben. Im Klartext: Der Wirtschaftseinbruch beider Länder lastet schwer auf dem Euro und auch auf der EU insgesamt, denn noch ist nicht absehbar, wann und wie sich der hiesige Tourismus wieder erholen kann.

Hotel und Restaurantschließungen lassen die Arbeitslosigkeit in die Höhe schießen, Steuereinnahmen brechen weg und die Staatsfinanzierung wird wackliger denn je. Schon heute ist Italien innerhalb der EU das Land mit der zweithöchsten Verschuldung im Verhältnis zum BIP. Waren die Finanzen beider Länder vor der Corona-Krise noch auf Kante genäht, so sind sie inzwischen völlig desolat. Paradoxerweise könnte diese Krise politisch sogar ein willkommener Anlass sein, die Euro-Teilnehmerstaaten qua „Hilfsprogramme“ noch enger aneinanderzubinden, nach dem Motto: Lasse keine Krise ungenutzt …

Es ist noch Suppe da
Entsprechend wird in den Brüsseler Korridoren der Macht bereits nach Kräften antichambriert. Ist es nur eine Panikreaktion von Funktionären und Bürokraten, wenn nun mit heißer Nadel ein gigantischer 750- Milliarden Euro-Hilfsfonds gestrickt wird? Oder ist dies der Versuch, die Menschen mit der Drohkulisse einer Corona-Depression zu überrumpeln, um das Euro-Omelette nach einem weiteren kräftigen Umrühren endgültig unauflösbar zu machen? Es kommt sogar noch dicker – in Form eines mittelfristigen Finanzplans mit einem Umfang von bis zu 1,1 Billionen Euro, der obendrein draufgesattelt werden soll. Unter der gerade angebrochenen deutschen Ratspräsidentschaft dürfte das Ruder sogar noch brachialer in Richtung „mehr Europa“ eingeschlagen werden. Mit Nebensächlichkeiten, wie der Frage nach der Finanzierung, hält man sich derzeit weder in Brüssel noch in Berlin auf – ebenso wenig wie mit der Frage, ob die immer absurderen Rettungsmaßnahmen überhaupt noch dem Willen der Bürger Europas entsprechen.

Die permanente Eurorettung ist längst zu einem nicht hinterfragbaren Grundrauschen europäischer Wirklichkeit geworden. Dabei sind die immer umfangreicheren Transfermaßnahmen ein wichtiger Hinweis darauf, dass die innere Mechanik des Euro einfach nicht funktioniert. Entsprechend wirkt die Gemeinschaftswährung allenfalls in Teilbereichen stabilisierend, ansonsten aber krisenverstärkend. Die Konzentration der Akteure auf die politisch gewünschte Erhaltung des Euro um jeden Preis vernachlässigt sträflich die ökonomische Dimension einer Währung und damit deren eigentliche Funktion. Angesichts des permanenten Zwists zwischen Eurogeber- und -nehmerländern muss selbst bei der Erreichung der politischen Ziele ein dickes Fragezeichen gemacht werden. Ökonomisch steigt zudem die Gefahr einer Auszehrung und letztlich Überforderung der Retter im Schatten von Corona-Krise und Vollbremsung der Club-Med-Wirtschaften weiter deutlich an.

„Rettung“ als Staatsraison
Eigentlich wird in Brüssel immer irgendetwas gerettet, der Euro sowieso. Hinter der immer weiteren Aushebelung der Selbstregulierung in der EU steckt vor allem die Anmaßung von Wissen. Dass diese wuchernde Mischung aus Dirigismus, Interventionismus und Zentralismus nicht jedem gefällt, ist am Weggang der vergleichsweise marktwirtschaftlich orientierten Briten ersichtlich, die zudem wichtige Beitragszahler waren.

