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Für Renditejäger Emerging Markets: Der Blick über den Tellerrand

23.09.2021, 12:13  |  4959   |   |   

Aktien aus Schwellenländern locken oft mit lukrativen Gewinnchancen. Im Gegenzug gehen Anleger größere Risiken ein als an den Märkten der entwickelten Länder.

Vor rund 20 Jahren sorgte eine Studie der US-Investmentbank Goldman Sachs bei Anlegern für großes Aufsehen. In der Untersuchung rückten genau vier Länder als Anlageziel in den Fokus: Brasilien, Russland, Indien und China. Das Akronym „BRIC“ steht auch heute noch stellvertretend für die Chancen, die Schwellenländer (Emerging Markets) an den Aktienmärkten bieten.

Das Muster: Die Volkswirtschaften dieser Länder haben unterschiedliche Stärken; wichtige Rohstoffe (Brasilien), große Energievorkommen (Russland), IT-Leistungen (Indien) und industrielle Fertigung zu niedrigen Löhnen (China). Außerdem stellen die vier Länder rund 40 Prozent der Weltbevölkerung. China ist auch heute noch mit rund 1,41 Milliarden Einwohnern das Land mit der weltweit größten Bevölkerungszahl. An zweiter Stelle folgt Indien mit 1,38 Milliarden Menschen. Die These: Durch die hohe Anzahl der dort lebenden und arbeitenden Menschen können die Länder den Rückstand ihrer Wirtschaftskraft im Zuge der Industrialisierung und des wachsenden Wohlstands gegenüber den entwickelten Ländern schnell wettmachen.

Keine vollständige Entkopplung der Schwellenländer von den entwickelten Märkten

Zwar bieten die Emerging Markets auch heute noch durch ihre hohen Wachstumsraten im Vergleich zu den Industrieländern interessante Renditechancen. Gleichwohl ist spätestens seit dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise 2007/08 klar, dass auch die Schwellenländer von der Entwicklung der globalen Märkte nicht abgekoppelt zu sehen sind. Auch bei ihnen hat es zum Teil erhebliche Markteinbrüche gegeben.

Dennoch stehen sie immer noch auf dem Zettel vieler Anleger. Mit ihnen können Anleger ihr Portfolio diversifizieren, weil sich die Schwellenländer – trotz ihrer Abhängigkeit von der globalen Konjunktur – am Ende nicht eins zu eins zu den Märkten in den USA, Europa und Japan entwickeln. Außerdem sind die Emerging Markets für risikobereite Anleger interessant, die mit ihnen besser abschneiden wollen als an den Märkten der entwickelten Länder.

Politische und wirtschaftliche Faktoren beachten

So ist klar, dass Anleger mit Schwellenländer-Investments bestimmte Risiken in Kauf nehmen. Dazu gehört zum Beispiel das Währungsrisiko. Die Währung des jeweiligen Investitionslandes könnte gegenüber dem Euro an Wert verlieren. Oder die fehlende Sicherheit und Transparenz der Emerging Markets. So können politische Unsicherheit, mangelnde Rechtssicherheit, etwa durch Enteignung von Investoren durch Verstaatlichung, zu Problemen führen. Schwellenländer reagieren tendenziell anfälliger auf wirtschaftliche und politische Unruhen als Industrieländer. Aktien, Anleihen und Fonds aus den Emerging Markets gelten daher als riskanter.

Asiatische Emerging Markets oft im Fokus

Heute stehen beim Investment in die Schwellenländer nicht mehr allein die BRIC-Staaten im Vordergrund. In Asien gehören etwa Länder wie China, Indien, Indonesien, Südkorea, Taiwan und Thailand dazu. In Afrika und Vorderasien etwa Ägypten, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien, Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate. In Lateinamerika werden oft Brasilien und Mexiko genannt. Aber auch osteuropäische Länder wie Polen, Russland, Tschechien und Ungarn zählen zur Kategorie der Emerging Markets.

Ein Indexfonds-Klassiker ist der MSCI Emerging Markets ETF. Der Referenzindex bildet die Wertentwicklung von Unternehmen aus 27 Schwellenländern ab. Mit rund 1.400 Unternehmen weltweit spiegelt der Index rund 85 Prozent der Marktkapitalisierung in den Emerging Markets wider. Unternehmen aus China sind am stärksten in dem Börsenbarometer vertreten. Danach folgen Taiwan, Südkorea, Indien und Brasilien. Zu den Branchen-Schwergewichten zählen Informationstechnologie, Finanzdienstleistungsleistungen und Nicht-Basiskonsumgüter.

