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Die größten Risiken am Markt Crash-Alarm: Tanzen wir auf einer Rasierklinge? – Viel mehr Aktienkäufe auf Pump

22.09.2021, 17:10  |  19139   |   |   

An der Wall Street ist das Kreditvolumen für Aktienkäufe enorm gestiegen. Wie groß ist die Gefahr dieser „spekulativen Aktienblase“, wie Hedgefonds-Manager Mike Burry schon im Mai meinte? Antworten!

Anfang Mai schrieb das Handelsblatt von einer "Party auf Pump: In den USA steigt mit den Aktienkursen das Risiko für eine große Korrektur". Darin werden die Risiken des Kreditvolumen für US-Aktienkäufe von "822 Milliarden US-Dollar" besprochen. Jetzt zeigen die neuesten Finra-Daten aus dem Juli – nach einem Rekordwert von rund 882 Milliarden US-Dollar im Juni - ein Kreditvolumen für Aktienkäufe von rund 844 Milliarden US-Dollar an. Das entspricht einer Steigerung von rund 38 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert.

Wir haben bei führenden Kapitalmarkt-Experten nachgefragt: Wie schätzen Sie die Gefährlichkeit des deutlich angestiegenen Volumens von Sollsalden auf Wertpapier-Margin-Konten von US-Aktionären ein? Ist das eine "spekulative Aktienblase", wie der prominente Hedgefonds-Manager Mike Burry bereits im Mai Journalisten in den Schreibblock diktierte? "Tanzt der Markt hier auf einer Radierklinge?", wie Burry fragte.

Vontobel

"Meiner Meinung nach ist dies ein weiteres gefährliches Problem im Zusammenhang mit der insgesamt übermäßigen Empfindlichkeit der US-Wirtschaft gegenüber den beiden wichtigsten Vermögenswerten: Immobilienpreise und Aktienkurse", meint Matthew Benkendorf, CIO Quality Growth Boutique, bei Vontobel. "Margin Leverage verstärkt das negative Ergebnis eines Rückgangs der Aktienkurse in Bezug auf die Höhe der Ersparnisse und das Verbrauchervertrauen. Dies erschwert den gefährlichen Balanceakt der Fed, den sie hier zu vollziehen versucht, und die negativen Aspekte einer leider so finanzbasierten Wirtschaft in den USA", erklärt Benkendorf.

NORD/LB

Tobias Basse, Analyst bei der NORD/LB hält fest, dass "das KGV des S&P 500 auf Basis der Konsensgewinnschätzung für das Gesamtjahr 2021 im Bereich von 22 (!)" läge. Hier könne ohne Zweifel von einem ambitionierten Bewertungsniveau gesprochen werden. "In diesem Umfeld liegt die Frage nach spekulativen Preisblasen natürlich nahe", räumt Basse ein. Allerdings dürften Schwierigkeiten durch kreditfinanzierte Aktienkäufe aber wohl "nur als ein kleinerer Teilaspekt des sich inzwischen möglicherweise abzeichnenden Problems angesehen werden", so der NORD/LB-Experte.

"Es ist vor allem die sehr lockere Geldpolitik der US-Notenbank, die das Risiko einer sogenannten Asset-Preis-Inflation auslöst. Eine solche Asset-Preis-Inflation würde nicht nur den Aktienmarkt betreffen - sondern auch andere Asset-Klassen (z.B. Immobilien und High-Yield-Anleihen)! (…) Nach den Erfahrungen ab dem Jahr 2008 haben einige hochrangige Fed-Offizielle momentan ganz offenkundig regelrecht Angst vor einer Immobilienkrise 2.0", sagt Tobias Basse im Gespräch mit der wallstreet:online Zentralredaktion.

DekaBank

Für den Leiter Kapitalmärkte und Strategie der DekaBank, Joachim Schallmayer, sind mehr Aktienkäufe auf Pump zwar ein nicht zu unterschätzender Gefahrenherd, aber kein Grund, um bei lauteren Alarmsignalen aus dieser Richtung gleich hektisch zu werden: "Steigende Sollsalden auf Wertpapierkonten sind ein klares Anzeichen dafür, dass die Risikobereitschaft unter Anlegern ansteigt. Dies muss nicht notwendigerweise zu einem unmittelbaren Problem an den Aktienmärkten führen, da der Prozess steigender Salden lange anhalten kann und die Größe als Timing-Indikator für die Aktienkurse recht wenig taugt", analysiert Schallmayer.

Gleichwohl deuteten die Kreditvolumen auf die gewachsene Sprengkraft im schlimmsten aller Fälle hin: "Auch wenn die Sollsalden als Timing-Indikator kaum eine Aussagekraft haben, so sind sie ein unglaublich wichtiger Indikator um abzuschätzen, welche Risiken sich im Falle einer Trendwende am Aktienmarkt entladen könnten und diesbezüglich sind die aktuellen Niveaus tatsächlich als ein Warnsignal zu interpretieren. Im Fall einer Korrektur am Aktienmarkt, würden die hohen Sollsalden Kursrückgänge verstärken. Je höher der Anteil der auf Kredit erworbenen Aktienanteile, desto größer das Risiko, dass Kursrückgänge und steigende Volatilitäten selbstverstärkende Prozesse auslösen. Diese sind dann nur noch schwer zu stoppen und es könnte im schlimmsten Fall zu regelrechten Abwärtsspiralen kommen", warnt Joachim Schallmayer von der DekaBank.

