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Zehn Jahre WGBU-Hauptgutachten "Welt im Wandel - Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation" - eine konstruktive Kritik und ein Blick auf die Veränderungsdynamik der vergangenen 10 Jahre

Nachrichtenagentur: news aktuell
07.04.2021, 14:30  |  163   |   |   

Berlin (ots) - Gestaltung von Transformationsprozessen bedarf der Kenntnis von
Zeiten und Eigendynamiken betroffener Systeme

Heute vor zehn Jahren hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung
Globale Umweltveränderungen (WBGU) das Hauptgutachten Welt im Wandel -
Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation veröffentlicht. Das Gutachten
stieß damals als Impulsgeber für eine Transformation hin zu einer nachhaltigen
Welt auf viel Resonanz. Was von den geforderten Veränderungen umgesetzt wurde
und wie der Bericht zu beurteilen ist, zeigt das aktuelle Diskussionspapier
"Grundlagen sozial-ökologischer Transformationen: Gesellschaftsvertrag, Global
Governance und die Bedeutung der Zeit. Eine konstruktive Kritik des
WBGU-Gutachtens "Welt im Wandel - Gesellschaftsvertrag für eine Große
Transformation" des ZEW Mannheim zusammen mit der deutschen Energie-Agentur
(dena) und Autoren der Universität Heidelberg.

Das Diskussionspapier nimmt unter die Lupe, was sich in den vergangenen zehn
Jahren verändert hat und inwiefern damalige Kernforderungen des WBGU-Gutachtens
dabei eine Rolle gespielt haben. Ziel des Gutachtens war es, den Grundstein für
eine Welt des nachhaltigen Wirtschaftens zu legen. Dazu formulierte es einen
Katalog dringend notwendiger Veränderungen, um eine Große Transformation
anzustoßen, die ähnlich umfassend sei, wie der Übergang von der Agrar- zur
Industriegesellschaft in der Industriellen Revolution. Dazu sollten ein globaler
Gesellschaftsvertrag etabliert und umfassende nachhaltige Politiken innerhalb
von zehn Jahren - also bis heute - umgesetzt werden.

Weder die Etablierung eines globalen Gesellschaftsvertrages noch die hohen
Erwartungen an eine Global Governance haben die klimapolitischen Erfolge des
vergangenen Jahrzehnts entscheidend geprägt. Diese Erwartungen scheiterten an
ihrer mangelnden Umsetzbarkeit. Die Vereinbarung der Pariser Klimaziele 2015 und
die nachfolgenden erfolgreichen Maßnahmen konnten ihre Wirkung vielmehr deshalb
entfalten, weil sie sich von Forderungen dieser Art verabschiedet hatten. So
zeigt das Diskussionspapier auf, dass im Pariser Abkommen der Top-Down Ansatz
durch einen Bottom-Up-Ansatz ersetzt wird. Auf diese Weise wird den beteiligten
Staaten ermöglicht, ihren Weg zur Erreichung der Ziele selbst zu wählen und zu
gestalten.

Verständnis von Zeit entscheidend

Zentral für die Beurteilung der Herangehensweise des WBGU an die Gestaltung von
Transformationen ist dessen Verständnis von Zeit. Für den WBGU gibt es nur eine
lineare, homogene Zeit, die gleichermaßen für die Natur und für alle
Gesellschaften gilt. Dieses verkürzte Verständnis von Zeit führt dazu, dass
innerhalb der Dynamiken von Natur, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft weder
Handlungsmöglichkeiten noch Handlungsbeschränkungen realistisch eingeschätzt
werden können. Indem nur darauf geschaut wird, dass die Uhr sprichwörtlich auf
"5 vor 12" steht, rücken Fragen nach der politischen und ökonomischen
Umsetzbarkeit der notwendigen Maßnahmen in der vorgegebenen Zeit ebenso in den
Hintergrund, wie die Herausforderung, innerhalb kurzer Zeit gesellschaftliche
Akzeptanz für diese Maßnahmen zu gewinnen. Entscheidend für Umwelt- und
Klimapolitik ist es, dass die ökologischen, ökonomischen und sozialen
Zusammenhänge von Eigenzeiten geprägt sind. Das bedeutet, dass soziale,
ökonomische und ökologische Prozesse über eigene Dynamiken, Zeitstrukturen und -
bedarf verfügen. Die demokratische Mehrheitsfindung für Maßnahmen bedarf einer
gewissen Zeit, der Umbau eines Energiesystems braucht selbst in einer modernen
Gesellschaft Jahrzehnte und auch die Entwicklung neuer, klimafreundlicher
Technologien braucht seine Zeit - ganz zu schweigen von Veränderungen in
ökologischen Systemen.

