CD Projekt Aktie – Die Wahrheit tut weh

Gastautor: Aktienfinder.Net
25.12.2020, 14:15  |  3170   |   |   

Die CD Projekt Aktie ist weiterhin in aller Munde. Die Berichterstattung über den misslungenen Verkaufsstart des sehnsüchtig erwarteten Computerspiels Cyberpunk 2077 und der daraus folgende Absturz der Aktie um Spitze knapp 50 Prozent liefern Schlagzeile auf Schlagzeile. Man könnte glauben, alles Wesentliche zu dem Thema sei gesagt, der interessierte Leser oder Zuschauer auf YouTube aufklärt und jeder weitere Beitrag überflüssig. Ich fürchte, dass ist leider nicht der Fall.

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Denn die Hintergründe des Kurssturzes der CD Projekt Aktie und deren Bezeichnung als Zocker-Aktie scheint vielen Aktionären und selbst Finanz-YouTubern nicht immer klar. Warum wird die Aktie eines Unternehmens mit einer glänzenden Bilanz, soliden Cash-Flows und einer langfristig betrachtet hervorragenden Kursentwicklung als Zocker-Aktie verunglimpft? Warum bricht der Aktienkurs ein, nachdem CD Projekt innerhalb von nur 11 Tagen über 13 Millionen Exemplare von Cyberpunk 2077 verkauft und damit in Zahlen gemessen den erfolgreichsten Verkaufsstart des Jahres 2020 hingelegt hat?

Zocker-Aktie trotz solider Bilanz

CD Projekt Aktie
Logo
Land Polen
Branche Videospiele
Isin PLOPTTC00011
Marktkapitalisierung 6,1 Milliarden €
Aktienkurs 59,72 €
Dividendenrendite
Stabilität Dividende
Stabilität Gewinn 0,70 von max. 1,0

CD Projekt erfreut sich einer sehr starken Bilanz. Insbesondere der Erfolgstitel „Witcher 3“ spielte von 2015 bis heute viel Geld ein. Zwar sind die Schulden (rote Balken) innerhalb der letzten 2 Jahre von 136 auf 523 Millionen polnischen Zloty gestiegen und hat sich die Schuldenquote (schwarze Linie) von 12 auf 33 Prozent knapp verdreifacht. Das ist aber kein Problem, weil Cyberpunk 2077 dieses und das nächstes Jahr so viel Geld einspielen wird, dass allein damit alle Schulden getilgt werden könnten. Darüber hinaus hatte CD Projekt bereits vor dem Verkaufsstart von Cyberpunk 2077 zum 30.09.2020 fast so viel Geld (braune Balken) auf der hohen Kante wie Schulden insgesamt.

Verschuldung und Tilgungskraft von CD Projekt im Zeitverlauf

Verschuldung und Tilgungskraft von CD Projekt im Zeitverlauf

Wie kann die Aktie eines finanziell so erfolgreichen Unternehmens eine Zocker-Aktie sein? An dieser Stelle bricht für gewöhnlich die Diskussion Für und Wider vom Zaun, ohne dass sich die Streithähne darauf verständigt haben, was eine Zocker-Aktie ausmacht. Eine Zocker-Aktie ist keine Beleidigung des Unternehmens oder derjenigen, die ihr Geld in eine solche Aktie stecken.

Die Bezeichnung Zocker-Aktie weist lediglich auf eine hohe Chance bei hohem Risiko hin.

Es ist damit zu rechnen, dass der Kurs der Aktie deutlich ausschlagen wird – in welche Richtung auch immer. Eine Zocker-Aktie ist deshalb nur für risikofreudige Naturen und ein gut diversifiziertes Depot geeignet. Zudem sollte man in der Lage sein, die Risiken und Chancen so gut wie möglich abzuschätzen. Börsenanfänger tun sich hier verständlicherweise schwer. Während vermeintliche Langeweiler-Aktien wie Unilever fast no-brainer sind, muss man sich mit spekulativen Aktien und den dazugehörigen Unternehmen deutlich intensiver auseinandersetzen.