Deutsche Bank

Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, geht in seiner Analyse einen Schritt weiter und setzt das Kreditvolumen für Aktienkäufe an der Wall Street ins Verhältnis zur Marktkapitalisierung und den Fundamentaldaten: "In den zurückliegenden zwölf Monaten hat das US-Kreditvolumen für Aktienkäufe zwar um 38 Prozent absolut zugelegt. Jedoch ist es relativ zur Marktkapitalisierung des S&P 500 im selben Zeitraum zurückgegangen, da der US-Aktienmarkt seit Juli 2020 einen Anstieg von 43 Prozent verzeichnen konnte. Setzt man die freien Kreditlinien in Relation zum beanspruchten Kreditvolumen, so ergibt sich aktuell eine Quote von rund 50 Prozent. Das sind knapp zehn Prozentpunkte unterhalb des Niveaus zu Jahresbeginn", rechnet Ulrich Stephan vor.

Robuste Fundamentaldaten könnten laut dem Chefanlagestrategen der Deutschen Bank "ein hohes Leverage durchaus rechtfertigen": "Das durchschnittliche Gewinnwachstum US-amerikanischer Börsenunternehmen lag im zweiten Quartal 2021 bei rund 90 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Sicherlich auch bedingt durch Basiseffekte. Diese werden in den kommenden Monaten abklingen. Vor diesem Hintergrund sind die für die kommenden zwölf Monate prognostizierten durchschnittlichen Gewinnzuwächse der im S&P 500 gelisteten Unternehmen mit rund 17 Prozent durchaus beachtlich."

Widerstandskräfte

Zwei weitere Argumente sprächen laut Stephan für eine gewisse Widerstandskraft des Marktes gegenüber gestiegenden Kredit-Risiken: "Aktienrückkäufe von US-Unternehmen sind in der Regel recht zyklisch und an den jeweiligen Unternehmensgewinnen ausgerichtet. Infolge der extrem geringen Risikoaufschläge (Credit Spreads von US-Investment Grade Unternehmen aktuell bei nur rund 80 Basispunkten), d.h. niedrigen Kapitalkosten, ist es für Unternehmen attraktiv, eigene Aktien zurückzukaufen", beschreibt Stephan einen klassischen Anti-Crash-Faktor.

"Voraussetzung dafür ist allerdings, dass ihre Bilanzen entsprechend gut aufgestellt sind“, ergänzt der Deutsche-Bank-Experte. Von soliden Unternehmensfinanzen könnte man in den USA derzeit ausgehen. "Der durchschnittliche US-Investment-Grade-Emittent hat den Verschuldungsgrad im Verhältnis zum EBITDA von knapp 2,9 auf rund 2,4 senken können; der Durchschnitt der US-Hochzinsemittenten sogar von mehr als 3,5 auf weniger als 2,9. Insofern können Aktienrückkaufprogramme durchaus als Indikator einer gesunden Finanzierungsstruktur des jeweiligen Unternehmens gewertet werden", liefert Stephan Gründe für einen in den Augen von Anlegern gesunden Marktmechanismus.

Ausblick

"Aus unserer Sicht werden die nächsten Wochen und Monate am Aktienmarkt herausfordernd sein. Wir sehen jedoch keine 'spekulative Aktienblase'. Vielmehr könnten aus fundamentaler Sicht die großen Themen Preisdruck, die dadurch bedingte Konsumentenzurückhaltung und möglicherweise etwas straffere Zügel der US-Notenbank für deutlich höhere Schwankungen am Aktienmarkt führen. (…) Auch die US-Steuerdebatte hat Potenzial für größere Kursschwankungen. Gleiches gilt für die regulatorische Aktivität in China und die dadurch bedingt erhöhte Unsicherheit für Unternehmen und Aktionäre", fasst Ulrich Stephan zusammen.

Beruhigung

Noch einmal beruhigend für angespannte Anleger-Nerven wirkt Stephans Statement zum Gesamtmarkt: "In einer klassischen 'Blasenentwicklung' mit den üblichen Übertreibungen befinden wir uns aus meiner Sicht nicht. Zwar gibt es durchaus Bereiche des Aktienmarkts, in denen spekulative Tendenzen feststellbar sind (Stichwort: Retail Community) und wo bereits seit Anfang des Jahres deutliche Kurskorrekturen stattfinden. Für den Gesamtmarkt ist jedoch keine überzogene Euphorie auszumachen, da viele Anleger zurecht relativ nüchtern auf die Covid-bedingt immer noch schwierige wirtschaftliche Lage schauen. Die Signale aus einschlägigen Fundmanager-Surveys stehen daher noch nicht auf 'Rot'", resümiert eine der wichtigsten Stimmen am Kapitalmarkt.

Autor: Christoph Morisse, wallstreet:online Zentralredaktion


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2 Kommentare

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Kommentare

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23.09.21 14:58:55
Der Online Handel war Tod…
Essensdienste gingen alle konkurs…

Die Reiseunternehmen TUI und
Airlines und Flughäfen stehen heute höher als vorher… interessant

Good Luck
Chartier

!!! Der Markt hat immer Recht !!!
Avatar
22.09.21 21:27:43
Auf jeden fall ! Nach dem ersten Lockdown/Crash ging es danach wieder sehr steil bergauf. Und viele Unternehmen waren auf einmal mehr wert als vorher !!?? Wie kann das sein ?? Die Unternehmen waren ja geschlossen oder in Kurzarbeit. Und hatten ja verluste. Corona bedingt !

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Die größten Risiken am Markt Crash-Alarm: Tanzen wir auf einer Rasierklinge? – Viel mehr Aktienkäufe auf Pump An der Wall Street ist das Kreditvolumen für Aktienkäufe enorm gestiegen. Wie groß ist die Gefahr dieser „spekulativen Aktienblase“, wie Hedgefonds-Manager Mike Burry schon im Mai meinte? Antworten!

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