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Der Quatsch mit den Fakten

Gastautor: Bernd Niquet
01.05.2021, 08:30  |  835   |   |   

Im Anschluss an meine Kolumne über die Siegermächte bin ich kritisiert worden, dass es falsch sei, in Gelddingen emotional zu handeln.

Natürlich ist es Quatsch, sich rein emotional zu verhalten, doch sich nach den Fakten zu richten, ist ebenso Quatsch.

 

 

Fakten können nämlich nach ihrem Bekanntwerden nicht mehr als Entscheidungsgrundlage dienen, weil sie in den Kursen bereits enthalten sind. Sie sind sowohl dem Käufer als auch dem Verkäufer bekannt und daher schnurz.

 

Die Fakten haben keine Bedeutung, wenn dann die Einschätzung der Fakten. Die Einschätzungen von Fakten sind nämlich etwas anderes als die Fakten selbst. Sie liegen gleichsam eine Stufe höher. Sie sind der Blick von oben auf die Fakten.

 

Und sie differieren zwischen Käufer und Verkäufer, ja sie müssen sogar differieren, ansonsten wäre ja ein Handel in Aktien unmöglich.

 

Sind wir damit also am Ziel angelangt und haben das entscheidende Kriterium, nach dem wir uns richten sollten? Ich bin da strikt anderer Meinung. Ich treffe nämlich meine Entscheidungen immer aus einer Laune heraus. Und ich finde das gar nicht Quatsch.

 

Ich möchte daher gerne einmal versuchen, hier und heute daraus eine Theorie zu entwickeln. Die vielleicht sogar allgemeingültig ist und damit über die Börse hinausgeht.

 

Ich denke, die Tatsache, dass Menschen gleichartige Fakten oder generell Dinge komplett unterschiedlich sehen können, liegt in der Differenz zwischen dem Haben und dem Sein. Wir können alles, was Menschen tun, entweder in der Kategorie des Besitzes einer Sache fassen oder anhand der Entwicklung des Seins des Menschen selbst.

 

Als ich zum ersten Mal auf dieses Thema gebracht wurde, ist bestimmt vierzig Jahre her. Da hat der US-Börsianer George Goodman, der unter dem Pseudonym Adam Smith über die Börsen schrieb, den wundervollen Satz gebracht: Es gibt viele Wege, um herauszufinden, wer man selbst ist, derjenige über die Börse ist jedoch mit Abstand der teuerste.

 

Damals habe ich das nicht verstanden. Schließlich weiß ich doch, wer ich bin. Was soll das also? Später dann wurde dieser Satz allerdings zu meinem Leitfaden.

 

Denn es kommt anscheinend bei allen Entscheidungen an der Börse wie im Leben generell nicht nur darauf an, was man macht, sondern auch, was und wer man ist. Es lässt sich alles aus zwei vollkommen unterschiedlichen Perspektiven heraus betrachten.

 

Ich kann ein Wissen erworben HABEN, ich kann aber auch erfahren SEIN. Der Unterschied scheint gering zu sein, er ist es jedoch nicht.

 

Krankheit ist ein gutes Beispiel, um das zu demonstrieren. Eine Krankheit kann ich als etwas verstehen, dass ich mir eingefangen HABE. Ich kann sie jedoch auch so begreifen, dass sie zu mir gehört, dass ich krank BIN.

 

Daraus folgen dann nicht nur komplett verschiedene Diagnose-und Therapieverfahren, hier existieren vielmehr zwei völlig unterschiedliche philosophische und wissenschaftliche Ansätze. Krankheit kann ich als etwas betrachten, was außerhalb des Menschen existiert und auf ihn überspringen kann, dann ist sie ein Objekt. Ich kann sie jedoch auch als (temporäre) Eigenschaft eines Menschen sehen, dann gehört sie untrennbar zum Subjekt.

 

Doch zurück zur Börse. Füge ich Wissen auf Wissen, werde ich klug. Dann weiß ich enorm viel über das, was an der Börse und in der Welt da draußen geschieht. Ich häufe also gleichsam den Besitz (=HABEN) an Wissen an, ich habe lauter informelle Objekte um mich herum, bleibe jedoch als Subjekt unverändert.

 

Das ist etwas komplett anderes als der zweite Weg, in dem das Wissen zu Erfahrungen wird, die den Menschen selbst verändern. Er ist (=SEIN) dann ein anderer als vorher.

 

Und was bedeutet nun der Unterschied? Ich denke, fast eine ganze Welt, denn es geht hier um nichts Geringeres als um eine total verschiedene Thematisierung von Menschen und damit auch um nichts Geringeres als die Selbstreflexion des Menschen.

 

Und der praktische Nutzen? Auf den ersten Blick, denke ich, man kann erkennen, warum so oft Fehler wiederholt werden und warum es auch durchaus zielführend sein kann, intuitiv zu handeln.

 

Und kommt man noch weiter? Die Forschungsrichtung der Zukunft, so male ich es mir aus, könnte darin liegen, an den ganzen tagtäglich auftretenden Ereignissen an der Subjekt-Objekt-Schwelle anzusetzen. Und zu versuchen, diese Spaltung, die überall im Menschen Spuren hinterlässt, die aber bisher von niemandem wirklich verstanden und gedeutet werden konnte, in irgendeiner Weise zu thematisieren.

 

 

Bernd Niquet

 

berndniquet@t-online.de

 

 




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