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Nach Corona die große Inflation?

Bevor ich am nächsten Mittwoch in meiner Weihnachtskolumne einmal auf eine ganz andere Weise besinnlich werden möchte, hier vorher ein vergleichsweise schnödes Sachthema.

Derzeit ist an den Devisenmärkten Merkwürdiges zu beobachten. Die USA bekommen einen neuen Präsidenten, der sicherlich auch viele Wirtschaftsleute aufatmen lässt, in den USA gibt es im Vergleich zum Euroraum noch Zinsen auf Staatsanleihen, und das Wachstum in den USA ist deutlich besser als bei uns. Trotzdem fällt der Dollar gegenüber dem Euro.

 

Woran kann das liegen? An der Geldpolitik, der Finanzpolitik und den sonstigen Situationen in beiden Wirtschaftsräumen wohl eher nicht, denn die sind gleich chaotisch. Das Geld wird geschöpft so schnell es geht und die Staatshaushalte verschulden sich, als gäbe es kein Morgen.

 

Also was ist los? Ich habe lange überlegt, ohne eine Antwort zu finden. Jetzt bin ich jedoch bei Henrik Müller bei Spiegel-Online auf eine interessante Idee gestoßen. Seine These ist es, dass die USA anfälliger für Inflation ist als die Eurozone.

 

Zwar sei derzeit von Inflation in den USA wenig zu sehen, doch in der Eurozone sind die Werte noch niedriger als in den USA. Und die Prognosen für die kommenden Jahre gehen davon aus, dass die Konsumentenpreise in den USA leicht schneller steigen. Das sehe zwar momentan nicht dramatisch aus, könne aber eben auch komplett anders kommen.

 

Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass derzeit tatsächlich die Inflationsängste in entscheidendem Maße Einfluss auf die Devisenkurse nehmen. Ich halte derartige Ängste jedoch für grundfalsch. Für mich ist es daher ein großer Fehler, die Furcht vor Inflation zum Wegweiser der eigenen Anlageentscheidungen zu machen.

 

Für mich sind Inflationsraten von ein oder zwei Prozent vernachlässigbar. Und eine signifikante Inflation kann es aus meiner Sicht nur in zwei Fällen geben:

 

(1) Wenn die Befürchtung aufkommt, dass die Währung wertlos wird oder ein Währungsschnitt kommt.

 

(2) Wenn es sich um abgeschottete Märkte handelt wie im Rahmen der Waren- und Kapitalverkehrskontrollen der Nachkriegszeit.

 

In beiden Fällen können und werden sich vergleichsweise hohe Inflationen ergeben, in allen anderen Situationen hingegen nicht. Ich glaube, das ist auch historisch gut belegt.

 

Schließlich ist da der internationale Konkurrenzmechanismus, der gleich auf zwei Seiten der Gleichung dazu führt, dass die Inflation nicht hochkommt. Einerseits bleiben die Löhne durch die internationale Konkurrenz niedrig und zweitens sind durch die Warenkonkurrenz deutliche Preissteigerungen ausgeschlossen.

 

Mit der Geldmenge hat das hingegen alles nichts zu tun. Geldmengenerhöhungen wirken auf die Assetpreise, aber nicht auf Konsumgüter. Da ist nur immer die Quantitätsgleichung und die Neoquantitätstheorie von Milton Friedman, die noch in den Köpfen der Ökonomen herumspukt. Und es wird bestimmt noch fünfzig oder hundert Jahre dauern, bis das aus den Köpfen heraus ist. Genauso wie die Überzeugung der Ärzte, man könne einen Patienten durch Aderlass kurieren, ebenfalls nahezu ewig gebraucht hat, aus den Köpfen zu verschwinden,

 

Position (2) oben steht sicherlich bombenfest in der globalisierten Wirtschaft. Und bei (1) mache ich mir derzeit ebenfalls keine Sorgen. Dazu muss ich nur sehen, was der sehr erfahrene Jens Ehrhardt gerade in einem Interview der WELT von sich gegeben hat:

 

Das Beste wäre, sagte er dort anlässlich der gegenwärtigen Schuldensituation, wenn man die Schulden, die bei der EZB liegen, einfach streichen würde. Damit wäre die Bilanz der EZB zwar negativ, aber das hätte keinerlei wirtschaftliche Folgen. Oder man müsse die Schulden einfach auf ewig verlängern, so wie es für Griechenland de facto schon gemacht wurde.

 

Recht hat er, finde ich. Der Rubikon ist ohnehin längst überschritten. Doch es gab damals und gibt heute ein Leben danach. Bilanzen kann doch heute ohnehin niemand mehr lesen. Warum sich daher also Sorgen machen, was dort (nicht) steht?

 

Ich selbst mache mir natürlich Sorgen, doch ich bin ja auch ein Sonderling, ein Eremit und Eigenbrötler. Die Menschen da draußen wissen hingegen nicht einmal, was die doppelte Buchführung ist. Warum sollten sie sich also Sorgen machen, wenn die Verantwortlichen durchweg sagen, dass alles in Ordnung ist.

 

Aus diesen Gründen bin ich fest der Meinung, dass wir sowohl im Dollar- wie im Euroraum weiter in einem eher deflationären Szenario bleiben. Und kaufe mir daher jetzt US-Staatsanleihen. Das ist mir sicherer als meine Liquiditätsreserve bei deutschen Banken zu halten.

 

berndniquet@t-online.de

 

 

 

 

 

 


12 Kommentare
Gastautor: Bernd Niquet
19.12.2020, 08:30  |  8267   |  12   |   

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Kommentare

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24.12.20 08:14:01
Oh, interessant. Ein Weihnachtsgeschenk? Wo?
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23.12.20 14:39:54
Habe mal kurz nachgeschaut - hier gibt es noch 1,7% 😂
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23.12.20 13:48:32
Ich hatte so etwas einmal, das war Mumpitz. Und da man ohnehin nur Staatsanleihen kaufen sollte und alle (!) Staatsananleihen im Euroraum heute negative Renditen haben, stellt sich die Frage aus meiner Sicht gar nicht.
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23.12.20 12:48:57
Sinken die Anleihenkurse bei inflationsgesicherten, wenn Zinsanstieg = Inflationsanstieg? ;)
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23.12.20 12:46:39
Zitat von nobody_VI2020: Bin mir unsicher, wie die Anleihenkurse reagieren, wenn Inflation UND Zinsen steigen.


Wenn die Zinsen steigen, dann sinken die Anleihenkurse. Das ist ein einfacher Dreisatz.

Ich würde aktuell niemals Staatsanleihen von Euroländern kaufen, egal ob mit oder ohne Inflationsschutz.

Disclaimer

Nach Corona die große Inflation? Den Ökonomen geht es heute wie früher den Ärzten, die glaubten, durch Aderlass Krankheiten kurieren zu können