Klimafreund Biden / Kommentar zu den Folgen der US-Wahl für die Märkte von Alex Wehnert

Nachrichtenagentur: news aktuell
23.10.2020, 20:45  |  155   |   |   
Frankfurt (ots) - Auf grüne Anlagen bedachte Investoren blicken dem Ausgang der
US-Wahlen besonders gespannt entgegen. Denn während die Frage, wer im Weißen
Haus sitzt, für den Gesamtmarkt eher von nachrangiger Bedeutung ist, spielen die
politischen Machtverhältnisse für einige Branchen durchaus eine große Rolle.
Dies zeigt sich an kaum einem Streitpunkt besser als dem Klima- und
Umweltschutz.

Denn der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden will im Falle seines
Wahlsieges dem Pariser Klimaabkommen von 2015 wieder beitreten und gewaltige
Summen für die klimafreundliche Umgestaltung der US-Energieversorgung ausgeben.
Experten erhoffen sich eine Subventionierung privater Investitionen in grüne
Technologien - u. a. für die Anschaffung von Solarzellen für Wohnhäuser.
Da der Großteil der Börsianer mit einem Sieg Bidens zu rechnen scheint und sich
die Märkte auf einen demokratisch dominierten Kongress einstellen, sind die
Aktien vieler Anbieter von grünen Technologien bereits enorm gefragt.

Der Renixx World als globaler Aktienindex für erneuerbare Energien hat seit
Jahresbeginn beinahe 100% an Wert gewonnen. Auch der Dow Jones US Renewable
Energy Equipment Index liegt seit Anfang Januar mit über 50% im Plus. Einzelne
US-Titel wie die Aktie des Solarenergie-Systementwicklers Sunrun oder des
Brennstoffzellproduzenten Plug Power haben sogar Anstiege von über 300%
hingelegt. Dabei stellen sich allerdings die Fragen, ob Bidens
Klimaschutzförderung nicht schon stark in den Kursen eingepreist ist und wie
viel Potenzial die Umsetzung der Pläne des Demokraten bei den Titeln des Sektors
noch freisetzen kann.

Verlierer dürften unter Biden insbesondere die Aktien von Produzenten fossiler
Energien sein - dabei stehen diese im laufenden Jahr infolge des
Nachfrageschocks am Ölmarkt ohnehin schon unter Druck. Die Aktie von ExxonMobil
beispielsweise hat im laufenden Jahr die Hälfte ihres Wertes eingebüßt. Die
Konsolidierung im Sektor dürfte durch die schnellere Integration alternativer
Energien in die Versorgung nach Ansicht von Marktbeobachtern weitergehen.

Auch wenn Donald Trump in der zweiten TV-Debatte am Donnerstag betont hatte, die
Umwelt "zu lieben", dürfte die Abkehr von fossilen Energieträgern unter ihm
ausgebremst werden. Schließlich hat der Präsident dem Pariser Klimaabkommen in
seiner ersten Amtszeit den Rücken gekehrt und Umweltschutzregularien aufweichen
lassen. Inwieweit eine zweite Trump-Präsidentschaft den Abwärtstrend der
Ölaktien stoppen könnte, bliebe abzuwarten, allerdings stünden weniger rapide
Kursrückgänge in Aussicht als unter Biden.

Die bei einem Sieg des demokratischen Kandidaten befürchteten Steuererhöhungen
und verschärften Regulierungen machten Biden gerade vor Aufkommen der
Coronakrise zum Schreckgespenst der Börsianer. Ob, wann und in welcher Stärke
der einstige Vizepräsident solche Maßnahmen durchsetzen kann, hängt aber
wesentlich davon ab, ob die Demokraten den Senat erobern können. Und selbst dann
würden wohl nicht sofort kräftige Steuererhöhungen anstehen, da diese heftig auf
die Gewinne der Unternehmen durchschlagen und die schwächelnde US-Wirtschaft
stark belasten würden. Allerdings muss sich die Pharmaindustrie selbst bei einem
republikanischen Senat wohl auf Eingriffe in die Preisbildung einstellen, was
ihre Aktien belasten dürfte.

Ein Trump-Sieg wäre hingegen gefährlich für in Asien aktive sowie
exportorientierte europäische Unternehmen. Der Amtsinhaber hat bekräftigt, China
für die Corona-Pandemie bezahlen zu lassen, eine weitere Eskalation im Konflikt
zwischen Washington und Peking wäre bei seiner Wiederwahl wahrscheinlich.
Natürlich würden sich die Handelsspannungen auch unter Biden nicht in Luft
auflösen. Möglich ist, dass viele von Trumps Strafzöllen einfach ein neues Label
erhalten - als grüne Maßnahmen. Denn die immer noch niedrigen Umweltstandards
der Volksrepublik dürften dem Klimaschutzfreund Biden nicht schmecken.

(Börsen-Zeitung, 24.10.2020)

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