Anleger können sich aber auch in kleineren Anlageregionen umschauen. In Nischenmärkten können sie auf weniger beachtete „Investmentperlen“ stoßen. Risikobereite Anleger, die zumindest mit einem kleinen Teil ihres Kapitals den Renditekick suchen, sollten sich mit ihrem favorisierten Markt beschäftigen und dann überlegen, ob dort die Chancen schwerer wiegen als die Risiken.

Nische mit Aussicht: die Philippinen

Eine plausible Investmentstory bieten zum Beispiel die Philippinen. Von den knapp 110 Millionen Einwohnern arbeiten mehr als eine Million in englischsprachigen Callcentern, von denen es nirgendwo so viele gibt wie in dem südasiatischen Schwellenland. Gegenüber anderen asiatischen Ländern haben Philippinos für den amerikanischen Markt den Vorteil, dass viele von ihnen akzentfreies amerikanisches Englisch sprechen und mit amerikanischen Ausdrücken besser vertraut sind.

Die Mitarbeiter helfen amerikanischen Kunden, etwa bei Problemen mit technischen Geräten wie Fernsehern und Computern. Gibt es etwa in New York eine Beschwerde oder Frage am Telefon, antwortet eine Stimme aus Manila, ohne dass der Kunde es bemerkt. Englisch wird auf den Philippinen gesprochen, seitdem die USA vor mehr als 100 Jahren die Spanier als Kolonialmacht ablösten. Als 1946 die Unabhängigkeit kam, war die Sprache so etabliert, dass sie neben Filipino Amtssprache blieb. Hinzu kommt der hohe Bildungsgrad der Bevölkerung — viele Callcenter-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen haben einen Universitätsabschluss.

Boomender Dienstleistungssektor

Die Callcenter sind ein Musterbeispiel für den boomenden Dienstleistungssektor des Landes, der heute rund 60 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beiträgt. Die Prozessauslagerung, die sich „Business Process Outsourcing“ (BPO) nennt, ist der lukrativste und schnellstwachsende Bereich. Die Beschäftigten machen Jobs, die aus reichen Ländern verlagert werden.

Neben den Callcentern werden zahlreiche andere Backoffice-Aufgaben wie Finanz-, Personal- und IT-Dienstleistungen auf die Philippinen ausgelagert. Für die nächsten Jahre wird für den Dienstleistungssektor mit einem Wachstum zwischen 15 und 20 Prozent gerechnet. Dank ihm boomt auch die Baubranche, da etwa Bürogebäude benötigt werden. Für den Ausbau der Infrastruktur will der Staat 160 Milliarden US-Dollar investieren. Geplant sind Großprojekte wie Flughäfen, Seehäfen, Bahnlinien, Straßen, Brücken, Kraftwerke, Bustransitverbindungen, Wasserprojekte und Flutschutzmaßnahmen.

Die Wirtschaft der Philippinen konnte in den Jahren bis zum Ausbruch der Coronapandemie mit hohen Steigerungsraten des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von regelmäßig mehr als sechs Prozent glänzen und galt als eine der wachstumsstärksten Ökonomien Asiens. Laut der bundeseigenen Wirtschaftsfördergesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) brach im Zuge von Covid-19 die Wirtschaftsleistung um rund zehn Prozent ein. In den kommenden Jahren soll es jedoch schnell wieder bergauf gehen und bis 2022 das ursprüngliche Wachstumsniveau erreicht werden.

Indexfonds als Investmentvehikel

Anleger, die auf den Aktienmarkt des asiatischen Landes setzen wollen, können dies per Indexfonds (ETF) auf den MSCI Philippines Index umsetzen. Der Index enthält 38 philippinische Aktien. Der Handel mit Einzelwerten hingegen ist schwierig, da der philippinische Aktienmarkt über Handelsplätze in Deutschland aufgrund von Abwicklungsaspekten nicht direkt zugänglich ist.

Wer in Deutschland an der Börse einen Einzelwert handeln will, kann dies nur über einen ADR (American Depositary Receipt) tun. Zum Beispiel auf die philippinische Telefongesellschaft Philippine Long Distance Telephone Company. ADRs sind von US-Banken begebene Hinterlegungsscheine, die das Eigentum an Aktien von Nicht-US-Unternehmen verbriefen. Sie werden stellvertretend für die Originalaktie gehandelt. Anleger sollten jedoch beachten, dass dabei vergleichsweise große Spannen zwischen An- und Verkaufskurs entstehen können. Da sind die Nebenkosten beim ETF auf den MSCI Philippines Index deutlich günstiger. So liegt hier die jährliche Managementgebühr bei 0,65 Prozent.

Fazit: Die Schwellenländer bieten interessante Anlagemöglichkeiten. Sowohl um das Portfolio zu diversifizieren als auch als Chance, im Vergleich zu den entwickelten Märkten eine bessere Performance zu erzielen.

Gastautor: Gian Hessami





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