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Banking 2.0 Finanzsystem auf der Blockchain: Decentralized Finance (DeFi) ist "erst am Anfang" - Julian Hosp im Gespräch

22.03.2021, 14:05  |  11694   |   |   

Julian Hosp, Gründer des Krypto-Start-ups Cake, spricht mit wallstreet:online über die rasante Entwicklung des Decentralized Finance-Sektors, unseriöse Geschäftsmodelle und das Thema Krypto-Regulierung.

wallstreet:online: Decentralized Finance (kurz DeFi) verspricht, Finanzgeschäfte aller Art transparenter, sicherer und günstiger zu machen. Wie funktioniert das genau?

Dr. Julian Hosp: Zuerst einmal sollten wir vielleicht den Begriff „Decentralized Finance“ definieren, denn darin liegt bereits ein Teil der Antwort auf die Frage verborgen. „Decentralized Finance“ ist der Oberbegriff für jedwede Art von Finanzdienstleistung, die ohne Zuhilfenahme eines zentralen Akteurs, über eine dezentrale Plattform – wie beispielsweise der Blockchain – abgewickelt werden. Da nun alle Transaktionen, angefangen von Ein- und Auszahlungen bis hin zu Tauschvorgängen, lückenlos auf diesem dezentralen Kontenbuch verbucht werden und somit für Außenstehende jederzeit einsehbar und transparent nachvollziehbar sind, kann DeFi als logischer evolutionärer Schritt in Richtung eines Finanzsystems 2.0 angesehen werden, in dem alle Transaktionen peer-to-peer ablaufen und zentrale Institutionen (komplett) vermieden werden.

Bei einer klassischen Banktransaktion verdienen alle beteiligten Finanzinstitutionen kräftig mit und leiten diese Gebühren dann an den Endverbraucher – den Bankkunden – weiter. Da nun eine peer-to-peer getätigte Transaktion nie durch ein klassisches Bankennetzwerk geleitet wird, fallen auch all diese Gebühren nicht an. Das Einzige, das dem Benutzer in Rechnung gestellt wird, sind die Netzwerkgebühren der Blockchain, die jedoch abhängig von der zugrundeliegenden Blockchain stark divergieren können. Dennoch – und vor allem bei größeren Beträgen – ist der monetäre Vorteil von DeFi-Produkten einfach unschlagbar.

Auch im Bereich der Sicherheit sind dezentrale Finanzanwendungen ihren zentralisierten Pendants überlegen. Erst letztes Jahr hat beispielsweise die österreichische FMA, die damalige Commerzialbank in Konkurs schicken müssen, weil Gelder veruntreut wurden. Dies kann im Bereich der DeFi insofern nicht passieren, da jeder Benutzer stets die alleinige Verfügungsgewalt über all seine finanziellen Mittel hat. Alles läuft auf das Schlagwort „Not your keys, not your coins“ hinaus. Egal wer die Schlüssel zu deinem Wallet hat, hat auch ungehinderten Zugriff darauf. Es obliegt also jedem Benutzer selbst dafür zu sorgen, dass diese Schlüssel so sicher wie möglich aufbewahrt werden.

wallstreet:online: Werden sich die traditionellen Banken ihr Geschäftsmodell einfach so wegnehmen lassen?

Hosp: Wir befinden uns erst ganz am Anfang einer langen Reise – DeFi ist erst so richtig letztes Jahr „Mainstream“ geworden – und vieles ändert sich beinahe täglich. Dennoch halte ich es wie Mark Cuban, dem Besitzer der Dallas Mavericks und gleichzeitig ein starker Befürworter von DeFi, der über kurz oder lang keinen Weg an einer DeFi-Regulierung vorbeiführen sieht. Einige der traditionellen Banken, die bereits jetzt schon kryptoaffin sind, werden dann wahrscheinlich versuchen ein Stück davon abhaben zu wollen, wohingegen andere, eher klassisch orientierte Banken, sich unweigerlich neue Geschäftsfelder suchen werden müssen. Wie lange dieser Prozess sich aber hinziehen wird, hängt auch maßgeblich von der Lobbyingarbeit der Banken in Brüssel und Washington ab. Dennoch ist jedoch davon auszugehen, dass sich klassische Banken nicht wehrlos ihr Kerngeschäft wegnehmen lassen werden.

wallstreet:online: Die meisten DeFi-Produkte laufen auf der Ethereum Blockchain. Können smarte Investoren also mit ETH auf die Zukunftsbranche DeFi wetten?

Hosp: Das stimmt! Die Mehrheit der DeFi-Anwendungen laufen aktuell auf der Ethereum Blockchain, wobei man bereits erste Tendenzen erkennen kann, dass es vermehrt zu einer Abwanderung auf konkurrierende Plattformen kommt. Der Grund hierfür liegt in den mitunter horrenden Transaktionsgebühren auf der Ethereum Blockchain begraben. Sehr oft kommt es sogar vor, dass Anwender hunderte von US-Dollar Transaktionskosten für Transaktionen, die andererseits auch nicht viel mehr als diese Transaktionsgebühren wert sind, bezahlen müssen. Auf lange Sicht und vor allem, wenn sich Menschen außerhalb des Kryptobereichs angesprochen fühlen sollen, kann das nicht gut gehen. Bis jetzt spielt Ethereum noch sehr gut seinen First-Mover-Vorteil aus, aber schnellere Blockchains mit günstigeren Transaktionskosten stehen bereits in den Startlöchern um Ethereum den Rang abzulaufen.

