Dr. Holger-Ludwig Riemer Im Gespräch zum Thema „Der richtige Umgang mit Insolvenzen in Zeiten von Corona“ - Seite 2

Gastautor: Seyit Binbir
06.11.2020, 12:27  |  2422   |   |   

 

Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht soll laut des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz den von den Auswirkungen der Covid-19 Pandemie betroffenen Unternehmen Zeit für die Sanierungsbemühungen und Verhandlungen mit den Gläubigern verschaffen. Welche Gefahren gehen hierbei von einer möglichen Insolvenzverschleppung aus?

Von den Lockerungen des Insolvenzrechtes sollen eigentlich nur die Unternehmen profitieren, die zum 31.12.2019 noch nicht insolvenzreif waren. Für diese wird gesetzlich vermutet, dass eine spätere Insolvenzreife auf den Auswirkungen der Corona Pandemie beruht und Aussicht auf deren Sanierung besteht. Aber natürlich gibt es auch Unternehmen, die z.B. infolge jahrelangen billigen Geldes, schon Ende 2019 am Rande der Insolvenz standen und jetzt der Antragspflicht quasi entkommen. Unter Berücksichtigung des großen Nutzens der Aussetzung der Antragspflicht für zigtausende andere betroffene Unternehmen, sind diese Tendenzen der Insolvenzverschleppung aber hinnehmbar. Schlimm wird es werden, wenn die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht ausläuft und eine Welle von Insolvenzen auf uns zu kommt, was nicht unwahrscheinlich ist.

 

Viele Unternehmen der hiesigen Wirtschaft mussten staatliche Zuschüsse und Notfallkredite in Anspruch nehmen, um die Auswirkungen der Krise kompensieren zu können. Wie beurteilen Sie die Verteilung der Hilfsgelder?

Die Hilfsgelder haben bisher grundsätzlich sicher ihren Nutzen gehabt. Die Soforthilfe für Selbständige und Einzelkaufleute war insoweit sinnwidrig, als mit ihr nicht deren Lebensunterhalt finanziert werden durfte. Für größere Unternehmen war selbst der Höchstbetrag in Höhe von 25.000 Euro eher der Tropfen auf dem bekannten heißen Stein. Relevante Kredite über die KfW waren da schon eher bedeutsam. Diese sind aber nicht umsonst und müssen zurückgezahlt werden. Insgesamt sind heute von den bereit gestellten 20 Milliarden Euro erst etwa 5 Milliarden Euro abgerufen worden. Mit dem am 28.10.2020 verhängten Teil-Lockdown hat sich der Bedarf an Hilfsgeldern zur Vermeidung ruinöser Folgen aktuell noch einmal deutlich erhöht. Dies sieht die Politik wohl auch so. Immerhin können die unmittelbar Betroffenen Hilfsgelder bis zu 75 % des Vorjahresumsatzes beanspruchen.

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3 Kommentare

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Kommentare

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09.11.20 10:50:21
Danke für den Mehrwert-Content in der aktuellen Lage. Mir war es nicht bewusst, dass das Insolvenzrecht an die Covid 19 Lage angepasst wurde.
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06.11.20 13:31:32
Ein sehr informatives Interview zu einem höchst aktuellen Thema. Ich finde es gut, dass die Unternehmen welche in Schieflage geraten nicht sofort Insolvenz anmelden müssen sondern die Frist bis Jahresende erhöht wurde. Es ist nun mal so, dass sich die wirtschaftliche Lage wegen der Corona-Pandemie noch nicht durchgreifend verbessert hat.
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06.11.20 12:45:03
Vielen Dank an Dr. Holger-Ludwig Riemer für das ausführliche Experteninterview. Die "Pleitewelle" ist ein großes Thema in der Unternehmensbranche. Das betrifft nun auch vermehrt wirtschaftlich bedeutenden Unternehmen, somit erhöhen sich die Forderungen der Gläubiger auf zweistellige Mrd.-Beträge. Wir bleiben dran und beobachten die Entwicklungen in der Zukunft.

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