Aktienmarkt Zeitenwende

Gastautor: Markus Richert
15.09.2020, 21:26  |  574   |   |   

Als Zeitenwende bezeichnet man den Beginn einer neuen Ära. Der Weg zur Industrialisierung wurde durch die Erfindung der Dampfmaschine ausgelöst. Der Wechsel von der Agrarwirtschaft zur Industrialisierung wurde durch gesellschaftliche Verwerfungen begleitet. Im Zuge des Wandels kann es auch zur umfangreichen Vermögensverschiebungen. Der Adel verlor erst seine wirtschaftlich dominierende Stellung und dann letztlich auch seine Macht. Abgelöst wurde er vom Geldadel. Dieser bestand aus Industriellen, die die Zeichen des Wandels rechtzeitig erkannt hatten und in die neue Technik investierten.

Seit einigen Jahren befindet sich die Welt wieder im Umbruch. Die Phase der Industrialisierung wird abgelöst durch eine digitale Zeitenwende. Mit wiederum großen gesellschaftlichen Umbrüchen. Die Zeit der großen Industriebarone, der Vanderbilts, der Krupps oder Thyssens ist schon lange vorbei. In der Geldranglisten dominieren heute andere Familiennamen. Denn die Aktienwerte von Technologieunternehmen wie Apple und Google haben viele der alten Industriekonzerne längst abgehängt. Diese Zeitenwende wird derzeit auch den großen Aktienindizes vollzogen. Nach 92 Jahren flog der Ölkonzern ExxonMobil zum Ende des Monats aus dem Dow-Jones-Index. Auch der Pharmariese Pfizer und der Rüstungskonzern Raytheon Technologies werden nicht mehr zu den 30 Standardwerten in den USA gehören. Stattdessen ziehen der SAP-Konkurrent Salesforce, der Biotechnologiekonzern Amgen und der Mischkonzern Honeywell in den Index ein.

Der Dow Jones will die US-Wirtschaft vollständig abbilden

Dabei sind die Aktien der drei Aufsteiger wesentlich mehr wert als die Aktien der Absteiger. So hat sich der Wert des Neueinsteigers Salesforce seit der Finanzkrise 2008 vervierzigfacht. Mittlerweile ist der Konzern an der Börse fast 190 Milliarden US-Dollar wert, rund zehn Milliarden mehr als ExxonMobil. Der Aktienkurs des Ölriesen hatte sich seit Ende 2008 nahezu halbiert. Das Unternehmen war seit 1928 Mitglied im Dow Jones und konnte damit auf die längste Geschichte in dem Index zurückblicken. Auslöser der Änderungen war ein Aktiensplit bei Apple, bei dem jede Aktie in vier neue Papiere aufgeteilt wurde. Durch den Split hat sich der Kurs geviertelt. Das ändert zwar nichts an der Marktkapitalisierung, aber das Gewicht von Apple im Index sinkt, weil es anders als in Deutschland auf Basis des Aktienpreises berechnet wird. Auf die Marktkapitalisierung kommt es nicht an. Der Dow Jones will die US-Wirtschaft möglichst vollständig abbilden. Weil durch den Aktiensplit die Bedeutung der Techbranche im Index zurückgehen wird, wurde Salesforce als Aufsteiger ausgewählt.

Das Virus beschleunigt die Zeitenwende

Der Wandel, der durch die Digitalisierung ausgedrückt wird, vollzieht sich derzeit in einem schnellen Tempo. Das Corona-Virus hat dort wie ein Brandbeschleuniger gewirkt und den Prozess massiv beschleunigt. Vieles was in der Welt vor Corona noch analog abgewickelt wurde, wird jetzt durch digitale Prozesse oftmals auch preisgünstiger gelöst. Dabei sind sich viele Beobachter einig, dass die Entwicklung immer noch am Anfang steht. Anleger sollten diese Entwicklung in ihren Depots ebenfalls berücksichtigen. Für einen Einstieg, bei einem ausreichend langen Anlagehorizont, ist es auch bei Techwerten noch nicht zu spät.

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