Kapitalmarkt-Standpunkt „Sturm-Flut“

Nachrichtenquelle: Anleihen Finder
14.10.2020, 10:05  |  131   |   |   


Kapitalmarkt-Standpunkt von Kai Jordan, Vorstand der mwb Wertpapierhandelsbank AG:

Vor uns liegt eine weitere spannende Phase des Kapitalmarktjahrgangs 2020, der wegen seiner stürmischen Bewegungen bereits als nahezu beispiellos in die Geschichte eingeht. Nun, wo sich das Jahr langsam dem Ende entgegenneigt, kommt eine Flutwelle von Ereignissen auf die Investoren zu. Erstens naht eine der richtungsweisendsten US-Präsidentschaftswahlen aller Zeiten und dürfte die Märkte noch ein wenig in den Bann ziehen. Die Polls sind diesmal deutlich ausgereifter und damit auch zuverlässiger und die Abstände deutlicher. Wie die Beobachter der chinesischen Konjunkturentwicklung die Umsätze der Spielcasinos in Macao als wichtig(st)en Indikator betrachten, so wagen wir einen Blick auf die Quoten bei den internationalen Buchmachern, die Wetten auf den Ausgang anbieten. Das Ergebnis scheint eindeutig. Daher lehnen wir uns aus dem Fenster und tippen auch auf Biden. Damit erklären wir die Wahl zwar nicht zum No-Brainer, aber dieser Ausgang dürfte die Welt und die Märkte stabilisierend beeinflussen.

Der unkontrollierte Brexit wird in der Wirtschaft eher Spuren hinterlassen –vermutlich sehr viel deutlicher auf der anderen Seite des Ärmelkanals.  Europa und insbesondere Deutschland werden aber auch von Verschiebungen bei Investitionsströmen zu Lasten des britischen Marktes partizipieren. So ist der  gerade angekündigte IPO der Berliner Immobilienfirma Velero AG, die bis zu € 550 Millionen in Deutsche Wohnimmobilien investieren will und hier bereits substantielles Zeichnungsinteresse internationaler Investoren vermeldet, ein deutliches Zeichen dafür.

Ansteigende Infektionszahlen sorgen allerdings dafür, dass eine sogar in jüngster Zeit zu unserem Erstaunen immer wieder aufkommende Diskussion über steigende Zinsen sich wenig überraschend wieder ins Gegenteil verkehrt. Wir hatten bereits in unserem Standpunkt „Zombies und Zinsen“über derlei Naivität geschmunzelt. Zinserhöhungen der EZB: Keine Spur. Selbst BuBa Präsident Jens Weidmann, der hier eher der „Falke“ im Ring ist, sieht „keinen Bedarf“ für weitere geldpolitische Lockerungen. Dass er dies so deutlich äußert, liegt daran, dass der Rest der verantwortlichen Protagonisten es eben anders sieht. So sagte EZB Chef-Volkswirt Philipp Lane, „dass es eher der umsichtigere Ansatz sein könnte, durch zusätzliche geldpolitische Impulse die Inflationsdynamik anzukurbeln“. Zumal die EZB bei der Inflationszielsetzung nun auch auf den Kurs der FED einschwenkt, und nur noch eine Bewertung duchschnittlicher Inflationsraten vornimmt. EZB Vize Louis de Guindos mahnte vor wenigen Tagen, „die Notenbank müsse ihre Mittel gegen die schwache Inflation einsetzen“. Zusammenfassend: Die Geldflut wird die Märkte weiter beschäftigen. Gleichzeitig mahnen die Herrscher des Geldes weiter vor den Folgen der Probleme in den Kreditbüchern der Banken. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel zeigte sich auch aktuell „besorgt über die Verwundbarkeit der Banken und die möglichen Folgen für die Kreditvergabe“. Selbst Bundesbank Vizepräsidentin Claudia Buch sagte am vergangenen Freitag, „private und öffentliche Banken müssten sich auf Solvenzprobleme einstellen“.

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