Darum ist die CD Projekt Aktie riskant

Wer alles auf eine Karte setzt, spielt mit hohem Einsatz. Das bei CD Projekt der Fall. Zwar betreibt das Unternehmen noch die Spieleplattform COG.com, doch dieses Segment spielt seit Jahren kaum nennenswerte Gewinne ein und spielt deshalb faktisch keine Rolle. Wohl und Wehe von CD Projekt hängt vom Erfolg der selbst entwickelten Spiele ab.

Entwicklung des operating Income von CD Projekt nach Segmenten

Entwicklung des operating Income von CD Projekt nach Segmenten (Quelle: FactSet Workstation)

Wohl und Wehe von CD Projekt hängt vom Erfolg der selbst entwickelten Spiele ab. Und davon gibt es nicht allzu viele. Über mehrere Jahre hinweg wird lediglich ein großer Titel (AAA-Titel) entwickelt und vermarktet. Im Jahr 2015 erfolgte die Veröffentlichung von „Witcher 3“ und war ein großer Erfolg. Umsätze und Margen schossen in die Höhe. Doch schon im Jahr 2016 fielen durch rückläufige Verkaufszahlen zunächst die Umsätze und 2018 aufgrund von Rabatten auch die Margen von 53 auf 31 Prozent.

Umsätze und operative Margen von CD Projekt von 2014 bis 2019

Umsätze und operative Margen von CD Projekt von 2014 bis 2019

2019 verkaufte sich „Witcher 3“ entgegen des normalen Trends wieder besser, weil das Spiel auf Nintendo Switch portiert wurde und Netflix „The Witcher“ als Serie veröffentlichte und so die Nachfrage nach dem Spiel wieder anheizte. Verglichen mit dem Jahr 2015 sanken die Umsätze dennoch um 35 Prozent und die operative Marge um 19 Prozent, was zeigt, dass sich selbst ein sehr erfolgreicher AAA-Titel trotz Erweiterungen wie DLC (downloadable content) oder sogar einer Netflix Serie über die Jahre verbraucht.

Ein neuer AAA-Titel muss her, damit Umsätze und Margen wieder steigen. Cyberpunk 2077 soll in die Fußstapfen des Witchers treten und dessen Erfolg übertreffen. Die Abhängigkeit vom Erfolg eines großen Titels macht CD Projekt zum mittlerweile vielzitierten One-Trick-Pony, das stellvertretend sowohl für eine hohe Chance, aber auch ein hohes Risiko, steht. Der Begriff Zocker-Aktie treibt diesen Sachverhalt auf die Spitze und warnt zugleich die Aktionäre, allzu leichtfertig mit ihrem Geld umzugehen.

In meiner kurz vor dem Verkaufsstart von Cyberpunk 2077 veröffentlichten Aktienanalyse hatte ich die CD Projekt Aktie in Betonung auf das hohe Risiko als Zocker-Aktie bezeichnet und riet von einem Kauf der Aktie ab. Im Anschluss an die Veröffentlichung meiner Analyse legte der Aktienkurs um rund 30 Prozent zu, bevor er nach Veröffentlichung von Cyberpunk 2077 innerhalb weniger Tage um knapp fast 50 Prozent einbrach.

CD Projekt - Bezeichnung als Zocker-Aktie und anschließender Kursverlauf

CD Projekt – Bezeichnung als Zocker-Aktie und anschließender Kursverlauf (Quelle: TradingView.com)

Ein solcher Kursverlauf ist exakt das, was eine Zockeraktie ausmacht, und der Hinweis darauf hilfreich, um allen Interessierten das Risiko eines solchen Investments, bzw. Spekulation, vor Augen zu führen.

Sind nicht alle Aktien Zocker-Aktien?

