Aktien Wunschanalyse Plug Power und Wasserstoff

Gastautor: Stephan Heibel
04.11.2020, 13:45  |  1443   |   |   

Meine kurze Analyse zu Plug Power hat so viele Rückmeldungen erzeugt, dass ich den Titel im Rahmen einer Wunschanalyse nochmals ausführlicher vorstelle. Das Fazit bleibt gleich.

 

Die Brennstoffzelle wird als Lösung für Langstrecken-LKWs gesehen: Wo Diesel zu schmutzig und Elektro zu schwach könnte Wasserstoff als Treibstoff eine Nische besetzen. Plug Power ist bestens positioniert, diese Nische zu entwickeln und zu besetzen. Doch der Weg ist weit, wie ich in dieser Wunschanalyse zeige.

Brennstoffzelle: Politik und Automobilkonzerne ziehen an einem Strang

Tesla-Gründer Elon Musk hatte die Autoindustrie gegen sich: Der Elektroantrieb lag bei jedem Autobauer in der Schublade und wurde aus zwei Gründen nicht in die Tat umgesetzt. Zum einen fehlte die Lade-Infrastruktur. Um dieses Problem zu lösen, muss man groß denken – nicht gerade eine Stärke deutscher Konzernchefs. Und zum zweiten wird das komplexe Knowhow und die Produktionsinfrastruktur in Sachen Verbrennungsmotor für den Elektroantrieb nicht mehr benötigt.

Elon Musk hat den Elektroantrieb weltweit salonfähig gemacht, eine Lade-Infrastruktur aufgebaut und technologisch die Elektroverweigerer abgehängt. Die Massenproduktion erfolgt mit Gewinnmargen, die in der Automobilindustrie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen wurden. Tesla ist mehr wert als Daimler, BMW, Volkswagen, General Motors und Ford ... zusammen. Spiel, Satz und Sieg für Tesla.

Der Antrieb mit der Brennstoffzelle ist derzeit vielleicht da, wo der Elektroantrieb vor 10 Jahren war. Alle Autobauer haben bereits Fahrzeuge mit Brennstoffzellenantrieb im Probebetrieb, BMW hat sogar schon vor 15 Jahren eine Kleinserie von 100 7ern verkauft und erfolgreich betrieben. Für die Massentauglichkeit fehle – déjà-vu – die Tankstelleninfrastruktur.

Aufgrund der hohen Komplexität der Brennstoffzelle haben etablierte Automobilhersteller, die an komplexe Systeme gewöhnt sind, ein größeres Interesse an der Brennstoffzelle als am Elektroantrieb. Und damit wird auch die Politik an Bord geholt: Wäre ein grüner Antrieb nicht etwas Wundervolles? Man tankt Wasserstoff und aus dem Auspuff tropft Wasser.

Grüner Wasserstoff

Wirklich umweltfreundlich ist sowohl der Elektroantrieb als auch die Brennstoffzelle nur dann, wenn die Energie, die zum Antrieb benötigt wird, grün hergestellt wird. Auf dem Weg vom Windrad oder von der Solarzelle bis zur Batterie des Elektroautos geht rund ein Viertel der Energie verloren. Mit einem Effizienzgrad von 75% ist die Batterie deutlich besser als die Brennstoffzelle.

Bei der Brennstoffzelle muss erzeugte Energie nämlich zunächst für die Wasserstoffproduktion eingesetzt werden, so dass der Effizienzgrad bei nur etwa 25% liegt. Es werden also drei Windräder benötigt, um ein Fahrzeug mit Wasserstoff so weit zu bringen, wie es beim Elektroantrieb mit einem Windrad gelingt. Und auch Windräder sind nicht frei von Makel.

Die Rechnung ist aber nicht vollständig: Über die Umweltverbrechen zum Abbau der Elemente, die für die Batterieproduktion benötigt werden, gibt es inzwischen unzählige Berichte.

Oder noch anders ausgedrückt: Die Umweltsünden wurden bei unserer auf fossile Energieträger basierenden Gesellschaft vor 100 Jahren begangen. Der neue Elektroantrieb begeht nun weitere Sünden im Rahmen der Batterieproduktion. Und für die Brennstoffzelle müsste unser Land mit Windrädern zugestellt werden, mit allen negativen Folgen für die verbleibende Tierwelt, ganz zu schweigen von den Beeinträchtigungen für die Anwohner.

Bunte Antriebswelt

Tesla hat sich einen Platz in der Automobilwelt erobert, alle Autobauer bringen derzeit eigene Fahrzeuge mit Elektroantrieb auf den Markt. Die Brennstoffzelle spielt derzeit jedoch noch keine nennenswerte Rolle.

Plug Power möchte das ändern. Plug Power möchte das schon seit zwei Jahrzehnten ändern. Aktien von Unternehmen, die mit der Brennstoffzelle experimentierten, sind in den vergangenen zwanzig Jahren immer wieder mal angesprungen, kamen jedoch stets wieder zurück. Die Zeit war noch nicht reif.

