FANMAG-Aktien Facebook und Co. zwischen nachhaltigem Mega-Trend und gefährlicher Mean Reversion

20.08.2020, 16:00  |  12427   |   |   

Kaum einem Anleger dürfte entgangen sein, dass sich ein anhaltender Trend hin zu den bekannten US-Internetwerten entwickelt hat. Allein in den vergangenen fünf Jahren wiesen die „FANMAG-Aktien“ – also Facebook, Amazon, Netflix, Microsoft, Apple und Google beziehungsweise Alphabet – Kurssteigerungen zwischen 150 und 500 Prozent auf. Über die letzten zehn Jahre waren es sogar zwischen 500% und 2.500%, wobei Facebook hier wegen der kürzeren Historie seit dem Börsengang im Jahr 2012 außen vor bleibt (aber seitdem ebenfalls mehr als 500% zulegte). Auch im Jahr 2019 und infolge des Corona-Crashs hat die positive relative Entwicklung gegenüber dem Gesamtmarkt allen Unkenrufen zum Trotz weiter angehalten. Marko Gränitz weist im Smart Investor auf die Gefahren dieser Entwicklung hin.

Multiple Expansion

Dabei haben die Unkenrufe durchaus ihre Berechtigung: Denn tatsächlich ist es so, dass die Kursentwicklung dieser Aktien zunehmend durch immer höhere Erwartungen für die Zukunft erklärt werden muss. Diese Entwicklung zeigte sich schon vor der Corona-Krise. So war etwa der Gewinn pro Aktie bei Apple anno 2019 nahezu identisch zum Jahr 2018 – aber der Kurs stand je nach genauem Betrachtungszeitpunkt mehr oder weniger doppelt so hoch.

Damit hatte sich das klassische Kurs-Gewinn-Verhältnis mal eben verdoppelt. Ob die damit eingepreisten, zusätzlichen Wachstumserwartungen auf Dauer für ein Unternehmen realistisch sein können, das bereits extrem hohe Umsätze und hohe Gewinnmargen aufweist sowie eine Marktkapitalisierung, die den Gegenwert des gesamten DAX übersteigt, möchten wir an dieser Stelle offenlassen. Eine ähnliche, wenn auch weniger deutliche Multiple Expansion zeigte sich parallel zu diesem Beispiel auch bei den übrigen FANMAG-Titeln.

Bildunterschrift: Der Chart zeigt die Performance von Facebook, Amazon, Netflix, Microsoft, Apple und Google (bzw. Alphabet) vom 19.6.2015 bis zum 19.6.2020

Quelle: Tradesignal Online, www.tradesignalonline.com

Natürlich ist abseits dessen vieles, was die Bewertungen der Top-US-Werte angeht, durchaus gerechtfertigt – schließlich haben die neuen Giganten ganze Märkte neu entdeckt oder komplett umgekrempelt und sich beinahe unanfechtbare Wettbewerbspositionen gesichert. Aus Erfahrung wissen wir jedoch auch, dass die Börse keine Einbahnstraße ist.

Mean Reversion

Hohe Erwartungen sind gerade deshalb gefährlich, weil dies impliziert, dass die Marktteilnehmer die Risiken weitgehend ausblenden. Es scheint beinahe schon Konsens zu sein, dass die FANMAG-Aktien „jederzeit“ ein gutes Investment sind und man gar nicht genug davon haben kann. Auf diese Weise wird die rationale Betrachtung durch den Glauben an eine Story ersetzt. Wie viele Anleger würden die Amazon-Aktie wohl heute als riskantes Investment bezeichnen? Dabei sind die Risiken, ebenso wie die Chancen, immer da.

Was oft nicht bedacht wird: Unsere Einschätzungen beruhen auf vergangenen Entwicklungen und aktuellen Erfahrungen, die zunehmend gleichgerichteter und eingepreister Konsens sind. Eine realistische Einschätzung des über die optimistischen Zukunftserwartungen hinaus zusätzlich möglichen Potenzials – und genau darauf kommt es für die weitere Kursentwicklung an – kann dagegen ganz anders aussehen, denn aus dieser Perspektive steigt die Wahrscheinlichkeit für (herbe) Enttäuschungen und eine damit verbundene Mean Reversion (Rückkehr zum Mittelwert) an.