Diese Eigenzeiten müssen berücksichtigt werden, um gute Lösungen für
klimapolitische Herausforderungen zu finden, die den komplexen Anforderungen
gerecht werden. Damit wird deutlich, dass es sich bei der Gestaltung einer
nachhaltigen Wirtschaft nicht um eine Große Transformation handelt. Vielmehr
arbeiten unterschiedliche Akteure an unterschiedlichen Orten mit
unterschiedlichen Geschwindigkeiten an vielen sozial-ökologischen
Transformationen, die es zu verstehen und zu gestalten gilt. Aus dieser Analyse
lässt sich nicht nur eine Perspektive für die vor uns liegenden
Herausforderungen ableiten, sondern auch Hoffnung, dass diese erfolgreich
bewältigt werden können.

Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung und einer der Koautoren
des Diskussionspapiers: "Die Autoren des WBGU-Berichts sind wesentliche Treiber
von Energiewende und Klimaschutz. Aus heutiger Sicht lohnt sich im Nachhinein
eine konstruktiv-kritische Analyse dieses vielfach wahrgenommenen und
diskutierten Berichts. Gerade mit Blick auf alles das, was wir uns für die
Zukunft vorgenommen haben, ist es wichtig, zurück zu schauen. Dabei werden die
wirklichen Dynamiken erkennbar und man sieht, welche Festlegungen diesen
vielleicht im Wege stehen. Für den Blick nach vorne gilt es, den Blick frei zu
machen auf die tatsächliche Vielfältigkeit der Veränderungsdynamik und auf die
damit verbundenen Erfordernisse für Ökonomie, Wissenschaft, Politik und
Gesellschaft. Der Weg in Richtung Klimaneutralität erfordert die Mühe, sich mit
der ganzen Dynamik komplexer Systeme auseinanderzusetzen.

Der Blick auf die vergangenen zehn Jahre zeigt, wie dynamisch und verästelt
Energiewende und Klimaschutz sind. Mit dem Begriff der "Großen Transformation"
allein lässt sich das nicht fassen. So bedeutende Impulsgeber wie Greta Thunberg
finden in einem solchen Konzept keine angemessene Berücksichtigung."

Download Diskussionspapier: "Grundlagen sozial-ökologischer Transformationen:
Gesellschaftsvertrag, Global Governance und die Bedeutung der Zeit. Eine
konstruktive Kritik des WBGU-Gutachtens "Welt im Wandel - Gesellschaftsvertrag;
(https://www.dena.de/fileadmin/user_upload/Diskussionspapier_Grundlagen_sozial-o
ekologischer_Transformationen._Eine_konstruktive_Kritik_des_WBGU-Gutachtens_dp21
034.pdf) von Reiner Manstetten, Universität Heidelberg; Andreas Kuhlmann, dena;
Malte Faber, Universität Heidelberg und Marc Frick, ZEW.

Pressekontakt:

Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena), Irene Beringer, Chausseestraße
128 a, 10115 Berlin
Tel: +49 (0)30 66 777-114, Fax: +49 (0)30 66 777-699, E-Mail:
mailto:beringer@dena.de, Internet: http://www.dena.de

Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/43338/4883128
OTS: Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena)



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