Jedoch ganz abschreiben darf man Ethereum dennoch nicht, denn die Blockchain befindet sich gerade in einer großen Umbruchphase. Wenn sich die Community auf die vorgeschlagenen Änderungen verständigen kann, dann würde dies eine enorme Verbesserung der immanenten Transaktionskostenproblematik bedeuten und würde unweigerlich die Vormachtstellung von Ethereum im DeFi-Berech festigen.

wallstreet:online: Ein Boom wie derzeit bei Krypto-Geschäften lockt immer auch Betrüger an. Wie können interessierte Anleger ein unseriöses DeFi-Geschäftsmodell erkennen?

Hosp: Ich persönlich verwende eine Fünf-Punkte-Checkliste, um seriöse von unseriösen Geschäftsmodellen zu unterscheiden. Zuallererst schaue ich mir dabei immer die angepriesene Rendite an. Wenn sich diese jenseits von ökonomisch vertretbaren, um die Varianz bereinigte, Renditen bewegen, dann heißt es Finger weg! Einfach den gesunden Hausverstand walten lassen und sich fragen, ob diese Renditen eigentlich auch erwirtschaftet werden können und wenn, dann wie?

Der nächste Aspekt, der mich am Geschäftsmodell interessiert, ist die Vertriebsstruktur. Sollte es sich um ein MLM-Modell handeln, so gehen bei mir schon alle Alarmglocken an und ich lasse sofort die Finger davon. Dies sollte jedoch nicht mit einem Affiliate-Programm oder Kundengewinnungsprogramm verwechselt werden, bei dem man beispielsweise einen Anreiz für die Registrierung erhält.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass – vor allem im dezentralen Finanzbereich – auch wirklich alle versprochenen Transaktionen sich nachweislich auf der Blockchain befinden. Somit muss es möglich sein jedwede Transaktion von zu Hause aus mit einer Internetverbindung transparent nachvollziehen zu können.

Als vorletzten Punkt schaue ich mir die Transparenz der Webseite und die Provenienz selbiger an. Wichtig ist mir hierbei, dass die Website nicht erst kürzlich erstellt wurde und in keiner – nennen wir es einmal – Steueroase registriert ist.

Mein letzter Checklisten-Punkt geht Hand in Hand mit dem zuvor genannten, denn auch das Team und dessen Integrität ist mir äußerst wichtig. Sind die angegebenen Personen – vor allem im digitalen Zeitalter – weder auf LinkedIn, Xing, etc., noch durch andere frühere Projekte auffindbar, dann mangelt es meines Erachtens an Transparenz und führt zu einer sofortigen Deklassifizierung als Investmentprojekt.

wallstreet:online: Kryptowährungen haben in den vergangenen Monaten teilweise eine rasante Entwicklung erlebt. Schadet die Volatilität von Bitcoin & Co. den DeFi-Produkten?

Hosp: Dies pauschal mit Ja oder Nein zu beantworten wäre nicht seriös, denn ähnlich wie bei klassischen Anlageprodukten, gibt es auch im Bereich der Decentralized Finance, Produkte, die auf eine hohe Volatilität ausgelegt sind und besonders gut in einem solchen Marktumfeld performen. Sehr wichtig in dieser Debatte ist jedoch auch ein weiterer, integraler Bestandteil von DeFi-Produkten, nämlich Stablecoins. Diese erlauben es Nutzern in volatilen Zeiten in einen sicheren Hafen zu flüchten, da sie an Fiat-Geld – meistens den US-Dollar – gekoppelt sind. Aber sie dienen hierbei nicht nur als Volatilitätsschutz, sondern generieren auch Renditen jenseits der fünf Prozent p.a. – was im aktuellen Zinsumfeld einmalig ist.

Somit kann festgehalten werden, dass der DeFi-Bereich innerhalb eines guten Jahres sich bereits so weit weiterentwickelt hat, dass er für jeden Risikotyp ein passendes Angebot bereithält. Risikofreudige Nutzer können somit in neue Projekte etwa im Bereich des „Liquidity Minings“ investieren, wohingegen risikoaverse Personen eher auf weniger volatile Coins oder gar Stablecoins setzen können.

wallstreet:online: Welche Gefahr bedeutet eine mögliche staatliche Regulierung für das DeFi-Business?

Hosp: Die größten Auswirkungen einer potenziellen Regulierung sehe ich persönlich vor allem im Bereich von semi-dezentralen Projekten, die ungehindert „vom Netz“ genommen werden könnten. Betrachtet man hierzu beispielsweise eine der beliebtesten dezentralen Börsen – Uniswap –, dann läuft dort der Tauschprozess zwar dezentral und peer-to-peer ab, aber die eigentliche Tauschbörse befindet sich auf einem zentralen Server, der jederzeit (behördlich) abgeschaltet werden kann.

Eine weitere Gefahr für die Prosperität des DeFi-Bereichs wäre dann gegeben, wenn unnötige Eintritts- und Austrittsbarrieren in das jeweilige DeFi-Ökosystem geschaffen werden. Man denke hierbei einfach nur daran, die Einzahlungen in ein DeFi-Projekt, oder die Auszahlungen, nach erfolgreicher Konvertierung, zu verbieten. Sollte dies geschehen, dann kommt es unweigerlich zu einer Abwertung der betroffenen Coin(s) und zur womöglichen Insolvenz des Projekts.

Im Endeffekt sehe ich aber keinen Weg an einer gemäßigten Regulierung vorbei. Einzelne Aspekte der dezentralen Finanz werden über kurz oder lang – zumindest in einigen Ländern – unterschiedlich stark reguliert werden. Eine koordinierte und länderübergreifende Aktion sehe ich jedoch nicht. Solange es die Regierungen nicht schaffen Steueroasen trocken zu legen, so lange werden wir auch keine einheitlichen Regeln im DeFi-Bereich sehen.

wallstreet:online: Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte: Julian Schick, wallstreet:online Zentralredaktion


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