Die Frage ist dabei nicht, ob es zu einer Mean Reversion kommt, sondern wann. Solange dieser Effekt aber nicht einsetzt, kann sich der Trend weiter fortsetzen und auch noch beschleunigen.

Konzentration der Marktkapitalisierung auf 40-Jahres-Hoch

Die starke relative Kursentwicklung der FANMAG-Aktien führte bereits zu einer deutlichen Konzentration der Marktkapitalisierung im S&P 500. Wie stark die Gewichtung inzwischen verschoben ist, zeigt sich auf Basis der Daten vom Mai 2020: Die fünf größten Aktien hatten im Index das gleiche Gewicht wie die 350 kleinsten. Doch obwohl die fünf größten bereits mehr als 20 Prozent des Indexgewichts ausmachen, was einem 40-Jahres-Hoch entspricht, sind wir noch nicht bei den Extremen der 1960er-Jahre angelangt (Abb. 2). Das gilt im Übrigen auch für den größten Einzeltitel im S&P. Während dieses Jahr Microsoft mit einer Gewichtung von rund 5,5 Prozent die Spitze markierte, waren es in den 1960ern und 1970ern AT&T und IBM mit weitaus höheren 9 Prozent.

Bildunterschrift: Auch im weltweiten MSCI All-Country World Index stieg die Konzentration – hier gemessen anhand der Top-Ten-Werte – in den letzten fünf Jahren erheblich an und erreichte nahezu die Höchstwerte aus dem Jahr 2000

Quellen: Ned Davis Research, www.ndr.com, MSCI

Gespeist werden die höheren Bewertungen neben direkten Aktienengagements über anhaltende Kapitalflüsse in ETFs. Und auch hier zeigt sich eine hohe Konzentration: Die fünf größten ETFs hatten das gleiche investierte Volumen wie Nummer 121 bis 500 der Rangliste zusammen. Konkret waren die Top-Five-ETFs:

  • SPDR S&P 500 ETF (SPY)
  • iShares Core S&P 500 (IVV)
  • Vanguard Total Stock Market (VTI)
  • Vanguard S&P 500 (VOO)
  • Invesco Nasdaq-100 (QQQ)


Und welche Titel sind in jedem Einzelnen dieser ETFs die prominentesten in den Top Ten der Gewichtungen? Sie können es sicher erahnen: die beliebten FANMAG-Aktien (einzige Ausnahme: Netflix ist nur im QQQ in den Top Ten).



Kommt es im Rahmen einer künftigen Mean Reversion zu anhaltenden Kapitalabflüssen, kann sich die ganze Dynamik umkehren. Momentan ist das natürlich alles Spekulation – aber das Gleiche gilt für den Trend nach oben: auf Basis der aktuellen Bewertungen reine Spekulation.

Bildunterschrift: Der US-Analyst Jim Bianco hat eine interessante Grafik veröffentlicht. Demnach machten die fünf größten Aktien im S&P 500 zusammen mehr als 21% des Indexgewichts aus: Facebook, Amazon, Microsoft, Apple und Google. Das erscheint sehr viel und ist klar höher als das Gewicht der Top-Five-Aktien der vergangenen vier Dekaden. Die langfristige Betrachtung seit 1965 zeigt allerdings, dass es in den 1960er- und 1970er-Jahren eine noch höhere Konzentration der Top-Five-Titel im S&P 500 gab. Anno 1964 lag deren Anteil bei 27,6%.

Quellen: Jim Bianco, www.biancoresearch.com, S&P, Dow Jones, Bloomberg

Fazit

Langfristig existieren zwei entscheidende Mechanismen an den Märkten: auf der einen Seite Trends, die große und nachhaltige, fundamentale Entwicklungen abbilden, aber dazu neigen, deutlich zu überschießen – und auf der anderen Seite die Mean Reversion, die früher oder später jeden Exzess wieder bereinigt hat.

Autor: Dr. Marko Gränitz

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