Ich denke, die Zeit ist reif für die Brennstoffzelle: Der Erfolg Teslas hat gezeigt, dass die Autowelt nicht statisch ist. Mega-Fusionen in der Autobranche sind ein Zeichen der Schwäche, nicht der Stärke. Autobauer werden dieses Mal mehr Engagement zeigen als beim Elektroantrieb.

Und die Politik steht auch hinter der Brennstoffzelle. Elon Musk hat die Politik weltweit vorgeführt: Ohne nennenswerte politische Unterstützung hat er den Elektroantrieb zum grünen Massenantrieb für die Städte gemacht. Dieses Mal wird die Politik nicht untätig zuschauen, sondern sich selbst überbieten mit Förderprogrammen.

Gabelstapler und Stromgenerator

PlugPower-Produkte
Abbildung 1: Produkte von Plug Power


Plug Power hat die Brennstoffzelle ebenfalls zur Marktreife gebracht: 35.000 Brennstoffzellen wurden bislang verkauft, 15% des US-Wasserstoffverbrauchs werden von Geräten aus dem Hause Plug Power konsumiert. Die beiden Hauptprodukte von Plug Power sind Stromgeneratoren und Gabelstaplerantrieb.

In Lagerhäusern fahren Gabelstapler den ganzen Tag herum und holen Produkte aus den Regalen oder platzieren sie dort. Ein Dieselantrieb verpestet die Luft in der Lagerhalle, elektroangetriebene Gabelstapler müssen immer wieder geladen werden. Gerade zu Stoßzeiten ist das Laden eines Gabelstaplers ein Kostenfaktor. Während der Ladezeit muss ein Ersatz her, vorzugsweise ein weiterer Gabelstapler. Das wird teuer.

Das Betanken mit Wasserstoff dauert nur Minuten. Plug Power rechnet seinen Kunden vor, dass diese Lösung günstiger ist als die Anschaffung eines Ersatz-Gabelstaplers.

Dieselgeneratoren werden zum einen dort genutzt, wo keine Stromleitung verlegt ist. Zum anderen aber auch als Backup für die Stromversorgung: Wenn die Stromversorgung einmal ausfällt, springt in Krankenhäusern, in Produktionsbetrieben und auch bei Rechenzentren ein Dieselgenerator an und versorgt den Betrieb binnen weniger Minuten wieder mit Elektrizität.

CO2-neutral bis 2040

Amazon-Gründer Jeff Bezos hat im vergangenen Jahr angekündigt, sein Unternehmen bis zum Jahr 2040 CO2-neutral zu machen. Die Amazon-Lagerhallen werden ausgestattet mit Gabelstaplern, die mit der Brennstoffzelle betrieben werden. Rechenzentren, die für die Amazon-Cloud AWS betrieben werden, sollen mit Stromgeneratoren von Plug Power ausgestattet werden.

In Analysen zu Plug Power habe ich gelesen, dass Amazon die Stromversorgung seiner Rechenzentren auf die Brennstoffzelle umstellen könnte. Das ist natürlich Quatsch. Nur 1% des Stroms dieser Rechenzentren wird von den lokalen Stromgeneratoren erzeugt. Der Rest kommt aus der Steckdose, also aus Kohlekraftwerken, Gaskraftwerken, Atomkraftwerken, etc. – je nachdem wie der Energiemix vor Ort eben aussieht.

Das Bekenntnis, bis 2040 CO2–neutral zu werden, beinhaltet die Verpflichtung, seine Zulieferer auch in Richtung CO2–Neutralität zu bewegen. Stromversorger, aber auch Logistikunternehmen. Wenn Amazon irgendwann in den kommenden Jahren zu DHL sagt, wir nutzen Euren Dienst nur dann, wenn ihr Eure Lieferwagen CO2–neutral macht, also mit Elektro- oder Brennstoffzellenantrieb ausstattet, dann können Sie davon ausgehen, dass DHL ordentlich in diese Technologien investieren wird.

Nicht nur Amazon, auch Walmart, der zweitgrößte Onlinehändler in den USA, hat gelobt, bis 2040 CO2–neutral zu sein. Home Depot, der größte Innenausstatter der USA, möchte bis 2035 50% des CO2–Ausstoßes verringern. Beides sind große Kunden von Plug Power.

Google, Apple, Microsoft, Facebook, etc. haben allesamt ähnliche Versprechen abgegeben, ihre CO2–Emission innerhalb der nächsten Jahrzehnte auf Null zu bringen, teilweise spricht man von "CO2–positiv": Man möchte mehr CO2 binden, als man im eigenen Unternehmen ausstößt. Und das sind Unternehmen, die auf gigantischen Bar-Reserven sitzen.

Der Weg vom Gabelstapler zum Fernverkehr ist weit

Im Fernverkehr hat der Dieselantrieb heute eine quasi-Monopolstellung. Ich kenne keinen massentauglichen LKW, der nicht mit Diesel angetrieben wird. Jede Menge Brennstoffzellen-Prototypen sind unterwegs. Aber für den Massenmarkt fehlt noch ... na, Sie wissen schon: das Wasserstoff-Tankstellennetz.