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Wie schlecht die neue Brüsseler „Planokratie“ funktioniert, mag man auch daran erkennen, dass der deutsche Beitrag für die deutlich geschrumpfte EU ein weiteres Mal massiv ansteigen wird. Zudem verkündete Bundes-finanzminister Olaf Scholz bereits die Bereitschaft der Bundesregierung, europäische Krisenstaaten auch direkt mit Finanzhilfen zu unterstützen. Wer derart dumme Anreize setzt, muss sich nicht wundern, wenn man sich in Rom erst einmal entspannt bei einer Tasse Espresso zurücklehnt.

Verbale Finten
Denn solche Zusagen wecken natürlich Begehrlichkeiten. Wie auch schon in der Vergangenheit trat Bundeskanzlerin Merkel zunächst verbal als Spielverderberin auf, indem sie bemerkte, dass der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) beispielsweise auch von Italien genutzt werden könne. Ein klarer Affront – Gelder aus dem ESM müssten zurückgezahlt werden, jene aus dem Hilfsfonds dagegen nicht. Entsprechend echauffierten sich die Italiener, denn bislang unterlag die Wirtschaftspolitik Roms keiner Kontrolle aus Brüssel, weshalb man auf notwendige Reformen oder Anpassungen auch getrost verzichten konnte. Lässt man den Theaterdonner für einen Moment beiseite, dürfte völlig klar sein, wie die Sache auch diesmal ausgehen wird: Deutschland zahlt.

Im Saldo gefangen
Solange aber Staaten wie Deutschland bereit sind, die Lasten Italiens und Spaniens unter Hintanstellung jeglicher ordnungspolitischer Erwägungen zu tragen, wird man in Rom oder Madrid auch künftig wenig Neigung verspüren, wirtschaftspolitische Reformen in Angriff zu nehmen. Es ist schwer vermittelbar, dass ein junger Mensch des Jahres 2019 in Deutschland ein Arbeitsleben von 39,1, in Spanien eines von 35,3 und in Italien eines von nur 32 Jahren vor sich hat. Das sind keine Vorurteile, sondern Angaben von Eurostat.

Ein anderes Beispiel sind die berüchtigten TARGET2-Salden, die bei der Bundesbank im März 2020 rund 935 Mrd. EUR erreichten, wobei jeweils etwa die Hälfte der Forderungen derselben aus diesen Salden auf Spanien und Italien entfällt. Ohne dass es so geplant war, entwickelte sich TARGET2 zu einer Art niederschwelliger Kreditfazilität für die beiden Länder, die auch fleißig genutzt wird. Deutschland kann diese Forderungen ohne Verluste nicht einfach glattstellen.

Fazit
Zusammengefasst ergibt sich folgendes Bild: Die Regierungen in Madrid und Rom weigern sich weiter, die notwendigen und überfälligen Reformen in Angriff zu nehmen. Mit dem Lockdown wurde der für beide Länder existenzielle Tourismus zusätzlich hart getroffen. Unter dem unverdächtigen Generalthema „Corona-Hilfe“ eröffnet dies Brüssel allerdings auch eine neue Möglichkeit, jene Transfers fließen lassen, die aufgrund des mangelnden Reformwillens über kurz oder lang ohnehin hätten fließen müssen – und gleichzeitig die Eurostaaten noch enger zu verschweißen.

Die deutschen Steuerzahler sind zwar nicht Gestalter dieses Prozesses, wohl aber wurden sie vergattert, das Überleben von Euro und EU finanziell abzusichern. Dabei wird verkannt, dass auch die „Retter“ zunehmend selbst mit dem Rücken zur Wand stehen. Unabhängig davon steigert sich die von britischen Bedenken befreite EU in einen immer umfassenderen Gestaltungswillen hinein. Je weiter sie sich dabei von einem gesunden Geldwesen und den Gesetzen des Marktes entfernt, desto härter wird sie eines möglicherweise nicht allzu fernen Tages in der Realität aufschlagen.

Autor: Carsten Priebe

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