In einem gewissen Rahmen schwanken alle Aktienkurse. Und selbst bei gewöhnlich eher „langweiligen“ Aktien schlagen die Kurse urplötzlich aus. So verlor die Aktie von Johnson & Johnson nach dem wieder aufgeflammten Skandals um asbestverseuchtes Babypuler 18 Prozent. Fresenius kam innerhalb weniger Tage noch stärker unter die Räder verlor 40 Prozent an Wert. Bei Aktien wie Johnson & Johnson oder Fresenius sind so starke Kursschwankungen jedoch die Ausnahme, weil sich deren Geschäftserfolg auf mehrere Segmenten verteilt, deren Entwicklung weitgehend prognostizierbar ist. In Folge können die Marktteilnehmer die Aktie besser einschätzen und werden seltener von Ereignissen überrascht, die zu einer schlagartigen Korrektur des Aktienkurses führen. Zudem sind die Ereignisse einer Korrektur bei solchen Qualitätsaktien in der Regel nicht vorhersehbar. Bei der CD Projekt Aktie hingegen lag als Reaktion auf den Verkaufserfolg von Cyberpunk 2077 eine starke Kurskorrektur in der Luft, wobei offen war, in welche Richtung der Kurs ausbrechen würde.


Schwierige Analyse von Zocker-Aktien

Zocker-Aktien sind fundamental eher launischer Natur, was sich im Aktienfinder an den Stabilitätskennzahlen erkennen lässt. So kommt CD Projekt beim Umsatz trotz langfristigen Umsatzwachstums nur auf +0,6 von maximal 1, während Johnson & Johnson auf +0,97 und Fresenius auf +0,98 kommen.
Die fehlende Stabilität erschwert die fundamentale Analyse von Aktien wie CD Projekt. Wie sagt ein KGV von 126, wenn es im Jahr darauf bei 16 liegt? Was ein Piotroski F-Score von 8, wenn er im Jahr zuvor bei 4 und drei Jahre zuvor bei 9 lag? Was bringen glattgebügelte Durchschnittswerte von Margen oder Steigerungsraten, wenn die Ausschläge innerhalb des gemessenen Zeitraums sehr groß und in Folge unzuverlässig sind.

Piotroski F-Score der CD Projekt Aktie im Zeitverlauf

Piotroski F-Score der CD Projekt Aktie im Zeitverlauf (Quelle: Gurufocus.com)

Die Antwort lautet: nichts. Zocker-Akten sind fundamental zwar zu analysieren, aber die Analyse fällt deutlich schwerer, weil Standardkennzahlen versagen. Ganz wichtig ist bei einer solchen Analyse das Verständnis des Geschäftsmodells. Andernfalls ist es unmöglich, Chancen und Risiken abzuwägen.

Zocker-Aktien für das junge Volk?

Weil wir Menschen gerne möglichst schnell und einfach Geld verdienen, stürzen sich Anfänger gerne auf spekulative Aktien, ohne sich den Gefahren stets bewusst zu sein. Verstärkt wird dieser Trend durch Trading Plattformen, die den Handel mit Wertpapieren, beispielsweise auf dem Handy, leichter machen als je zuvor. Robin Hood muss sich als Mutter aller Smartphone-Billig-Broker in den USA dem Vorwurf stellen, junge Möchtegern-Trader zum Zocken zu animieren – mit allen Konsequenzen, die bereits zu einem spektakulären Selbstmord führten. Flankiert werden die Trading Plattformen von Finanz-Influencern, die als Vorbilder eine aggressive Investmentstrategie vorleben. Ob der Risikohinweis hilft, wenn ein Finanz-YouTuber abfilmt, wie er gerade eine Zocker-Aktie bei seinem Lieblingsbroker kauft, darf bezweifelt werden. Zumal ich davon ausgehe, dass viele Zuschauer auf YouTube, aber Leser von Finanzblogs, junge und zugleich unerfahrene Anleger sind.

Der häufigste Zuschauer auf dem Aktienfinder YouTube-Kanal ist zwischen 25 und 34 Jahre alt. Bei über 30.000 Abonnenten halte ich diese Zahl für halbwegs repräsentativ.

