Investieren in Afrika Rahmenbedingungen für Kapitalanlagen müssen mehr als passen: Positiv sind Ägypten und Marokko

10.09.2020, 09:51  |  1782   |   |   

Für Investoren ist Afrika ein nicht ganz leichtes Pflaster. Aktienmärkte in Schwellenländern performten in den vergangenen Jahren eher bescheiden. Damit Finanzgeschäfte und Kapitalanlagen auf lange Sicht rentabel sind, bedarf es viel Analyse-Zeit, Recherche, Krisen-Strategien, Transparenz und Vertrauen. Wie sich die Corona-Pandemie und die zum Teil politische Unsicherheit auf die afrikanischen Kapitalmärkte auswirkt? Welche Aktienunternehmen diese anspruchsvollen Bedingungen erfüllen? Darauf liefert Malek Bou-Diab von Bellevue Asset Management im Interview mit wallstreet:online Antworten.

wallstreet:online: Herr Bou-Diab, zugegeben, das Thema Afrika kommt nicht oft auf unsere Tische. Umso mehr interessiert uns die wirtschaftliche Lage dort vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie, die die Schwellenländer stark belastet.

Bou-Diab: Die negativen Auswirkungen der Coronakrise haben auf dem afrikanischen Kontinent ihre Spuren hinterlassen und zu einem dramatischen Rückgang der Geschäftstätigkeit geführt. Positiv wirkt sich die junge Bevölkerung aus, die die Auswirkungen des Virus mildern kann. Nachteile birgt hingegen das schwache Gesundheitssystem und die fehlenden Testmöglichkeiten.

Die Regierungen führten in kürzester Zeit Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ein. Dazu gehörten nächtliche Sperrstunden in Marokko, ein partieller Lockdown in Kenia, Nigeria und Ghana sowie ein umfassender Shutdown in Südafrika. Diese Maßnahmen waren nur bedingt erfolgreich, da die Zahl der Neuinfizierten wieder ansteigt. Zu den ersten messbaren Einflüssen auf die afrikanische Wirtschaft zählten tiefere Dollar-Zuflüsse aufgrund der gesunkenen Rohstoffpreise, und des fehlenden Tourismus.

Wir gehen davon aus, dass die Auswirkungen des Virus die Schwachstellen der Länder sichtbar machen, die ihre Reformen nur langsam vorangetrieben haben. Dazu zählen in erster Linie Südafrika, Nigeria und andere Rohstoffexporteure in Subsahara-Afrika. Länder, die bereits Reformen auf den Weg gebracht haben und Schulden abgebaut haben, sind nun klar im Vorteil, da sie Unterstützungshilfen vom IWF bekommen haben und schnell Kredite aufnehmen konnten.

wallstreet:online: Welche afrikanischen Länder kommen trotz Pandemie gut voran und welche eher nicht?

Bou-Diab: Um in dieser Krise gut voranzukommen, braucht es eine Kombination aus einer sehr lockeren Geldpolitik und Unterstützungsmaßnahmen vom Fiskus, was sich keines der afrikanischen Länder in einem genügenden Ausmaß wirklich leisten kann. Ich würde eher von Ländern reden, die die wirtschaftliche Lage stabilisieren konnten und andere, wo das Risiko einer lähmenden wirtschaftlichen Krise noch groß ist.

Positiv sind Ägypten und Marokko. Beide haben die Finanzierung ihrer Handelsbilanzen nun für ein Jahr gesichert. Wir gehen in diesem Jahr für Ägypten von einem Wachstum zwischen ein und zwei Prozent aus, von zuvor sechs beziehungsweise vier Prozent, während Marokko voraussichtlich in eine Rezession fällt. In Nigeria hingegen gab es keine Reformen und das Land verfügt über ein recht unorthodoxes Währungssystem, das dem IWF nicht gefällt. Daher haben sie sich mit Hilfspaketen zurückgehalten. Südafrika wiederum hat starke Wachstumsprobleme und benötigt tiefgreifende wirtschaftliche Reformen und es ist kaum zu erwarten, dass die jetzige Regierung in der Lage ist, diese zu liefern.

Das Land hat eine minimale Hilfe vom IWF bekommen, die anhand der tiefen Rezession kaum eine Wirkung haben sollte. Die Einschätzung der Märkte spiegelt sich vor allem in den Währungen wieder. Der Südafrikanische Rand ist in der Krise über 25 Prozent eingebrochen. Hingegen haben sich das Ägyptische Pfund und das Marokkanische Dirham gut gehalten.

wallstreet:online: Neben den Auswirkungen der Pandemie fällt der Grad der politischen Sicherheit auf afrikanischen Märkten ins Gewicht. Inwieweit können Investoren, die sich auf afrikanischen Märkten engagieren, nachts ruhig schlafen?

Bou-Diab: Wir investieren seit über zehn Jahren in Afrika und haben zahlreiche Krisen erlebt: die globale Rezession 2008 und ihre Folgen, den Arabischen Frühling 2011 und seine Nachbeben, der Kollaps der Rohstoffpreise 2014/2015 insbesondere des Ölpreises, zahlreiche Devaluationen von über 100 Prozent kombiniert mit rasanten Zinserhöhungen wie zum Beispiel in Ägypten in 2016 und letztendlich noch die Coronakrise.

