Aktien: Gefährlicher Überschwang?

Gastautor: Dirk Heß
02.09.2020, 11:37  |  2981   |   |   

Haben sich die Aktienmärkte von der Realwirtschaft abgekoppelt? Fast könnte man das mit Blick auf die starken Kursgewinne meinen. Bei näherer Betrachtung war die Rally aber nur logisch.

Verrückte Monate liegen hinter den Anlegern. Wie verrückt, zeigen allein diese beiden Zahlen: 9,7 und 29,0. Um 9,7 Prozent schrumpfte das deutsche Bruttoinlandprodukt (BIP) im zweiten Quartal – ein in der Geschichte der Bundesrepublik nie dagewesener Wirtschaftseinbruch. Bei der zweiten Zahl handelt es sich um die prozentuale Performance des DAX im gleichen Zeitraum. Plus 29,0 innerhalb von nur drei Monaten – auch das ist ein historischer Wert. Angesichts der Diskrepanz zwischen der Konjunkturentwicklung und der Aktienmarktperformance überrascht es nicht, dass zahlreiche Anlageexperten davor warnen, dass sich die Aktienkurse von der Realwirtschaft abgekoppelt hätten. Selbst die Bank der Zentralbanken, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), sah sich in ihrem Ende Juni veröffentlichten Jahresbericht dazu genötigt, darauf hinzuweisen, dass die Aktienkurse nicht mehr im Einklang mit der schwachen Wirtschaftsentwicklung stehen würden.

 

Hat sich an den Aktienmärkten eine Blase gebildet, die jetzt zu Platzen droht? Ein Blick auf die Bewertungen scheint diese Einschätzung zunächst zu stützen. So liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis vieler bekannter Aktienindizes wie dem DAX (KGV: 16,2) oder dem EURO STOXX 50 (KGV: 17,0) am oberen Rand des langjährigen Normbereichs oder ist wie beim S&P 500 (KGV: 21,7) oder beim japanischen Nikkei 225 (KGV: 20,7) bereits darüber hinaus enteilt. Die Zahlen zum KGV basieren dabei auf die für die kommenden zwölf Monaten erwarteten Unternehmensgewinne (Quelle: Bloomberg). Gleichwohl sind die Bewertungen, blickt man etwa auf die New-Economy-Blase zur Jahrtausendwende, noch nicht wirklich im Reich der Fantasie angekommen. Dass Aktien gefragt sind hat stichhaltige Gründe:

 

 

  1. Da ist zum einen die viel zitierte Alternativlosigkeit. Mit ihrer ultraexpansiven Geldpolitik, die durch die Corona-Krise noch weiter gelockert wurde, haben die Zentralbanken die Märkte zum einen beruhigt. Zum anderen mit dem Nebeneffekt, dass verzinsliche Anlagen wie Bankeinlagen oder Staatsanleihen entweder keine oder so gut wie keine Erträge mehr abwerfen. Das Gegenteil ist der Fall: In fast allen wichtigen Industrieländern sind die Realrenditen inzwischen ins Minus gedreht bzw. sind noch tiefer in den roten Bereich gerutscht. Dazu ein Beispiel: Nach Angaben der Deutschen Bundesbank liegt die erwartete Realrendite von 10-jährigen Bundesanleihen aktuell bei minus 2,1 Prozent (erwartete Realrendite = Nominalrendite – Inflationserwartungen). Das heißt, wer heute 50.000 Euro zu diesem Satz anlegt, erhält preisbereinigt in zehn Jahren nur noch rund 40.000 Euro zurück. Ein Minus von 20 Prozent. Das relativiert das Risiko von Aktien. Immer mehr Anleger kehren daher in den Aktienmarkt zurück. Flossen in Europa im ersten Quartal nach Angaben der Fondsratingagentur Morningstar aus Aktienfonds per Saldo noch 41 Milliarden Euro ab, erhöhten sich die Bestände im zweiten Quartal netto um 51 Milliarden Euro.

 

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