Das Alter der Zuschauer auf dem Aktienfinder YouTube-Kanal

Das Alter der Zuschauer auf dem Aktienfinder YouTube-Kanal

Ich befürchte, dass der Fokus auf spekulative Aktien der Aktienkultur einen Bärendienst erweist, was sehr bedauerlich wäre, weil Aktien eine der wenigen Anlageformen sind, um der schleichenden Enteignung des vielleicht noch jahrelang anhaltenden Nullzinses zu entgehen.

Doch nun zurück zu CD Projekt und der zweiten Frage.

Der erfolgreichste Verkaufsstart des Jahres ein Flop?

Nach dem Verkaufsstart am 10.Dezember wurden innerhalb von 11 Tagen über 13 Millionen Exemplare von Cyberpunk 2077 verkauft. Im Vergleich mit den Verkaufszahlen anderer Titel deutlich mehr und unternehmerisch ein großer Erfolg. So wurden die Produktionskosten inklusive Marketingaufwand bereits durch die 8 Millionen Vorbestellungen mehr als eingespielt.

Dennoch ist der Aktienkurs gefallen. Denn sowohl die Analysten als auch der Markt hatten mehr erwartet. Stand 20.Dezember lagen die Verkaufszahlen mit rund 13 Millionen deutlich unter der Konsensschätzung der Analysten. Deren durchschnittlicher Schätzwert lag für diesen Zeitraum bei 16,4 Millionen Verkäufen und damit 26 Prozent darüber. Für das ganze Jahr 2020 lag die Spannweite der geschätzten Abverkäufe zwischen 18 bis 25 Millionen. Realistisch sind nun „lediglich“ 14 bis 16 Millionen Verkäufe. Betriebswirtschaftlich gesehen ist Cyberpunk 2077 schon heute ein voller Erfolg. Aus Aktionärssicht ist dasselbe Spiel aufgrund bisher verfehlter Erwartungen jedoch ein Flop.

Wie geht es weiter?

Die verfehlten Erwartungen sind das eine. Darüber hinaus drohen weitere Risiken, die den Aktienkurs belasten. Aufgrund zahlreicher Bugs bis hin zur Unspielbarkeit auf den sogenannten Last Generation Konsolen sind ungeplante Nacharbeiten seitens der Entwickler von CD Projekt notwendig. Dieser Mehraufwand kann zur Verschiebung von Folgeprojekten führen und damit zu niedrigeren Unternehmensgewinnen in den Folgejahren. So könnte sich:

  • die Next Generation Edition von 2021 auf 2022 verschieben
  • Cyberpunk 2077 online von 2022 auf 2023 verschieben
  • der nächste AAA-Titel von 2024 auf 2025 verschieben

Spannungen zwischen dem Management und den Entwicklern wegen des unglücklichen Verkaufsstarts und der Belastung durch Überstunden könnten darüber hinaus zu erhöhten Kündigungen und damit zu weiteren Verzögerungen führen.

Auch kann heute niemand vorhersehen, wie die Spieler-Community auf den verkorksten Verkaufsstart reagiert, das heißt, ob Cyberpunk 2077 nachhaltig geschädigt ist oder nicht. Erneut bleibt dir als möglicher Käufer der Aktie nichts anderes übrig, als Chancen und Risiken gegeneinander abzuwägen. Dabei ist aber schon viel gewonnen, wenn dir bewusst ist, warum man die CD Projekt Aktie als Zocker-Aktie bezeichnen kann und warum der Aktienkurs trotz Rekord-Verkaufszahlen gefallen ist. Wie zuvor wünsche ich allen Investierten steigende Kurse und einen unterhaltsamen Zock all jenen, die das Spiel in Händen halten. Im Aktienfinder erwarten dich zwar auch Zocker-Aktien, aber in erster Linie Aktien von Unternehmen mit zuverlässiger steigenden Gewinnen, die zwar nicht für den Jackpot, aber hervorragend für den langfristigen Vermögensaufbau geeignet sind.

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