In diesen Phasen konnten wir das Kapital unserer Investoren schützen und Verluste mittel- bis langfristig wieder aufholen. Dies liegt daran, dass der Kapitalschutz ein zentrales Element unserer Investitionsphilosophie ist, was dazu führt, dass wir bei unseren Investitionen sehr differenziert vorgehen und wählerisch sind. Wir scheuen uns nicht davor, unsere Positionierung schnell und aggressiv zu reduzieren, falls die politische oder wirtschaftliche Lage sich zu verschlechtern droht.

Unser „Track-Record“ zeigt durchaus, dass Investoren in Afrika investieren können, ohne aus Furcht vor Kapitalverlust den Schlaf zu verlieren. Anderseits muss man zugeben, dass in solchen turbulenten Zeiten die Rendite enttäuschend ist und weit hinter unseren Erwartungen liegt.

wallstreet:online: Werfen wir einen Blick auf die afrikanischen Kapitalmärkte. Wo lohnt es sich für Rendite-Jäger in Afrika genauer hinzusehen? Aktien, Anleihen, Rohstoffe? Welcher Mix passt wie gewichtet zu einer „afrikanischen Investment-Strategie“?

Bou-Diab: Die Bedingungen an den globalen Finanzmärkten und vor allem die expansive Geldpolitik der Industriestaaten prägen diese Kapitalallokationsfrage sehr stark. Ein globaler Anleiheninvestor hat keine andere Wahl als Rendite ausserhalb der entwickelten Länder zu suchen, wo die Zinsen zum Teil negativ sind.

Dadurch fließt viel Geld in Schwellenländeranleihen, unter anderem auf afrikanische Eurobonds. Dies generiert natürlich im Anleihenbereich kurz- und mittelfristig attraktive Performances und man sieht auch, dass sich Märkte nach einer Korrektur schnell erholen, sobald das Fed Unterstützungsmassnahmen verkündet. Bei den Aktien hingegen ist ein Investor sehr gut bedient mit US-Aktien und hat keinen Anreiz, in riskantere Schwellenländer zu investieren.

Darum weisen die Aktienmärkte in Schwellenländern außerhalb Chinas in den vergangenen Jahren eher bescheidene Performances aus. Dies gilt auch für die afrikanischen Aktienmärkte. Immerhin sind aber die momentan historisch tiefen Bewertungen eine gute Voraussetzung für eine attraktive längerfristige Performance, wenn man von einer Erholung von der Coronakrise innerhalb eines Jahres ausgeht.

Bezüglich Rohstoffen sind wir der Meinung, dass ein Investor dort über andere Vehikel investieren kann als über einen Afrikafonds. Natürlich gibt es in Afrika erfolgreiche Minen, aber die global festgelegten Rohstoffpreise sind ein Risikofaktor. Unser Fonds konzentriert sich auf wirtschaftliche Reformen und deren Ergebnisse in Afrika, was eine interessante Beimischung in einem Schwellenländer-Portfolio ist.

wallstreet:online: Wie gehen Sie als „Bewertungs-Profi“ an die Analyse von afrikanischen Titeln heran? Wie unterscheidet sich die Analyse-Arbeit für Afrikas Titel zu der von Aktien in Europa oder auch den USA?

Bou-Diab: Im Portfolio verfolgen wir einen langfristigen Bottom-up Ansatz mit Fokus auf transparente Unternehmen unter vertrauenswürdiger Leitung. Gemäss unseres Top-down Ansatzes investieren wir nur in Länder, die ausreichend Kapitalschutz bieten. Anlageziel ist es, unter normalen Marktbedingungen eine mit den etablierten Schwellenländern vergleichbare Rendite zu erzielen.

Zur Erschließung des wirtschaftlichen Potenzials müssen Behörden stabile und vorteilhafte Rahmenbedingungen schaffen. Strukturreformen und eine funktionierende Infrastruktur erachten wir als zentralen Erfolgsfaktor für nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Marokko und Ägypten zeigen sich hier vielversprechend. Die Regierungen zeigen ernste Absichten, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern und für ausreichend Beschäftigung zu sorgen. Im Fokus der Investitionen liegen die Energie- und Wasserversorgung, Telekommunikation, Wohnsiedlungen, Strassen, Eisenbahnlinien, Flug- oder Schiffshäfen.

Exakt die Infrastruktur, die es für nachhaltige Fortschritte braucht. Nach unserer Erfahrung ist das Vertrauen in das Managementeam einer Firma zentral. Erst nachdem wir dieses mehrmals getroffen haben, die historischen Resultate und die Perspektiven persönlich besprochen und die Standorte der Firma besucht haben, stellt sich die Frage nach einer Investition. Solange die Antwort darauf nicht ein klares Ja ist, investieren wir keine Kundengelder, egal wie die Perspektive der Sell-Side-Analysten aussieht.