Dabei ist der Aufbau eines entsprechenden Netzes weniger teuer als der Aufbau der Ladeinfrastruktur für Elektroautos. Für jede Ladestation müssen Leitungen vom Kraftwerk bis zur Ladesäule neu verlegt werden, damit die Kapazität passt. Für Wasserstoff könnte ein großer Teil der bestehenden Tankstelleninfrastruktur genutzt werden, lediglich Lagerbehälter und Tanksäulen müssten angepasst werden. Wasserstoff-Tank-LKWs würden, genau wie beim Benzin oder Diesel, die Versorgung der Tankstellen sicherstellen.

Doch was wird sich durchsetzen: Diesel, Strom oder Wasserstoff? Nun, Diesel ist derzeit politisch und gesellschaftlich nicht gewollt. Strom kann nur langsam nachgeladen werden. Je intensiver die Nutzung des LKWs, desto mehr spricht für die Wasserstoff-Lösung.

Sollten Elektro-LKWs tatsächlich irgendwann einmal die Reichweite haben, um den ganzen Arbeitstag des LKW-Fahrers durchzuhalten, so wird diese Betrachtung spätestens dann obsolet, wenn die LKWs autonom durch unsere Straßen rollen. Wenn der LKW ohnehin schon ohne Menschen fährt, warum sollte er dann stundenlang zum Aufladen stehen?

Damit verlassen wir jetzt die Finanzmathematik und argumentieren mit ideologischen Zielen. Heute schon in die Brennstoffzelle zu investieren, wo noch nicht einmal absehbar ist, wann autonomes Fahren in der Masse eingesetzt wird, ist ziemlich mutig. Mag sein, dass die Entwicklung in diese Richtung geht. Doch es ist völlig offen, ob Plug Power diese Entwicklung führend vorantreiben wird, oder aber ein anderes Unternehmen irgendwann mit einem besseren Produkt in Führung geht.

Immerhin hat Plug Power ein eindrucksvolles Netzwerk aufgebaut: Zu den Entwicklungspartnern gehören Daimler, BMW, General Motors und Honda. Für die Wasserstoffversorgung kooperiert das Unternehmen mit Linde.

PlugPower-Partner
Abbildung 2: Partner von Plug Power


Bewertung abenteuerlich

Im Jahr 2021 wird Plug Power nach Schätzungen der Analysten 425 Mio. USD umsetzen. Die Marktkapitalisierung beträgt 6 Mrd. USD. Damit notiert das Unternehmen auf einem Kurs/Umsatz-Verhältnis (KUV) von 14. Nein, ein KUV über 2 kann nicht als faire Bewertung betrachtet werden. Da muss es was anderes geben: Wachstum?

Für die kommenden fünf Jahre rechnen Analysten mit einem durchschnittlichen Gewinnwachstum p.a. von 25%. Die Gewinnmarge ist negativ (-27%), damit ist auch die Rule 40 nicht erfüllt. Die Rule 40 wird von Spekulanten angewendet, um ein Wachstumsunternehmen zu identifizieren, für das dann jegliche Bewertungsmaßstäbe ignoriert werden. Dabei muss das Umsatzwachstum plus Gewinnmarge über 40 liegen. Das Umsatzwachstum liegt bei 35%, also 35% +(-27%) = 8% - Plug Power fällt also durch diese Prüfung durch.

Wenn weder die Bewertung, noch das Wachstum passen, bleibt nur noch ein Grund, mit dem die Kaufentscheidung gerechtfertigt werden kann: Religion. Plug Power bedient das Bedürfnis nach sauberer Energie. Das Konzept passt, die ersten Produkte haben sich bewährt und Kunden mit dicken Portemonnaies stehen Schlange. Es hat den Anschein, dass Geld keine Rolle spielt. Wenn drei Windräder benötigt werden, wo zuvor eines ausreichte, dann wird das im Namen des Klimaschutzes eben gemacht.

Die hohe Bewertung von Tesla konnte man über Jahre hinweg nicht rational begründen. Bei Plug Power könnte es ähnlich sein. Doch wer in diese Aktie investieren möchte, der sollte sich dessen bewusst sein. Plug Power muss den LKW-Markt revolutionieren, um in die heutige Bewertung hinein zu wachsen. Bislang bietet Plug Power jedoch noch keine LKWs an.

FAZIT

Es ist ein spannendes Zukunftsthema und in jedem diversifizierten Portfolio ist ein wenig Platz für Spekulationen. Vielleicht legen Sie sich ja mit Plug Power die nächste Tesla ins Depot. Vielleicht verliert das Unternehmen jedoch auch die aktuelle Dynamik, weil eine andere Lösung Politik und Wirtschaft begeistert.


Weitere Wunschanalysen finden Sie unter www.heibel-ticker.de

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Aktien Wunschanalyse Plug Power und Wasserstoff Meine kurze Analyse zu Plug Power hat so viele Rückmeldungen erzeugt, dass ich den Titel im Rahmen einer Wunschanalyse nochmals ausführlicher vorstelle. Das Fazit bleibt gleich: Tolles Unternehmen, aber unheimlich hoch bewertet. Die Details dazu lesen Sie hier.

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