Es ist wichtig, im Auge zu behalten, dass die Firmen in einem teilweise instabilen Umfeld tätig sind. Instabilität, sei es im makrowirtschaftlichen, politischen oder regulatorischen Bereich, ist meistens wertvernichtend. Auch die beste Firma kann in einem sehr instabilen Umfeld schnell eine schlechte Investition werden. Wir müssen also diese Risiken viel mehr in Betracht ziehen und versuchen zu verstehen, wie einzelne Firmen betroffen sein könnten und was sie für Möglichkeiten haben, die Folgen einer Krise einzudämmen.

wallstreet:online: Richten wir die Scheinwerfer auf afrikanische Aktienunternehmen. Können Sie uns beispielhaft drei aus Ihrer Sicht vielversprechende afrikanische Aktien-Titel vorstellen?

Bou-Diab: Wir haben die Aktien von Credit Agricole Egypt beispielsweise zugekauft und zehn Prozent Dividende mitgenommen. Außerdem gefällt uns Obour Land, der größte Produzent von Milch und Weichkäse in Ägypten. Beides sind erschwingliche Konsumgüter und Obour hat einen Markanteil von 40 Prozent. Das Unternehmen wächst im Jahr mit 22, der Gewinn sogar um 34 Prozent. Die Dividendenrendite liegt bei 8.8 Prozent.

Zudem setzen wir auf Vivo Energy, der führenden unabhängigen Treibstofflieferanten in Afrika. Vivo ist in 23 Ländern präsent. Mit dem Ausbau der Straßennetze kommt das Wachstum, das derzeit bei zwölf Prozent im Jahr liegt. Da sehen wir Potenzial nach oben. Die Titel sind mit einem KGV 6 unserer Meinung nach attraktiv bewertet.

wallstreet:online: Wie haben Sie die Titel in Ihrem Fonds BB African Opportunities gewichtet? Welchen Anteil haben zum Beispiel zurzeit begehrte Goldminen-Aktien?

Bou-Diab: Wir haben momentan bis zu 20 Prozent des Fonds in Goldminen-Aktien investiert. Dies ist die höchste Allokation, die wir je hatten, vor allem vor dem Hintegrund, dass wir nicht auf Rohstoffe fokussiert sind. Der Grund für diesen Schritt, der uns etwas abseits unseres Investmentziels bringt, ist der momentane Aufschwung von Goldminen. Unsere Investitionen in Ägypten (25 Prozent), Marokko (20 Prozent) und Subsahara-Afrika sind von den Folgen des Coronavirus betroffen.

Wir bleiben aber mittel- und längerfristig optimistisch, da sie von strukturellen Wachstumstrends getragen werden, wie zum Beispiel die Verbreitung der Finanzdienstleistungen, die Entwicklung des Angebots im Healthcare-Sektors, die Formalisierung des Kleinhandels. Die Wachstumswelle in diesen Bereichen sollte nach der Coronakrise wieder kommen und die jetzigen historisch tiefen Bewertungen bieten eine gute Voraussetzung für eine attraktive zukünftige Rendite.

wallstreet:online: Und zum Schluss – mit Verlaub – noch eine persönliche Frage. Welche persönliche Beziehung haben Sie zu Afrika? Was waren Ihre beeindruckendsten Erlebnisse unter der Überschrift „Afrika“?

Bou-Diab: Wir sind mit Afrika persönlich eng verbunden. Regelmässige Recherche vor Ort und der enge Kontakt mit örtlichen Behördenvertretern, Unternehmenslenkern und lokalen Brokern verschaffen uns einen kostbaren Wissensvorsprung. Mein Team-Kollege und ich stammen selbst aus der Region, sprechen lokale Sprachen und sind mit den kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen vertraut.

Ich persönlich bin immer wieder beeindruckt von den ambitionierten, dynamischen und unternehmerischen jungen Leuten, die ich in Afrika treffe. Sie haben das Potenzial vieles zu verbessern, aber bekommen wenig Unterstützung, um ihre Projekte zu verwirklichen. Ich glaube, man sollte Afrika nicht nur humanitäre Hilfe anbieten, sondern vor allem Strukturen schaffen, um in diese jungen Menschen zu investieren, die den Kontinent in eine bessere Zukunft führen können.

wallstreet:online: Herr Bou-Diab, vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Christoph Morisse

Kurzvita von Malek Bou-Diab:
Malek Bou-Diab stieß Mitte 2009 als Senior Portfolio Manager zu Bellevue Asset Mana­gement, wo er die Verant­wortung für den BB African Oppor­tunities Fonds innehat. Davor managte er bei Julius Bär einen Afrika-Fonds. Von 2003 bis 2007 arbei­tete er als quanti­tativer Risiko-Analyst bei der Deutschen Bank in London. Zwischen 1999 und 2003 promo­vierte Malek Bou-Diab in theore­tischer Physik an der ETH Zürich. Er verbrachte einen Gross­teil seiner Jugend im Mittleren Osten, wo er eine inter­national ausge­richtete Ausbildung genoss und Arabisch studierte.

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